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Student verarbeitet in Imshausen Erlebnisse als Seenotretter im Mittelmeer

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Von: Lea-Sophie Mollus

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Rekonstruktion seiner Realität: Was Stipendiat Adrian Pourviseh als Seenotretter erlebt hat, verarbeitet er mit Schrift und Bild in einer Graphic Novel.
Rekonstruktion seiner Realität: Was Stipendiat Adrian Pourviseh als Seenotretter erlebt hat, verarbeitet er mit Schrift und Bild in einer Graphic Novel. © Lea-Sophie Mollus

Seine Erlebnisse als Seenotretter verarbeitet ein Student auf sehr ungewöhnliche Weise. Er lebt und arbeitet im Domizil von Adam von Trott in Imshausen.

Imshausen – „Grenzen fanden wir keine auf dem Mittelmeer, außer die Grenzen zwischen Leben und Tod.“ Auf einem großen Blatt Papier hängt dieser Satz in Adrian Pourvisehs Atelier – immer präsent, nicht nur auf dem Papier. Der 27-Jährige engagiert sich für die Seenotrettung, hat gemeinsam mit der Crew auf dem Schiff „Sea-Watch 3“ bei bisher sechs Einsätzen auf dem Mittelmeer hunderte geflüchtete Menschen gerettet. Seine Erlebnisse verarbeitet er auf besondere Art: In seinem Tagebuch schreibt er nicht nur Gedanken und Gefühle nieder, sondern verbildlicht sie zudem mit Zeichnungen. „Ich rekonstruiere die Realität und begleite das mit Bildern aus meinem Kopf“, beschreibt er sein Tun. Weil das Passierte erzählt werden muss, wie er sagt, arbeitet er an „Der Sommer im Mittelmeer“, einer Graphic Novel (deutsch: grafischer Roman, oder auch Comicroman), die im August 2023 im Avant-Verlag erscheinen soll.

Überlebenskampf auf dem Mittelmeer

Unterstützt wird Pourviseh dabei vom Hessischen Literaturrat und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit dem Stipendienprogramm „Land in Sicht: Autor*innenresidenzen im ländlichen Raum“. In Kooperation mit der Stiftung Adam von Trott in Imshausen hat der in Marburg Entwicklungsökonomie studierende 27-Jährige so die Möglichkeit, an der historischen Stätte in Gedenken an den Widerstandskämpfer zu wirken. „Es ist mir eine große Ehre, in dem Domizil Adam von Trotts leben und arbeiten zu dürfen. Die Werte dieses Antifaschisten inspirieren und bestärken mich, Ungerechtigkeiten anzuprangern“, sagt er. Künstlerisch setzt er sich mit den Folgen der europäischen Abschottungspolitik auseinander und erzählt in seinem Buch von „der außerordentlichen Hässlichkeit des Überlebenskampfes auf dem Mittelmeer“.

Druckreife Illustrationen

Dass es bei seiner Kunst „nicht um Ästhetik, sondern um Hässlichkeit“ geht, betont Pourviseh, der keinerlei künstlerische Ausbildung absolviert hat, immer wieder – bei einem kurzen Einblick in sein persönliches Tagebuch, das er während seiner Zeit auf der „Sea-Watch 3“ geführt hat, kaum nachvollziehbar. Neben gekritzelten Begriffen wie Angst finden sich voll ausformulierte Niederschriften seiner Gedanken, Kalligrafien und druckreife, mit Aquarell und Buntstiften gefertigte Illustrationen – unter anderem von Geflüchteten, die er mit seiner Crew gerettet hat.

Erbe von Flucht in seiner Familie

Als Sohn eines während der islamischen Revolution aus dem Iran geflohenen Vaters trägt der in Koblenz geborene und in Karlsruhe aufgewachsene Pourviseh „das Erbe von Flucht in seiner Familie“, wie er sagt. „Ich bin mit Geschichten von Flucht aufgewachsen.“ Während seines Studiums hat er begonnen, Arabisch zu lernen, beherrscht aber auch Deutsch, Persisch, Englisch und Französisch. So engagierte er sich seit 2015 als Übersetzer für jugendliche Geflüchtete, bis er 2019 als Übersetzer, Foto- und Videograf auf das Seenotrettungsschiff ging.

„Ich habe Menschen sterben sehen“

„Ich habe gesehen, wie Menschen sterben“, sagt Pourviseh eindringlich mit ruhiger Stimme. Er erzählt von einem Moment, der ihm nie aus dem Kopf gehen wird: die Rettung eines mit 400 Menschen völlig überfüllten, leckschlagenden Holzbootes inmitten des Mittelmeers. „Das war ein prägender Moment, diese grenzenlose Solidarität zu sehen ...“ Bevor er weitersprechen kann, versagt ihm die Stimme. Tränen stehen dem 27-Jährigen in den dunkelbraunen Augen. Er wirkt ehrlich und nahbar. In diesem Moment lässt sich nur erahnen, welche Bilder sich vor seinem geistigen Auge abspielen. „Der rassistische Hass in den Gesellschaften ist real auf dem Mittelmeer zu sehen. Wir tun das, was eigentlich Aufgabe der Politik ist.“

Gehirn schaltet bei Fotos ab

Trotz psychologischer Betreuung bei Einsätzen wie diesem, verarbeitet Pourviseh die Erlebnisse auf seine Art: „Ich muss die Dinge aus meinem Kopf loswerden.“ Doch mit seiner 180 Seiten langen Graphic Novel sowie mit Workshops an Schulen, Hochschulen und Museen tut er nicht nur etwas für sich, sondern will den Menschen die Augen öffnen. „Der Tod an unseren Außengrenzen wird mehr und mehr in Kauf genommen. Die Fotos haben wir alle schon in den Medien gesehen, da macht das Gehirn zu.“

„Die Realität ist keine schöne Geschichte“

Er präsentiert die Ereignisse also auf andere Art, weil er so eher an die Menschen herankomme. Sein Ziel: Konfrontation. „Ich will nicht, dass man das Buch am Ende zuschlägt und sagt, dass es interessant war. Ich will, dass man das Buch zwischendurch weglegen muss“, sagt er überzeugt. „Die Realität ist keine schöne Geschichte.“

(Lea-Sophie Mollus)

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