„Machen uns Sorgen“

Corona: Pflegeeinrichtungen ächzen unter Belastung

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Zugang nur für Personal: Katrin Schran, stellvertretende Pflegedienstleitung in Ersrode, holt für die Bewohner vor der Tür abgestellte Pakete der Angehörigen ab. 

Die Corona-Krise stellt Pflegeeinrichtungen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg vor massive Herausforderungen.

Eine geballte Ansammlung von Menschen, die altersbedingt und durch medizinische Vorbelastungen zur Hochrisikogruppe gehören. Pfleger und Betreuer im Dauereinsatz. Die Corona-Krise stellt Pflegeeinrichtungen vor massive Herausforderungen.

Die Betreuungseinrichtungen haben sich von der Außenwelt abgeschottet, quasi die Zugbrücke hochgezogen. Auch Angehörige dürfen die Bewohner nicht mehr besuchen. „Wir halten so lange durch, bis die große Krankheitswelle das Personal trifft“, prognostiziert Monika Mühlhausen, Pflegedirektorin der Gama Altenhilfezentren in Bebra und Ersrode. Sie sagt aber auch: „Die Bewohner und das Personal halten sich großartig.“

Bereits seit 14. März gilt in den vier Gama-Einrichtungen in Bebra, Ersrode, Schlüchtern (Main-Kinzig-Kreis) und Fritzlar mit insgesamt mehr als 400 Bewohnern generelles Besuchsverbot. „Das merken wir an allen Ecken und Enden“, sagt Mühlhausen, „die Bewohner vermissen ihre Angehörigen“.

Was bedeutet, dass der Betreuungsbedarf und damit der Aufwand bei den Pflegekräften steigt. Allein durch die ständige Suche nach Corona-Symptomen: Bei den Bewohnern werde beispielsweise regelmäßig Fieber gemessen und der Geschmackssinn abgefragt. „Wir achten auf jedes Husten“, sagt Mühlhausen. In Bebra werden 100, in Ersrode 81 Menschen betreut – in beiden Einrichtungen zusammen stehen derzeit 113 Pflegekräfte und Betreuer bereit.

Die höhere Belastung sei spürbar, selbst für Pfleger und Betreuer, „die ja sehr leidensfähig sind“. Zwar sei das Personal etwa durch die jährlichen Grippewellen für solche Fälle gut trainiert, dennoch ist die Corona-Krise ein Stresstest: “Hier ist eigentlich jeder auf Dauerbereitschaft“, sagt die Pflegedirektorin. Hintergrund ist auch, dass es noch keinen Test auf Antikörper des Coronavirus gibt. Bereits bei Halsschmerzen muss sich das Personal krank melden, um niemanden zu gefährden. Das setzt die Betroffenen im Zweifel bis zu 14 Tage außer Gefecht. Sollten sie nach ihrer Rückkehr auch nur husten, droht der nächste krankheitsbedingte Ausfall. Die Lücken werden häufig mit Personal gestopft, das eigentlich frei hat.

Viele sind zudem verunsichert und machen sich Sorgen um die eigene Gesundheit und die ihrer Angehörigen. „Wir machen uns alle große Sorgen“, gibt Monika Mühlhausen unumwunden zu. Die Mitarbeiter machten trotzdem ihre Arbeit, auch weil es oft eine tiefe Bindung zu den Bewohnern gebe, so die Pflegedirektorin. Derzeit seien aber viele Einzelgespräche mit dem Personal nötig, um die Mitarbeiter zu informieren und zu beruhigen. In Bebra gab es bisher keine, in Ersrode zwei Verdachtsfälle – bestätigt hat sich keiner. In anderen Einrichtungen hat sich das Coronavirus verbreitet, mehrere Bewohner starben (siehe Hintergrund).

Durch das Kontaktverbot ist nur ein eingeschränktes Betreuungsangebot möglich. Die üblichen, zweimal täglich stattfindenden und jeweils einstündigen Gruppenangebote fallen aus. Beschäftigung für die Bewohner gibt es nur noch in Kleingruppen aus maximal fünf Personen und mit dem nötigen Sicherheitsabstand. Dann wird aus der Zeitung und dem aktuellen „Gottesdienst to go“ vorgelesen oder mit einem desinfizierten Ball Gymnastik gemacht. Um besser Kontakt mit der Außenwelt zu halten, wurden Smartphones angeschafft, mit denen Videotelefonie möglich ist. Die Geräte sind im Dauereinsatz.

Pflegedirektorin Monika Mühlhausen

Unterstützung für die Pflegeeinrichtungen kommt von den Angehörigen. „Da gibt es ganz viel Verständnis“, sagt Monika Mühlhausen. Viele liefern Päckchen an die Tür, bestückt mit den Lieblingsbonbons der Bewohner oder neuer Wäsche. Gelegentlich wird sich zum kurzen Kontakt auf Distanz verabredet. Auf einem Zettel steht dann: „Ich bin um 17 Uhr im Hof“. Die Pflegekräfte bringen den Bewohner zur verabredeten Zeit ans Fenster, damit man sich zumindest mal vom ersten Stock zur Straße gesehen hat. Auch Spaziergänge sollen gegen die Corona-Langeweile helfen: In Ersrode sind derzeit zwei Pflegekräfte den ganzen Tag über mit den Bewohnern unterwegs, die beim Verlassen des Geländes Mundschutz tragen müssen.

Die Pfleger und Betreuer sind ohnehin mit Schutzmasken, Handschuhen und einer Schürze ausgestattet. Im Falle eines Corona-Verdachts trägt das Personal zudem Schutzkittel und Kopfhaube. Auch in den Pflegeheimen wird das Material knapp. Am dringendsten gebraucht werden der normale Mund-Nasen-Schutz und FFP2-Masken. „Mundschutz haben wir im Ausbruchsfall vielleicht für eine Woche, FFP2-Masken – die bei einem Ausbruch Vorschrift sind – haben wir gar keine. Außerdem fehlt es an Kopfhauben und wasserabweisenden Kitteln“, sagt Monika Mühlhausen. Obwohl die Altenhilfe überteuert einkaufe, sei der Markt leergefegt. „Ich hoffe, dass die Anerkennung, die wir jetzt bekommen, auch nach Corona bleibt“, versucht sie der Krise etwas Gutes abzugewinnen.

Isolation ist eine Herausforderung

Notstandsmeldungen wie aus einem Altenheim in Gudensberg – 40 der 100 Pflegekräfte und 26 Bewohner haben sich mit dem Coronavirus infiziert – sorgen in Pflegeeinrichtungen für Verunsicherung. Auch im Kreisaltenzentrum in Niederaula ist das Virus ausgebrochen, vier positiv getestete Bewohner sind bisher gestorben. Beim kleinsten Anzeichen einer Infektion müssen die Bewohner in Zimmerquarantäne und unter erhöhten Schutzvorkehrungen betreut werden, sagt Pflegedirektorin Monika Mühlhausen. Besonders bei Hochdementen ist das aufwendig: „Wir müssen einen Mitarbeiter abstellen, der den Betroffenen rund um die Uhr betreut. Die Zimmertür abschließen oder andere drastische Maßnahmen kommen heute zum Glück nicht mehr in Frage.“ cig

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