Bollwerk gegen den Lärm

Bebra: Kritik an Schallschutzwänden - Anwohner vermissen Blick auf Loks

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Viele Anwohner üben Kritik: Wo die Wände stehen, sei es häufig nur wenig oder gar nicht leiser, sie versperrten aber in der Eisenbahnerstadt nun die Sicht auf die Züge. Unser Foto zeigt Thomas Quitsch aus Weiterode. Seiner Familie bringe das Bollwerk nichts, sagt er. Das Haus Im Knatz befindet sich über der Strecke, die weiter Richtung Bahnhof durch ein tiefes, enges Tal führt, wo die Wände vollkommen überflüssig seien.  

Bebra. Der Bau der Schallschutzwände (SSW) in Bebra pausiert zurzeit – bis auf wenige Restarbeiten. Erst ab Herbst geht es weiter. Der sechs Kilometer lange Bau dauert noch bis Ende 2018.

Die Wände im Bereich Grimmelsbergstraße, Im Göttinger Bogen, Fröbelweg, Am Stadtbad, Ludwig-Uhland-Straße, Hermann-Löns-Weg und Danziger Straße (SSW 7 und 8) wurden seit Januar gebaut und sind jetzt fertig. Sie sind knapp 500, beziehungsweise über 1000 Meter lang.

Eine besondere Schwierigkeit waren bis dahin unbekannte Abwasserleitungen am ehemaligen Bahnübergang an der Blücherstraße, die überbrückt werden mussten, erklärte Andreas Tecklenburg, der bei der DB Netz für die Lärmsanierung zuständig ist.

Schon im vergangenen Jahr wurden die Wände im Bereich Stadtbad bis Alheimer Weg sowie Hersfelder Straße bis Friedhofstraße errichtet. Die meisten sind etwa drei Meter hoch und bestehen aus schallschluckenden Leichtmetallelementen. Die Arbeiten führt die Bauunternehmung Josef Pfaffinger aus Passau aus.

Etwa 200 000 Euro von insgesamt neun Millionen Euro für den Schallschutz in Bebra sollen für Schallschutzfenster von 600 Wohnungen und Häusern ausgegeben werden (siehe Hintergrund).

Stimmen der Anwohner: Unerwartete Kritik

Auf ein geteiltes Echo der Anwohner treffen die grünen Wände, von einigen Anwohnern auch als Mauer bezeichnet, die nun die Eisenbahnerstadt durchzieht. Wir sprachen mit einigen Anwohnern und hörten unerwartet viel Kritik, aber auch Stimmen der Erleichterung, weil der Lärm der Züge sich zumindest an einigen Stellen reduziert hat. Was alle eint: Sie vermissen den Blick auf die unterschiedlichen Loks.

Weniger Lärm: Zeki Paylanmaz und seine Familie stören sich nicht an der Wand, die hier weitgehend hinter Fichten versteckt ist.

Die Wände seien so überflüssig wie ein Kropf, meint das Ehepaar Mühlbauer, das an der Egerländer Straße wohnt. Der Aufwand stehe in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Andere sagen, der Lärm sei zwar etwas geringer, aber nun sei nichts mehr zu sehen. Die Eisenbahn gehöre doch zu Bebra, sagt ein Ehepaar, das sich bewusst ein Haus mit Garten direkt an der Bahnlinie gekauft hatte.

Ehepaar mit Garten direkt an der Bahnlinie

Es sei leiser geworden, sagt Zeki Paylanmaz, der an der Ludwig-Uhland-Straße wohnt. Die Schallschutzwand ist auf dem von der Familie bewohnten Grundstück weitgehend von Fichten verdeckt. Paylanmaz kritisiert allerdings, dass hinter den Bäumen noch immer Bauschutt liege.

Für eine Verlängerung der Schallschutzwand hat das Ehepaar Mähler, das an der Friedhofstraße in Weiterode wohnt, gesorgt. Die Wand in ihrem Sichtbereich sollte – wegen einer fehlerhaften Verortung des Bahnkilometers 531 in den Bauplänen – rund 60 Meter kürzer werden. Dann wäre der Schall wie in einen Trichter auf Weiterode geleitet worden. Mithilfe von Bürgermeister Uwe Hassl, Bauamtsleiter Patrick Schuster und Stadtarchivar Peter Kehm habe er die Bahn von dem Fehler überzeugen können. Jetzt sei es wohl leiser, aber die Züge auf den Rangiergleisen, die über der Schallschutzwand liegen, sind natürlich laut wie zuvor.

Mähler, Sohn eines Rangiermeisters, ist auch unverständlich, warum „Im Knatz“ und an der Alleestraße in Weiterode Wände entlang der Gleise errichtet worden sind, obwohl dort die Gleise tiefer liegen als die Bebauung.

Der Eisenbahnfan in diesem Haus blickt jetzt auf die grüne „Mauer“, wie er sagt: Das Ehepaar hatte das Haus ganz bewusst an der Bahnlinie gekauft. Der Mann erkennt jede Lok am Geräusch. 

Das kann auch Thomas Quitsch nicht nachvollziehen, der mit seiner Familie Im Knatz wohnt. Der Schallschutz komme ohnehin viel zu spät. Früher sei es wegen des viel stärkeren Verkehrs und dem Betrieb auf dem Abrollberg viel lauter gewesen. Er möchte sich nicht beschweren, aber statt der Wand wären neue Fenster effektiver gewesen, sagt Quitsch. Bisher hatte er einen tollen Blick auf die aus Süd-Westen kommenden Züge, hin und wieder auch Dampfloks darunter. Nun versperre das teils sehr massive Bollwerk die Sicht – auch für die Bahnfans. Die haben bei Fahrtagen der historischen Züge immer wieder von seinem Balkon aus die Aussicht genossen.

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