Interview

Bebras Bürgermeister Knoche ist 100 Tage im Amt - Corona drückt den Stempel auf

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Ans Blaumachen denkt Bürgermeister Stefan Knoche nur, wenn es um die Dekoration seines Büros geht: Mit dem neuen Chef hat auch ein Schalke-Schrein in den blau-weißen Vereinsfarben im Bebraer Rathaus seinen Platz gefunden.

Ein neuer Bürgermeister bekommt 100 Tage Zeit, um in seinem Amt anzukommen. Für Bebras Rathauschef Stefan Knoche war die Schonfrist zum Wochenstart rum. Eine Bilanz.

Herr Knoche, wenn Sie nur ein Wort verwenden dürfen, um die ersten 100 Tage im Amt zu beschreiben, wäre das ...?

Skurril. Verrückt. Das sind schon zwei Worte. Dann entscheide ich mich für skurril.

Wir hätten mit „Corona“ gerechnet, aber darauf läuft es wohl hinaus.

Genau. Natürlich habe ich mir den Start anders vorgestellt. Ich weiß zwar heute nicht mehr, was ich mir genau vorgestellt habe, aber der Blick in den Kalender zeigt, dass viele Termine ausgefallen sind. Ab Mitte März sind wir voll ausgebremst worden.

Wir können ein bisschen nachhelfen: Es sollte auf große Vorstellungstour gehen.

Ganze zwei Veranstaltungen habe ich gehabt: 100 Jahre ESV Weiterode und das Frühlingsfest des Männergesangvereins in Breitenbach. Da musste ich noch ein bisschen warm werden mit der neuen Rolle. Was fehlt, ist einfach der Kontakt mit den Menschen: Klar gibt es ein Telefon und ich habe auch Termine – wir sitzen nicht seit drei Monaten herum und warten darauf, dass Corona vorbeigeht. Aber der Kontakt mit den Menschen in Bebra fehlt.

Ist Corona nicht auch eine Chance für den „Neuen“? Derzeit konferieren die Bürgermeister im Kreis wöchentlich – auch die „alten Hasen“ haben eine solche Situation noch nicht erlebt. Krisenmanager sind gefragt. Eine Rolle, in der Sie sich wohlfühlen?

Für mich stellt sich immer die Frage: Was können wir in der Krise in Bebra gestalten? Da hat Corona sicherlich alle im Rathaus noch einmal zusammengeschweißt und an einem Strang ziehen lassen. Danke an alle Kolleginnen und Kollegen im Rathaus und Bauhof, in den Kitas, bei den Stadtwerken und den Feuerwehren. Das werden auch die Kollegen Bürgermeister bei sich feststellen. Die Erfahreneren haben vielleicht den Vorteil, dass sie schon andere Krisen gemeistert haben – wenn auch nicht in diesem Ausmaß. Wie Thomas Rohrbach und auch der Landrat die Situation in Niederaula bewältigt haben (Anm. d. Redaktion: im Kreisaltenzentrum hatte es mehrere Todesfälle nach Corona-Infektionen gegeben), da kann man nur Hochachtung vor haben.

Die Beruhigungszäpfchen für die Fans des Bundesligisten (derzeit: sicherer Platz 10) helfen aber sicher auch, wenn mal wieder viel Arbeit auf dem Schreibtisch liegt.

Folgende Situation: Sie fahren zum Autokonzert auf den Bebraer Mehrzweckplatz und haben Platz auf dem Beifahrersitz. Welchen Amtskollegen nehmen sie mit?

Einen nur? Ich würde natürlich zubranisch denken und drei Kollegen mitnehmen. Ich fange in Ronshausen an, fahre nach Rotenburg und nehme dann noch Georg Lüdtke mit.

Dann ist das Auto voll. Wer darf vorn sitzen?

Ich sitze auf jeden Fall hinten, weil ich über die anderen drübergucken kann. Außerdem komme ich dann besser an den Kofferraum und kann kalte Getränke reichen.

Sie haben neulich betont, dass Bebra trotz der Krise weiter investiert. Gestalten heißt also, Geld in die Hand zu nehmen?

Heute sind wir immerhin ein bisschen schlauer. Vor zwei Monaten wusste niemand, wo die Reise letztendlich hingeht. Im Moment steht Bebra noch halbwegs gut dar. Wir haben unsere laufenden Projekte mit gesicherter Finanzierung und wir werden wegen Corona nicht aufhören, am Inselgebäude am Bahnhof zu bauen. Es gibt auch eine Zeit nach Corona. Bund und Land haben signalisiert, dass die Kommunen investieren sollen und finanziell ausgestattet werden, um das auch zu können. Das ist auch unser Auftrag.

Wo liegen Bebras Stärken? In der Einkaufsstadt, die dringend weitere Gewerbeflächen zum Wachsen braucht?

Das ist eine Gesamtmischung, ein Mehrklang. Wir sind dabei, an der Kerschensteinerstraße Flächen zu sichern. Als ich 2004 das erste Mal in Bebra war, stand dort nicht mehr als ein Schild. Da sind meine Vorgänger drangeblieben, und wenn ich das jetzt vollenden kann, ist das sicher auch ihnen und der Politik zu verdanken. Auch im Industriegebiet Nord müssen wir weiterarbeiten.

Die Mehrheit im Parlament hat eine Einkaufstour an der Justus-Liebig-Straße abgelehnt. Sie hatten nachdrücklich für das Projekt geworben.

Wo eine Tür zugemacht wird, gehen drei andere auf. Natürlich ärgert man sich mal, das gehört dazu. Aber ein Bürgermeister ist keine vollkommene Eminenz. Man lernt jeden Tag Neues, mit den Menschen, mit der Politik. Das Spannende ist doch, dass man morgens um 8 Uhr aus dem Haus geht und nicht immer weiß, was eine Viertelstunde später im Rathaus wartet.

Dazu gibt es eine Anekdote: Weil die Stadtverordneten beim Steinbruch und beim Industriegebiet gegen Ihren Rat gestimmt haben, entschuldigte sich SPD-Chef Gerhard Schneider-Rose dafür, dem Bürgermeister gleich zweimal in die Parade fahren zu müssen. Ist das der neue Ton im Parlament?

Man darf sich ja aneinander reiben. Das Entscheidende ist doch: Wie ist der Umgang im Anschluss? Gucke ich den Anderen nicht mehr an, oder kann man sich noch gemeinsam an die Theke stellen und ein Glas trinken. Es ist nichts Persönliches, es geht um die Sache und da gibt es eben verschiedene Meinungen. Jeder der 37 Stadtverordneten will Bebra voranbringen, wir wollen die nächsten sechs Jahre zusammen etwas erreichen. Mit Gerhard Schneider-Rose habe ich am Abend und auch zwei Wochen später über die Projekte gesprochen.

Sie hatten 100 Tage Zeit, sich einzuarbeiten. Was wird das Stefan-Knoche-Projekt in Bebra?

Das gibt es im Moment noch nicht. Derzeit beschäftigt uns die Krise, ich will aber auch nicht sechs Jahre lang nur Corona verwalten. Die Kindertagesstätten werden sicherlich ein Thema, auch Straßenbau und Wohnraum. Und aus den Ortsteilen werden Wohnprojekte kommen. Es gibt viele Themen, die vielleicht nicht diese Denkmalwirkung haben. Aber man muss sich auch kein Denkmal bauen, sondern schauen, wo man gemeinsam vorangehen kann.

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