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Einigung bei Vitesco in Bebra: Umstrukturierung hinterlässt Spuren

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Von: Clemens Herwig

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Der Einsatz hat sich gelohnt: Auch mit Autokorsos – hier im März 2021 in der Nürnberger Straße am Bebraer Rathaus – hatte sich die Belegschaft von Vitesco gegen einen „Kahlschlag“ gewehrt. 
Der Einsatz hat sich gelohnt: Auch mit Autokorsos – hier im März 2021 in der Nürnberger Straße am Bebraer Rathaus – hatte sich die Belegschaft von Vitesco gegen einen „Kahlschlag“ gewehrt.  © Clemens Herwig

Die neue Einigung bei Vitesco in Bebra sieht vor allem für die Produktion Zusagen vor. „Damit wurde das maximal Mögliche erreicht“, sagt der Betriebsrat.

Bebra – Nach unruhigen eineinhalb Jahren mit Warnstreiks und Autokorsos durch die Innenstadt gibt es am Bebraer Standort von Vitesco Technologies die nächste Einigung: Laut Betriebsratsvorsitzendem Torsten Buske wurden ein Interessenausgleich, ein Sozialplan sowie eine Betriebsvereinbarung geschlossen, die vorerst bis Ende 2025 die Umstrukturierung der ehemaligen Continental-Tochter in Bebra regeln sollen.

Keine betriebsbedingten Kündigungen

Ohne Blessuren kommt der Standort jedoch nicht davon. Zusagen gibt es vor allem für die Produktion. Im Fertigungsbereich des Bebraer Werks werde es für die Laufzeit keine betriebsbedingten Kündigungen geben, so Buske. Für die sogenannten fixen Bereiche der Werkstruktur, etwa die Personalabteilung und das Controlling, gebe es eine Garantie bis Ende 2023.

„Wichtige Sicherheit“

Bei der Verkündung in der Belegschaft am Donnerstag „hat man schon den ein- oder anderen Stein vom Herzen fallen hören“, sagt der Betriebsratsvorsitzende. Die Einigung gebe den Kollegen, die mit ihrem Einsatz für den Sozialtarifvertrag den Weg geebnet hätten, wichtige Sicherheit. „Es wurde das maximal Mögliche erreicht, um hier auch wieder ein Maximum an Ruhe in den Laden zu bekommen“, sagt Buske.

Vitesco-Betriebsratschef Torsten Buske
Vitesco-Betriebsratschef Torsten Buske: „Man hat schon den ein oder anderen Stein vom Herzen fallen hören. “ © Clemens Herwig

Zähe Verhandlungen

Die im Oktober 2020 gestarteten Verhandlungen waren im vergangenen Jahr vom Arbeitskampf im Bebraer Werk unterbrochen worden. Die Belegschaft hatte mit Warnstreiks und der Bereitschaft zu unbefristeten Streiks einen Sozialtarifvertrag erstritten, mit dem vom Stellenabbau Betroffene aufgefangen werden sollen. Erst im August fanden die Parteien wieder zu „langen und zum Teil zähen Verhandlungen“ an einen Tisch zurück, so der Betriebsratschef.

Ausrichtung auf Elektromobilität

Vitesco richtet sich derzeit konsequent auf Elektromobilität aus, in Bebra liegt der Anteil der Verbrennertechnik noch bei bis zu 75 Prozent. Das Werk soll sich im Verbund mit Dortmund zu einem wichtigen Standort für Bauteile der Antriebstechnik entwickeln, heißt es vom Unternehmen. Im Zuge der Umstrukturierung und mit Blick auf die erwarteten Umsatzeinbußen im Bereich der Verbrenner-Technologien sollte die Zahl der Vollzeitbeschäftigten in Bebra und Mühlhausen zwischenzeitlich auf 436 verringert und damit nahezu halbiert werden. Die vereinbarte Schmerzgrenze für den Stellenabbau liege nach Abschluss der Verhandlungen bei 550 Vollzeitjobs – wenn Teilzeitstellen berücksichtigt werden also etwa 700 Beschäftigte.

Ein Drittel der Aussteiger ging freiwillig

Der Weg dorthin ist weniger weit, als es dem Betriebsrat lieb ist. Laut Buske arbeiten in den Werken Bebra und Mühlhausen aktuell noch 820 Menschen, die Standorte haben im vergangenen Jahr damit rund 150 Beschäftigte eingebüßt. Ein Großteil dieser Mitarbeiter sei in den passiven Teil der Altersteilzeit eingetreten. Normalerweise dürfen auf diesem Weg vier Prozent der Belegschaft ausscheiden, am Standortverbund sind es laut Betriebsrat 13 Prozent. „Wir haben die Umstrukturierung kommen sehen“, erläutert Buske. Für die Verträge seien daher bereits in vorangegangenen Verhandlungen die Weichen gestellt worden, zuletzt im Jahr 2020. Rund ein Drittel der Aussteiger löste sich allerdings mit einem freiwilligen Aufhebungsvertrag von Vitesco. „Das tut extrem weh, aber die hohen Abfindungssummen haben das erwartbar gemacht“, so der Betriebsratschef. Genutzt worden sei das Angebot vor allem nach Abschluss des Sozialtarifvertrags und von jüngeren Kollegen, die größere Chancen haben, einen neuen Job am Markt zu finden.

„Das hat Lücken gerissen“

„Das hat Lücken gerissen, die nicht zwangsläufig wieder aufgefüllt werden“, sagt Torsten Buske. In einigen Bereichen sei die Belegschaft an der Kapazitätsgrenze. Zumal sich das Aus für den thüringischen Partnerstandort nicht hatte abwenden lassen: Die verlängerte Werkbank der Eisenbahnerstadt, wo derzeit 132 Mitarbeiter beschäftigt werden, schließt Ende 2024. Die Belegschaft hatte eine Übernahme durch einen Investor abgelehnt – wir berichteten.

Signale gefordert

Das Werk Bebra sei durch die Umstrukturierung in der Position, im Gesamtkonzern um Projekte werben zu können. „Jetzt muss aber auch etwas kommen. Die Belegschaft hat ihren Tribut gezollt“, fordert der Betriebsrat. Die Firmenleitung müsse mit neuen Projekten nun ein wichtiges Signal senden. (Clemens Herwig)

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