Ehemaliger Direktor des Rotenburger Amtsgerichts

Richter Jungkurth geht in den Ruhestand - viele schwierige Entscheidungen gefällt

Macht den (Akten-)Deckel drauf: Harald Jungkurth (65) hat 30 Jahre im Landkreis Hersfeld-Rotenburg Recht gesprochen – jetzt wartet der Ruhestand.
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Macht den (Akten-)Deckel drauf: Harald Jungkurth (65) hat 30 Jahre im Landkreis Hersfeld-Rotenburg Recht gesprochen – jetzt wartet der Ruhestand.

Der Bebraner Harald Jungkurth hat mehr als 30 Jahre im Landkreis Hersfeld-Rotenburg Recht gesprochen. Er hat viel zu erzählen.

Bebra/Bad Hersfeld – Die Richterrobe hängt bereits nicht mehr im Büro, auch die Aktenberge sind überschaubar geworden: Wenn sich Harald Jungkurth am 31. Juli in den Ruhestand verabschiedet, geht mit dem 65-Jährigen auch der letzte Direktor des ehemaligen Rotenburger Amtsgerichts. Der Bebraner hat mehr als 30 Jahre im Landkreis Recht gesprochen, den Fall des Kannibalen von Rotenburg miterlebt und in vielen Fällen für Menschen entschieden, die dazu selbst nicht mehr in der Lage waren. Kurz: Er hat viel zu erzählen.

Der Direktor

Als das Rotenburger Amtsgericht im Jahr 2012 aufgelöst wird und die gesamte Justiz im Landkreis nach Bad Hersfeld zieht, ist Jungkurth sechs Jahre Direktor in der Fuldastadt gewesen. Gemeinsam mit der Politik hat er sich in Wiesbaden gegen das Aus für das Amtsgericht gewehrt – erfolglos. „Es ist für die Bürger schon ein Unterschied, ob sie für die Beantragung eines Erbscheins von Nentershausen nach Rotenburg oder nach Bad Hersfeld fahren müssen“, erklärt er den damaligen Widerstand. Mit dem Umzug sei eine gewisse Bürgernähe verloren gegangen, um Kosten zu sparen. „Wir wären gern in Rotenburg geblieben.“ Mittlerweile sei die Justiz aber längst gut in der Kreisstadt angekommen.

Der Entscheider

Bereits Anfang der 90er-Jahre wird Harald Jungkurth zum Spezialisten für Betreuungssachen, wie es im Juristen-Jargon heißt: Eingeschaltet wird er dann, „wenn Volljährige ihre rechtlichen Angelegenheiten nicht mehr selbst regeln und nicht mehr selbst entscheiden können“. Darunter fallen nicht nur Demenzkranke, für die keine Vollmachten oder Verfügungen vorliegen und für die ein gesetzlicher Vertreter gefunden werden muss. Häufig entscheidet Jungkurth auch für psychisch Kranke, in vielen Fällen sind Alkohol und Drogenkonsum im Spiel und Auslöser der Psychosen.

Zwei bis dreimal pro Woche besucht er die Psychiatrie in Bad Hersfeld. Wenn die Ärzte für einen Patienten einen Aufenthalt in der geschlossenen Abteilung für nötig halten, ist Jungkurth gefragt. Erst recht, wenn die Mediziner beschließen, dass der Patient ans Bett gefesselt werden muss, um das Personal und ihn selbst zu schützen. Die Rede ist dann vom „Fixieren“, weil es weniger schlimm klingt. Doch die Entscheidung ist selten einfach und muss schnell fallen: „Es geht um ganz elementare Rechte, bei Freiheitsentzug können Sie das nicht auf die lange Bank schieben“, sagt der 65-Jährige.

Der Richter hat also nicht viel Zeit, um einen Menschen kennenzulernen und einzuschätzen. „Wer nichts entscheidet, der macht nichts falsch“, sagt Harald Jungkurth nur. Dann schildert er den Fall eines Mannes, der auf offener Straße ausrastet, Polizisten verletzt, die ihn bremsen wollen, und letztendlich in der Psychiatrie landet. Der behandelnde Arzt ist sich sicher: Der Patient ist suizidgefährdet und will ihn festhalten. Jungkurth spricht mit dem Mann, der von Ärger mit der Ehefrau berichtet, von der Suche nach einer Lösung am Boden (mindestens) einer Flasche und der nur aus der Situation heraus gerufen haben will: „Wenn ihr das mit mir macht, springe ich von der Brücke.“ Der Richter fragt: Was ist dran an der Drohung? „Ich bringe mich nicht um, ich hab mir erst einen Mercedes gekauft“, erklärt der Patient in der Anhörung. Da ist er, der Hinweis, der aufhorchen lässt. Jungkurth hakt nach, will den Namen des Autoverkäufers wissen – und schickt den Mann ein Telefonat später auf den Weg, um seinen neuen Wagen abzuholen. „Ich habe nie wieder was von ihm gehört“, sagt der Jurist.

Der Zeitzeuge

In Jungkurths 30 Jahren im Landkreis hat es keinen Fall gegeben, der für so viele Schlagzeilen gesorgt hat wie der Kannibale von Rotenburg. Als 2002 alles beginnt, sitzt Jungkurth mit einem Kollegen in seinem Dienstzimmer. Der junge Proberichter kommt herein und fragt, was er denn mit dem Meiwes machen soll. Die Polizei habe einen Durchsuchungsbefehl beantragt. Dann sickern die ersten Details durch, der Mann aus dem Rotenburger Stadtteil Wüstefeld soll einen Menschen mit dessen Einwilligung getötet und teilweise gegessen haben. „Wir haben das nicht geglaubt“, sagt der 65-jährige Richter heute. Wie viele, die Meiwes erlebt haben, machte er auf den Richter einen vernünftigen Eindruck – manchmal reicht eben alle Zeit der Welt nicht für eine korrekte Einschätzung. „Während der Vernehmung ist der Drucker kaputtgegangen. Den hat er repariert“, sagt Harald Jungkurth – der sogenannte Kannibale von Rotenburg verdiente seinen Lebensunterhalt als Computertechniker.

Der Fall bleibt nicht in Hersfeld-Rotenburg, wird an den übergeordneten Gerichten in Kassel und Frankfurt verhandelt. Verfolgt hat ihn der Richter natürlich trotzdem. „Den Kannibalen aus Rotenburg kennt jeder. Wüstefeld wurde später ja zum Wallfahrtsort für Bekloppte.“

Der Privatmann

Bis vor Kurzem haben Reisebilder aus Neuseeland die Wände in Harald Jungkurths Büro geschmückt. Auch sie sind – wie die Richterrobe und die Aktenberge – bereits verschwunden und haben dunkle Flecken an der Wand hinterlassen. Dennoch sind sie ein Hinweis darauf, dass der 65-Jährige im Ruhestand nicht in ein tiefes Loch fallen wird – eher fällt er einen Berg hinauf. „Meine Frau wird schon das nächste ausgefallene Reiseziel für uns finden“, sagt der Richter kurz vor dem Ruhestand mit einem Lachen. Und schwärmt dann vom schönen Bhutan im Himalaya. (Clemens Herwig)

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