Ande Werner: „Wir haben manchmal die Keule dabei“

Mundstuhl im Interview über Comedy in Corona-Zeiten

Komikerduo „Mundstuhl“ in pinken Flamingo-Kostümen
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Schlüpfen nur in ein Kostüm, wenn es ihnen passt: die Comedians von Mundstuhl im Outfit zum Programm „Flamongos“. Den Namen hatte Ande Werner (links) bei einem Mitspieler beim Online-Skat entdeckt und fand ihn „ultralustig“.

Die südhessischen Comedians von Mundstuhl sind die ersten prominenten Gäste, mit denen am Freitag, 9. Oktober, im Lokschuppen in Bebra das Kulturprogramm nach dem Corona-K.o. wieder aufsteht.

Bebra — Wir haben mit Ande Werner – 50 Prozent von Mundstuhl, aber zu 100 Prozent Komiker – über Comedy, Corona und die große Witzkeule gesprochen.

Herr Werner, die Corona-Schockstarre war lang und auch Comedy-Größen hatten nicht viel zu lachen. Jetzt geht es wieder los, es heißt sie sind heiß auf die Bühne...
Ich hab total Bock, wirklich wahr. Jedes Mal, wenn wir vor Publikum spielen, gehe ich von der Bühne und sage zu Lars: Ich weiß, warum ich den Job so geil finde (Anmerkung der Redaktion: Gemeint ist Lars Niedereichholz, die restlichen 50 Prozent von Mundstuhl). Wir sind ja keine Maurer. Die können sich abends ihr Tagwerk angucken und sagen: Die Mauer stand vorher nicht da, die haben wir heute hingeschustert. Lars und ich machen in dem Sinne nichts Produktives. Die Bühne gibt einem da unheimlich viel zurück, wenn man Leute unterhält und das auf fruchtbaren Boden fällt.
War die Durststrecke nach über 20 Jahren auf der Bühne also auch eine Art Verjüngungskur?
Es gibt ja diesen alten Spruch: Man weiß nie, was man hatte, als bis es weg ist. Ich will mal ein Bild bemühen. Wenn es jeden Tag das feinste Filetsteak gibt, sagst du nach einem Jahr: Ach Gott, ich hätte mal wieder Bock auf was anderes. Wenn du es aber eine zeitlang nicht hattest und bekommst es wieder, denkst du: Wie geil ist das denn bitte? Ähnlich ist es bei Lars und mir. Wir spielen vielleicht 20 Prozent von dem, was geplant war für diesen Herbst. Aber wenigstens spielen wir, auch, wenn es manchmal wirtschaftlich nicht so viel Sinn macht.
In den Lokschuppen in Bebra passen 180 Leute. Das dürften Sie im Portemonnaie merken.
Wir haben schon in Bonn einen Auftritt gehabt, der wirtschaftlich keinen großen Sinn gemacht hat – unser Techniker hat mehr verdient als wir. Was wirtschaftlich überhaupt nicht funktioniert, versuchen wir nicht zu spielen, es sei denn, wir werden von alten Mitstreitern darum gebeten. Aber wir finden es extrem asozial, wenn sehr viele Kollegen die ganze Herbstermine ins nächste Frühjahr verlegen – ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Rücksicht auf die Häuser, die Techniker. Keiner weiß, ob es im Frühjahr besser wird. Lars und ich spielen das, was machbar ist, und wenn wir nur einen Hunderter am Abend verdient haben.
Mundstuhl hat im Sommer auch Vorstellungen im Autokino-Format gegeben. In Bebra wurde das ebenfalls ausprobiert...
Das war irgendwie grenzwertig. Im Grunde spielst du in einem Autohaus. Ich weiß, dass die Leute Spaß hatten, weil ich Kumpels im Publikum hatte, aber für mich ist das nichts.
Woran liegt’s?
