1. Startseite
  2. Lokales
  3. Rotenburg / Bebra
  4. Bebra

Bebras Denkmal-Dampflok 01 1102: Kuriose Odyssee bei der Rückkehr nach Deutschland

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Clemens Herwig

Kommentare

Dampflok mit Druck: Das Foto zeigt die restaurierte und in Dampf gehüllte Lok 01 1102 in ihrer markante dunkelblauen Stromlinienverkleidung bei der Abfahrt in Bebra im März 1996.
Dampflok mit Druck: Wieder in ihre markante Stromlinienverkleidung gehüllt macht die restaurierte 01 1102 im März 1996 bei ihrer Jungfernfahrt nach Braunschweig über Nacht in Bebra Station. Durch den bereits in den 50er-Jahren vom Kasseler Lokbauer Henschel aufgewerteten Kessel mit Ölfeuerung erreichte die Schnellzug-Dampflok 2470 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von über 150 Stundenkilometern. © Martin Kegel/Stadtarchiv Bebra

Zwei Jahrzehnte steht die Lok 01 1102 als Denkmal in Bebra – dann beginnt ihr zweites Leben auf der Schiene, das 2013 in Tschechien endet. Nun ist sie zurück in Deutschland.

Bebra – Als die Dampflokomotive mit der Nummer 01 1102 im November die tschechische Grenze bei Bad Schandau in Sachsen überquert, ist die Aufregung in der Eisenbahnerszene groß. Eingereiht in einen Tross aus 15 teils luxuriös ausgestatteten historischen Reisezugwagen des „Rheingold“ und des „Orient-Express“ aus den 1920er Jahren erreicht die Lok nach über acht Jahren wieder deutschen Boden.

Der Zug im Schlepp einer modernen Diesellok ist etwa 350 Meter lang und gut 1000 Tonnen schwer. Im Internet dokumentieren Fans seinen Weg, Fachzeitschriften berichten über die Überführung. Was zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar ist: Die Fahrt wird eine weitere Odyssee in der bewegten Geschichte der Dampflok, bei der auch Gaffer und Gauner einer Rolle spielen.

Ein Rückblick: Kurz nach ihrer Ankunft im Ausbesserungswerk Ceské Velenice in Südböhmen im November 2013 wird dort der Betrieb wegen Insolvenz eingestellt. Die bereits teilzerlegte Dampflok bleibt stehen. Die Zeit in der Tschechischen Republik hat Spuren hinterlassen bei der liebevoll „1102“ („Elf-Null-Zwo“) genannten Zugmaschine. „Bremze unbrauchbar!“ schreiben die Eisenbahner aus dem Nachbarland im Überführungsschein nach Deutschland – maximal 50 Stundenkilometer darf der Sonderzug fahren.

Bebra und die Denkmal-Dampflok: Letztes Zeugnis ist das Bild am Rathaus

„Das Deutsch der Kollegen ist besser als mein Tschechisch“, sagt Patrick Rehn und lacht. Der Lokführer aus Bebra verfolgt die Rückkehr aufmerksam und hat – wie wohl viele in der Eisenbahnerstadt – schöne Erinnerungen an die Dampflok, die 1940 in Berlin als Schnellzuglok gebaut wird und nach dem Zweiten Weltkrieg für knapp sieben Jahre in Bebra stationiert ist. Nach der Ausmusterung (Laufleistung: mehr als vier Millionen Kilometer) kauft die Stadt die Lok, die als Symbol für die große Zeit der Eisenbahn ab 1974 auf der Grünanlage „Auf der Bleiche“ unterhalb der Eisernen Brücke steht und nachts beleuchtet wird.

Lokführer Patrick Rehn aus Bebra steht vor dem Wandgemälde auf dem Rathausmarkt der Eisenbahnerstadt, das die Denkmal-Lok 01 1102 zeigt.
Lokführer aus der Eisenbahnerstadt Bebra: Patrick Rehn vor dem Wandgemälde auf dem Rathausmarkt, das die Denkmal-Lok 01 1102 zeigt. © Clemens Herwig

Spuren dieser Zeit sucht man heute dort vergeblich: Der für das Stahlungetüm mit einem Leergewicht von etwa 150 Tonnen angelegte 20-Meter-Gleisabschnitt mit Schwellen, Schienen und Schotter, die Hinweistafel – sie sind längst verschwunden. „Letztes Zeugnis der 01 1102 ist das Bild am Rathausmarkt“, sagt Rehn.

Die Dampflok hat ihren Teil dazu beigetragen, dass sich der Bebraner „mit dem Eisenbahn-Virus“ angesteckt hat. Sein Großvater, der damals im Gleisbau für die Bahn arbeitet, nimmt ihn in seiner Kindheit oft mit an das Denkmal, wo der Junge spielt, während moderne Züge über die nahen Gleise durch den Bahnhof Bebra rauschen.

