„Jede Menge Pille-Palle-Probleme“

Bebras Ordnungsamtschef Friedhelm Eyert: Ton bei Behördenbesuchern wird rauer

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Behördenchef, Kommunalpolitiker, Ehrenamtler : Friedhelm Eyert an seinem 61. Geburtstag im Büro am Bebraer Rathausplatz. Auf dem Kamera-Display des begeisterten Fotografen ist die Übergabe des Landesehrenbriefs im Jahr 2001 zu sehen. 

Wir haben mit Bebras Ordnungsamtsleiter Friedhelm Eyert – Dienstantritt: 1. Oktober 1979 – über den rauer werdenden Ton und besondere Momente im Behördenalltag gesprochen.

Nach 40 Jahren im Öffentlichen Dienst kann man satt sein – oder sich auf das Dessert freuen. Wir haben mit Bebras Ordnungsamtsleiter Friedhelm Eyert – Dienstantritt: 1. Oktober 1979 – über den rauer werdenden Ton und besondere Momente im Behördenalltag gesprochen.

Herr Eyert, um gleich mal das Eis zu brechen: 40 Jahre im Öffentlichen Dienst – wie lang soll das noch so weitergehen?

So der liebe Gott will, mache ich noch ein paar Jahre. Ich bin noch fit und außerdem gelte ich als freizeitunverträglicher Mensch. Das heißt, wenn ich zu Hause bin und nichts zu tun habe, neige ich zur Unduldsamkeit. Das ist also auch im Sinne meiner Ehe.

Über Behörden gibt es ungezählte Klischees. Hat sich das Innenleben über die Zeit verändert?

Der Anspruch ist höher, das verändert auch die Arbeitsweise. Alles kommt per E-Mail, alles muss schneller gehen. Wir sitzen hier nicht rum und warten darauf, dass jemand mit einem Problem zur Tür hereinkommt. Stattdessen haben wir einen Mängel-Melder auf Facebook. Da gehen zwar zu 80 Prozent Sachen ein, die uns gar nichts angehen, teilweise ist das nur patziges Beschwerde-Gebaren, aber das liegt im Wesen eines solchen Melders. Es ist für mich heute unvorstellbar, dass es Behörden ohne Smartphones und moderne Computerprogramme gegeben hat. Ich konnte mir aber auch früher nicht vorstellen, dass es Ämter ohne Faxgeräte und Kopierer gibt. Als ich angefangen habe, gab es noch so einen wunderbaren Nasskopierer – das Zeug hat gestunken wie die Pest und war wahrscheinlich hochgiftig.

Sie kokettieren ja ganz gern mit Ihrem Alter: Kommen Sie noch mit?

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich abhängen lasse. Das war bei der Bundeswehrverwaltung anders: Als ich 1991 in Schwarzenborn aufgehört habe, hatten wir gerade die ersten Computer stehen.

Es heißt immer, der Ton wird dank des Internets rauer. Ist das so?

Das geht für mich mit den – und die bezeichne ich absichtlich so – „asozialen Netzwerken“ einher. Ich persönlich bin nicht bei Facebook und halte es da mit Jürgen Klopp, der mal gesagt hat: „Das war eine der klügsten Entscheidungen in meinem Leben“. Ich stelle den Nutzen dieser Netzwerke gar nicht infrage, ich habe aber im Ordnungsamt überwiegend mit Menschen zu tun, die sich zwar mit einer unglaublich unverschämten Ausdrucksweise auslassen, die aber von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Leider ist diese Spezies klar in der Überzahl.

Die Unwissenden und Ungehobelten gab es schon immer. Hat das eine neue Qualität erreicht?

Die Leute müssen sich nicht so ausdrücken, wie ich mich ausdrücke. Das wäre arrogant. Mir geht es darum, dass man dem Gesprächspartner ein Mindestmaß an Respekt entgegenbringt. Das ist, gerade beim schriftlichen Austausch, sehr oft nicht der Fall.