Ich will jetzt nicht Genres gegeneinander ausspielen, aber ich mache ja wieder Musik – das war auch so ein Kind der Corona-Zeit. Als Band spielst du auch im Proberaum, du bist es gewohnt, dass kein Publikum da ist und es einen durchgehenden Takt gibt. Bei Komikern geht es ums Timing. Es gibt Pointen, da weißt du: Das sind 100-prozentige Sonntagsstellen – so nennen wird das immer. Trotzdem ist es von Saal zu Saal unterschiedlich, wie lang und wie stark gelacht wird. Es gibt dann Pointen, die man obendrauf setzen kann, wenn es gut abgeht. Wenn du aber vor einem Publikum spielst, das du nicht wahrnimmst, dann musst du irgendwie raten. Das Timing stimmt nie. Das Publikum und die Leute, die auf der Bühne stehen, sind ein Organismus. Das befruchtet sich gegenseitig. Und das fehlt im Autokino.
Sowohl Sie als auch Lars Niedereichholz haben sich lange Zeit als Musiker versucht. Man hat Mundstuhl mal als AC/DC der Comedy bezeichnet – eine Anspielung darauf, dass Sie immer unter Strom stehen?
Ich fühle mich geadelt, wenn jemand so etwas sagt. Klar, wir stehen immer unter Strom. Aber im Grunde geht es glaube ich darum, dass AC/DC für eine bestimmte Art von Musik steht – im Gegensatz zu sagen wir mal U2, die anfangs Gitarrenrock gemacht haben und dann Popmusik. Lars und ich stehen auch für eine Art von Comedy – wo Mundstuhl draufsteht, ist Mundstuhl drin.
Was auch heißt, dass gern mehr als nur der kleine Zeh über die Linie des politisch korrekten gesetzt wird.
Unbedingt. Wir sind politisch inkorrekt und lassen uns nicht in ein Kostüm zwängen. Jeder dahergelaufene Idiot will einem einen Maulkorb verpassen, das machen wir einfach nicht mit. Da sind wir wieder bei AC/DC: Die Leuten wissen, dass die keinen Jazz machen. Und bei uns wissen sie, dass wir nicht zwangsläufig für den feinsinnigsten Humor stehen und manchmal die Keule dabei haben.
Im März hat allerdings Corona die Keule rausgeholt. Wie hart hat die Krise in der Branche zugelangt?
Etablierte Leute wie wir oder die Künstler, die man aus dem Fernsehen kennt, werden da relativ unbeleckt rausgehen. Es wird aber ziemlich schwer für Newcomer, die sich vor 30 Leuten dreimal die Woche ihr Geld hart verdienen müssen. Dafür wird es die Clubs nicht mehr geben, weil die auch versuchen müssen, mit namhaften Künstlern das Publikum zu ziehen, um selbst überleben zu können. Die Häuser, in denen auch wir spielen, haben laufende Betriebskosten im vier- und teilweise fünfstelligen Bereich pro Monat. Es wird also ein großes Sterben geben. Das ist wie in der Industrie, wo die ganzen kleinen und mittelständischen Betriebe über die Wupper gehen.
Was würden Dragan und Alder – die beiden Proleten, mit denen Mundstuhl bekannt geworden sind – denn zur Corona-Pandemie sagen?
(lacht und antwortet dann als Dragan) Isch weiß net. Scheisendreck. Isch geh Konsti und kann nix verchecken, is ja kein Mensch unterwegs.

Zur Person

Ande Werner (51) ist seit knapp 25 Jahren Teil des Comedy-Duos Mundstuhl. Die Hessen lernten sich Mitte der 90er-Jahre kennen, als sich die Wege ihrer Hardrockbands kreuzten. Nach einer gemeinsamen Tour sattelten die Musiker auf Comedian um, 1997 wurden Ande Werner und Lars Niedereichholz in den Rollen der Proleten Dragan und Alder bundesweit bekannt. Weitere Figuren wie C- und F-Hörnchen und Peggy und Sandy folgten, die Mundstuhl in mehreren Live-Programmen, aber auch in zahlreichen TV-Auftritten verkörperten. 2000 erhielt das Duo den Echo für die beste Comedyproduktion, 2002 scheiterte es mit dem Titel „Fleisch“ im Vorentscheid des Eurovision Songcontest. Werner hat Germanistik, Philosophie und Skandinavistik studiert, „dann kam Mundstuhl in die Quere“. Er lebt in Hanau, ist unverheiratet und hat keine Kinder. 

Von Clemens Herwig

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