Warnstreik mit Autokorso

Protest bei Continental in Bebra: „Wir sind keine Nummern“

Das Bild zeigt einen Autokorso von Mitarbeitern der Continental-Tochter Vitesco in Bebra.
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Protest mit Autokorso: Erneut Warnstreik bei Continental in Bebra

200 Mitarbeiter der Continental-Tochter Vitesco in Bebra haben am Freitag ihre Arbeit niedergelegt. Wir waren vor Ort - ein ausführlicher Bericht.

Bebra – Über vier Runden sind die IG Metall und die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie in den vergangenen Monaten bereits gegangen, die Tarifverhandlungen werden von der Gewerkschaft nun auch mit Warnstreiks geführt. Am Freitag legten daher rund 200 Mitarbeiter der Continental-Tochter Vitesco in Bebra zweieinhalb Stunden vor Schichtende die Arbeit nieder.

Mit einem Autokorso ging es für viele von ihnen anschließend laut hupend durch die Innenstadt zu einer Kundgebung auf dem Mehrzweckplatz. Gefordert wird ein branchenweites Entgeltvolumen von vier Prozent. Übersetzt heißt das: mehr Gehalt, aber vor allem eine Perspektive.

Kampf mit Umsatzeinbrüchen

Denn die Erhöhung soll sich nicht nur beim Lohn bemerkbar machen, sondern auch zur Beschäftigungssicherung und für Auszubildende genutzt werden. Für die Continental-Mitarbeiter in Bebra dürfte das entscheidend sein: Der Automobilzuliefer kämpft laut dem neuen Betriebsratschef Torsten Buske durch die Corona-Pandemie mit Umsatzeinbrüchen, der gesamte Konzern befindet sich außerdem immer noch in einer großangelegten Umstrukturierung. Rund 70 Prozent der Produktion in Bebra sei auf Verbrennungsmotoren spezialisiert, am Standort Mühlhausen, der als Bebras verlängerte Werkbank gilt und bis 2022 geschlossen werden soll, seien es nahezu 100 Prozent. Das Unternehmen will sich aber verstärkt in Richtung Elektroantriebe entwickeln.

Auf Lohnerhöhung verzichtet

Es ist kalt auf dem Bebraer Mehrzweckplatz am Freitagmittag, aber die etwa 150 Vitesco-Mitarbeiter klatschen sich die Hände warm: „Wir sind keine Nummern auf einer Liste“, ruft der Betriebsratschef da gerade. 2018 hatte der Standortverbund Bebra-Mühlhausen noch rund 1200 Mitarbeiter, derzeit sind es etwa 915. Buskes Befürchtung: Kommen bei der Umstrukturierung zum altersbedingten Ausscheiden betriebsbedingte Kündigungen hinzu, könnte fast jeder zweite Arbeitsplatz gefährdet sein. Mitarbeiter würden dabei zu Nummern auf Listen degradiert: „Aber wir sind keine Nummern“, ruft Buske erneut. In der vergangenen Woche haben die Gewerkschafts-Mitglieder bei Vitesco einen Sozialtarifvertrag gefordert: Er soll Absicherung bei betriebsbedingten Kündigungen schaffen. So sollen etwa Abfindungen aufgestockt werden. „Wir haben seit 2018 zum Wohle der Firma auf eine Lohnerhöhung verzichtet“, sagt Buske.

Auf Abstand und mit Maske: Auch Marco Böhmer und Tiffany Reimold fordern einen Tarifabschluss.

Auch Tiffany Reimold (seit 11 Jahren in der Continental-Produktion) und Marco Böhmer (13 Jahre Produktion) klatschen für einen sicheren Arbeitsplatz. Wie die anderen Teilnehmer der Kundgebung stehen die beiden Rotenburger mit Maske und auf Abstand auf dem Mehrzweckplatz. Bei einem ersten Warnstreik in Bebra vor zwei Wochen hatte die IG Metall coronabedingt noch auf eine Kundgebung verzichtet. Jetzt bittet Elke Volkmann, Zweite Bevollmächtigte der Gewerkschaft für Nordhessen: „Lasst eure Masken auf.“

Konstruktives Angebot gefordert

Jörg Köhlinger, Verhandlungsführer der IG Metall für die Mittelgruppe, zu der Bebra gehört, lässt bei seiner Rede Frust ab: „Zehn Jahre wurden Profite gemacht, und wenn es mal nicht so läuft, werden Menschen entlassen.“ Köhlinger fordert von Arbeitgeberseite ein „konstruktives Verhandlungsgebot in den nächsten Tagen. Ohne Tarifabschluss gehen wir nicht nach Hause“, gibt er sich kämpferisch. Bei Elke Volkmann klingt das ähnlich: „Ich glaube, wir sind nicht das letzte Mal auf dem Mehrzweckplatz gewesen“, gibt sie den Vitesco-Mitarbeitern mit auf den Heimweg. (Clemens Herwig)

Buske neuer Betriebsratschef

Der neue Betriebsratschef bei Vitesco Technologies am Standort Bebra-Mühlhausen heißt seit dem 8. März Torsten Buske. Der 49-Jährige aus Weiterode arbeitet seit 21 Jahren für Continental und folgt auf Karl-Heinz Wicke – der langjährige Betriebsratschef ist nun Ruheständler. (cig)

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