Gibt es einen Typ Behördenbesucher, den Sie besonders ins Herz geschlossen haben?

Die „Nachbarschaftskrieger“, die mir mit Maschendrahtzaun und Knallerbsenstrauch kommen und ihren Nachbarschaftsstreit ins Ordnungsamt tragen. Mit Nachbarschaftsrecht haben wir überhaupt nichts zu tun. Dann gibt es die „Vollkasko-Denker“: Es muss doch in Deutschland eine Behörde geben, die für mein Problem zuständig ist. Nein, die gibt es nicht immer. Man muss sich sein Recht ab und zu auch selber suchen. Dann haben wir die „Ich will ja nichts gesagt haben“-Typen, die so nebenbei ihren Nachbarn anschwärzen, aber nicht den Mut haben, den Nachbarn mal selbst anzusprechen. Und die „Moralisten“, die mit „Ja muss denn erst etwas passieren“ für ihre Sache werben. Niemand will, das etwas Schlimmes passiert. Aber es führen viele Wege nach Rom. Oft steckt hinter Behördenbesuchen eine Erwartungshaltung, der man gar nicht gerecht werden kann.

Sie sind ein begeisterter Fotograf. Gibt es einen besonderen Moment in Ihrem Berufsleben, den sie gern festgehalten hätten – es aber nicht getan haben?

Das ist wie bei jedem Großereignis: Irgendwann wird man unaufmerksam und verpasst den Moment der Momente. In meinem Alter hadert man nicht mehr damit, dann verpasst man nur den nächsten. Aber es gab so einen Moment: Günter Schabowski, der Mann, der die Öffnung der Mauer in Berlin verkündet hat, war bei mir daheim in Meckbach. Wir haben versucht, von der Verabschiedung ein Bild zu machen. Das ist nix geworden. Das ärgert mich heute noch, ich fand diesen Mann ungeachtet seiner Vita faszinierend.

Der Mauerfall liegt im November 30 Jahre zurück. An was erinnern Sie sich?

1989 wurde das Truppenlager Schwarzenborn über Nacht zur Notaufnahme für Geflüchtete aus der DDR, die über Hof ausgereist waren. Wir haben das damals ganz flexibel, weg vom üblichen Verwaltungskram, aus dem Boden gestampft. Am 9. November bin ich nach Hause gefahren, habe den Fernseher angemacht und die Leute tanzten auf der Mauer. Da hab ich gesagt: Moni, ich muss wieder nach Schwarzenborn. Da sind ganz viele Leute, die das jetzt nicht begreifen werden. Abends hatten mein Kollege aus Asbach und ich Tränen in den Augen. Das war so viel menschliches Schicksal auf einem Haufen, dass man das kaum fassen konnte. Wenn ich heute dorthin schaue, wo die Geflüchteten herkamen, habe ich wieder Tränen in den Augen – aber eher wegen der Wahlergebnisse.

Braucht es in der Kommunalverwaltung auch ein Gefühl für die Kommunalpolitik?

Für mich ist das ganz wichtig. Ich kann häufig antizipieren, wie meine Entscheidungen als Ordnungsamtsleiter in der Kommunalpolitik aufgefasst werden. Beide Seiten der Medaille zu kennen, ist in der praktischen Arbeit ein großer Vorteil.

Und wie oft müssen Sie sich von politischen Bedenken frei machen?

Ich habe mir noch nie das Denken beschneiden lassen. Ich habe 18 Jahre lang mit Horst Groß zusammengearbeitet – einem CDU-Bürgermeister. Ich habe ihm viele Reden geschrieben und Briefe vorformuliert. Wer Horst Groß fragt, ob er jemals ein Problem mit dem Genossen Eyert hatte, wird feststellen, dass kein Redemanuskript zwischen uns passt.