Die Dampflokomotive 01 1102 erinnert von 1974 bis 1995 als Denkmal an der Eisernen Brücke in Bebra an die große Eisenbahnerzeit. Der rot-schwarze Stahlkoloss steht auf extra angelegten Schienen samt Schotter auf der Grünfläche „Auf der Bleiche“.
Nicht nur für viele Bebraner, sondern auch für zahlreiche Zugreisende war sie über zwei Jahrzehnte ein vertrauter Anblick am Bebraer Bahnhof: Die Dampflokomotive 01 1102. Der beeindruckende Stahlkoloss erinnerte als Denkmal an der Eisernen Brücke an die große Eisenbahnerzeit. © Stadtarchiv Bebra

Damit ist es im Februar 1995 vorbei: Zunächst als Leihgabe überlässt die Stadt Bebra die Lok dem Investor Johannes Klings, der den Stahlkoloss durch Spezialisten des Dampflokwerks Meiningen in Thüringen abbauen und betriebsfähig aufarbeiten lässt. In Meiningen wird auch die markante Stromlinienverkleidung von 1939 rekonstruiert, die nach dem Krieg zurückgebaut worden ist. Die Lok wird passend zu den Wagen von Klings Sonderzug dunkelblau lackiert – was ungewöhnlich ist, „weil deutsche Stromlinien-Dampfloks entweder schwarz oder rot waren“, sagt Eisenbahner Patrick Rehn.

Das zweite Leben der „Elf-Null-Zwo“ und die Bebra-Klausel

Am 1. März 1996 geht die „Elf-Null-Zwo“ zum zweiten Mal auf Jungfernfahrt und wird am Abend des Folgetages von hunderten Schaulustigen in Bebra begrüßt. Das Wappen der Eisenbahnerstadt prangt immer noch auf dem Tender. In einigen Berichten heißt es, laut Vertrag solle die Lok mindestens einmal im Jahr in ihre Heimat zurückkehren – wenn das stimmt, wird die Klausel später meist ignoriert.

Nach zwei Jahrzehnten in Bebra wird die Denkmal-Lok im Februar 1995 abgebaut. Das Foto zeigt sie in mehrere Teile zerlegt auf der Grünfläche unterhalb der Eisernen Brücke am Bahnhof Bebra.
Nach zwei Jahrzehnten in Bebra wird die Denkmal-Lok im Februar 1995 abgebaut. Damit verschwindet ein Blickfang auch für vorbeifahrende Zugreisende. Das war nicht immer so: Weil sie nach wenigen Jahren ausgeblichen und verrostet ist, restaurieren junge Eisenbahnfans die Lok ab 1978 vier Jahre lang ehrenamtlich. © Ludwig Zindler/Stadtarchiv Bebra

In den folgenden acht Jahren ist die Lok quer durch Deutschland und teilweise Europa unterwegs – immer wieder ausgebremst von Pech und Pannen. 2004 wird sie stillgelegt und zunächst in Meiningen, dann im Heilbronner Eisenbahnmuseum und zuletzt im tschechischen Werk untergebracht. Eigentümer ist mittlerweile die Schweizer Transeurop Eisenbahn AG, zur geplanten Instandsetzung kommt es nicht. Stattdessen wird es ruhig um 01 1102 – bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland.

Gaffer und Gauner nutzen Zwangspause des Sonderzugs

Der Sonderzug zieht Ende des vergangenen Jahres nicht nur dadurch Aufmerksamkeit auf sich, dass er mit der bekannten Dampflok und luxuriösen Salonwagen unterwegs ist. Er hinterlässt auch sogenannte Rotausleuchtungen: Der Warnhinweis wird ausgegeben, wenn ein Gleisabschnitt nach dem Passieren eines Zuges weiterhin als besetzt gemeldet wird. Signale entlang der Strecke zählen dafür die Zugachsen – und kommen offenbar durcheinander, als die Überführung aus Tschechien vorbeizieht. Die Folge: Nachfolgende Züge müssen „auf Sicht“ fahren und werden auf maximal Tempo 40 ausgebremst. Das Eisenbahnbundesamt wird eingeschaltet: „Zwischen Dresden und Leipzig war dann Schluss“, sagt Patrick Rehn.

Für mehr als drei Wochen macht der Sonderzug Zwangspause auf dem sächsischen Betriebsbahnhof Dornreichenbach – und kommt trotzdem nicht zur Ruhe. Wegen Schaulustigen und Fotografen im Gleisbereich der viel befahrenen Strecke muss die Bundespolizei eingreifen. Und nicht jeder Besucher vor Ort will nur einen bewundernden Blick aus der Nähe erhaschen: Bei einem Einbruch in die Salonwagen machen Diebe Beute im Wert von 76 000 Euro, berichtet die Fachzeitschrift Eisenbahn-Revue.

Die Grafik zeigt wichtige Stationen der Denkmal-Dampflok 01 1102
Die Grafik zeigt wichtige Stationen der Denkmal-Dampflok 01 1102. Um die Übersicht in voller größe zu sehen, klicken Sie auf die Pfeile. © HNA

Bis es für den Sonderzug weitergeht, wird es Dezember. Während die Wagen zur Restaurierung nach Halberstadt gebracht werden, ist das eigentliche Ziel der 01 1102 wohl eine Spezialwerkstatt in Klostermansfeld. Angekommen ist sie dort noch nicht: Seit dem 11. Dezember steht sie im weiter nördlich gelegenen Lokschuppen in Staßfurt. Dessen Förderverein will sich auf Anfrage nicht weiter äußern, weil die Lok offenbar auch in Sachsen-Anhalt für Aufregung sorgt. Die Transeurop Eisenbahn AG lässt Kontaktversuche unserer Zeitung ins Leere laufen.

Lokführer Patrick Rehn hofft, dass die Lokomotive noch einmal mit charakteristischem Pfeifen und dampfenden Schornstein in der einstigen Heimat Bebra vorbeischaut. Bisher scheint das dritte Leben der Dampflok 01 1102 aber so zu beginnen, wie die beiden vorigen zu Ende gegangen sind: mit viel Standzeit. (Clemens Herwig, Patrick Rehn)

Auch interessant

Kommentare