Sie werden in Bebra bald unter dem vierten Bürgermeister arbeiten. Wie sehr wird man über die Jahre zu einer Grauen Eminenz im Rathaus?

Dazu wird man allein dadurch, dass sich die Haarfarbe ändert. Natürlich gucken die jüngeren Kollegen schon ein bisschen zu Dir auf – ob das gerechtfertigt ist, sei dahingestellt. Und natürlich behandelt auch ein Teil der Bürgerschaft einen Mann, der schon lange Jahre sein Amt ausübt, anders als einen Jungspund. Am Anfang geht einem manchmal ganz schön das Zäpfchen, gerade im Ordnungsamt. Mit der Zeit lernt man dann, zu unterscheiden: Was ist ein wirkliches Problem und was ist Pille-Palle. Ich bekomme ganz viele wirkliche Probleme, aber eben auch jede Menge Pille-Palle erzählt. Es braucht also ein gewisses Standing, sonst macht es keinen Spaß.

Wie könnten wir „Standing“ geschickt übersetzen?

Nennen wir es Standfestigkeit. Du darfst nicht in jedem Wind anfangen zu wanken.

Gibt es etwas, das Friedhelm Eyert nach 40 Jahren noch aus der Ruhe bringt?

Wenig. Das sind dann oft Kleinigkeiten, wie der Ausfall des Beamers bei der Bürgermeisterwahl in Bebra. Das hat mich noch nachts im Schlaf geärgert. 50 Mal getestet, und dann hängt sich die Möhre einfach auf.

1994 wollten Sie Bürgermeister in Ludwigsau werden, gewonnen hat Thomas Baumann. Als Erster Beigeordneter wissen Sie, was sie verpasst haben. Wie tief sitzt der Stachel?

Da sitzt bei Lichte betrachtet überhaupt kein Stachel mehr. Ich wollte das damals werden, ich habe eine demokratische Wahl verloren. Das ist eine Geschichte, die schmerzt. Damit muss man umzugehen lernen. Aber ich hatte meine Chance gesucht. Seit vielen Jahren bin ich aber ganz glücklich, dass ich es nicht geworden bin. Ich habe viel regelmäßiger Feierabend als der Bürgermeister und liebe es, am Wochenende meine Freizeit zu haben und fotografieren zu können, statt über Veranstaltungen zu ziehen. Die Vertretung eines Bürgermeisters ist eine ganz andere Nummer, als das hauptamtlich zu machen.

Zur Person: Friedhelm Eyert

Friedhelm Eyert (61) ist in Rotenburg geboren und wohnt in Meckbach. Nach dem Abitur 1978 absolvierte er von 1979 bis 1982 im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung die Ausbildung zum Beamten des gehobenen Dienstes. Er war bis 1991 Truppenverwaltungsbeamter beim damaligen Panzergrenadierbataillon 152 in Schwarzenborn sowie Bezirksverwalter und Sachgebietsleiter bei der Standortverwaltung Schwarzenborn. Im Bebraer Rathaus leitet der Oberamtsrat nach Stationen in der Kämmerei und im Hauptamt seit 1997 das Ordnungsamt. Eyert war 25 Jahre lang bis 2016 Ortsvorsteher seines Heimatortes Meckbach, 15 Jahre gehörte er der Ludwigsauer Gemeindevertretung an. 1994 verlor Eyert die Bürgermeisterwahl gegen Thomas Baumann, den heutigen Ehrenbürgermeister Ludwigsaus. Mit seinem damaligen Konkurrenten ist er bis heute freundschaftlich verbunden. 2001 erhielt er den Ehrenbrief des Landes Hessen. Nach acht Sabbatjahren kehrte Eyert 2016 als Erster Beigeordneter in Ludwigsau in die Kommunalpolitik zurück. Friedhelm Eyert ist verheiratet mit Ehefrau Monika und hat eine Tochter. Sein Hobby ist die Fotografie, sein Spezialgebiet die Sportfotografie. cig

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