Schnell oder Schnuddeln

Corona-Krise sorgt für Kundschaft in den Dorfläden in Solz, Ransbach und Oberellenbach

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Nur eine Auswahl: Normalerweise würden die Mitglieder des Vereins Unser Solz das Bild ausfüllen. Zu Corona-Zeiten vertreten sie aber von links Susanne Heinz, Swen Hübschmann, Beate Merz und Friedhelm Claus – fein säuberlich im nötigen Sicherheitsabstand aufgestellt und mit Dorftreff-Produkten bestückt. 

In Zeiten der gezwungenen Corona-Häuslichkeit entdecken viele die Vorzüge vor der eigenen Haustür wieder. Das merken auch die kleinen Dorfläden:

Von denen gibt es im Landkreis Hersfeld-Rotenburg nur noch eine Handvoll, weil die Ware vielleicht ein paar Cent teurer ist als in den großen Märkten.

Der Dorfladen in Oberellenbach

Von einem Ansturm will Ursula Habermann, Verkäuferin im Alheimer Ortsteil Oberellenbach, zwar nicht sprechen. Aber: „Es läuft zurzeit wesentlich besser“, sagt sie. Zum Schutz vor Corona dürfen nicht mehr als drei Kunden gleichzeitig im kleinen Laden im Ortskern einkaufen, der nicht mehr als 100 Quadratmeter Verkaufsfläche hat. Samstags warten durchaus schon einmal drei bis vier Kunden, bis einer der Einkaufswagen frei wird.

Vor allem die älteren Oberellenbacher gehören zur Stammkundschaft. Noch im November hatte der Dorfladen, der 1998 von Privatpersonen und Vereinen gegründet wurde und auch von viel ehrenamtlichem Einsatz lebt, mit finanziellen Sorgen zu kämpfen.

Kein Ansturm, aber einige neue Gesichter: In den kleinen Läden in Oberellenbach und Ransbach sorgt die Corona-Krise für Kundschaft. Auch dort wird derzeit besonders viel Wert auf Hygiene gelegt. Verkäuferin Ursula Habermann und Kundin Ramona Schneider trennt eine Plexiglasscheibe.

Hilft Corona also? „Man kann zumindest sagen: Corona schadet uns nicht“, sagt Mitbegründer Volker Nöding, der den Dorfladen ehrenamtlich unterstützt. Weil zum Konzept aber beispielsweise auch Kaffeeveranstaltungen an den Sonntagen gehörten, die durch die Pandemie derzeit ausfallen, glichen sich Umsatzgewinn und die Einbußen unter dem Strich wieder aus. „Wir machen kein riesiges Plus“, sagt Nöding. Wenn es so weitergehe, wie die ersten Monate, stehe am Ende des Jahres eine schwarze Null im Buch.

„Die Leute sind viel zu Hause und wollen nicht wegen jeder Kleinigkeit einkaufen fahren. Und in den großen Märkten sind viele Menschen“, erklärt sich Nöding den Kundenzuwachs. Einige junge Oberellenbacher helfen derzeit auch beim Verkauf aus, weil die Stammbelegschaft des Dorfladens stellenweise zur Risikogruppe gehört. Nöding hofft darauf, dass diese neugewonnene Liebe zum Dorfladen anhält.

Der Tante-Emma-Laden in Ransbach

„Die Kunden fühlen sich bei uns einfach sicher“, sagt Erika Mannel über ihr 40-Quadratmeter-Geschäft im Hohenrodaer Ortsteil Ransbach. Die 60-Jährige führt den Markt in der dritten Generation, es ist eine „Herzensangelegenheit“ – aber auch Geldsorgen sind ihr nicht fremd. Seit Ausbruch der Corona-Krise sei durchaus ein Kundenanstieg da, der sich auch finanziell etwas bemerkbar mache. „Ich verdiene noch ein bisschen, andere konnten lange Zeit überhaupt nicht öffnen.“

Im Familienbetrieb von Erika Mannel herrscht Mundschutzpflicht.

Zur Sicherheit darf derzeit maximal ein Kunde in den Laden, Erika Mannel und ihre vier Mitarbeiter – Minijobber aus der Region – tragen Mundschutz und sitzen hinter einer Plexiglasscheibe, für die Kunden gibt es eine Handdesinfektion und Einweghandschuhe. „Wir schützen euch, ihr schützt uns“, sagt Erika Mannel. Schlangen gebe es dennoch selten: „Das geht alles relativ schnell“, sagt die 60-Jährige. Viele Kunden riefen vorher an oder ließen Bestellzettel da „und ich mache das dann fertig“.

Direkt Angst vor Corona hat Erika Mannel nicht. „Aber ich bin sehr vorsichtig. Wenn ich ausfalle, kann ich zumachen.“ Dennoch schätzt sie den Kontakt mit den Kunden: „Man tauscht sich kurz aus, man lacht mal zusammen. Ich hatte Kunden, die gesagt haben: Das ist das erste Wort, das ich heute gesprochen habe.“

Der Dorftreff in Solz

„Der Bedarf nach Infos und Klatsch gibt es natürlich schon noch“, sagt auch Susanne Heinz, die im Solzer Dorftreff hinter der Theke steht. „Wenn sonst niemand da ist, unterhält man sich. Ansonsten versucht jeder, möglichst schnell einzukaufen.“ Auf 15 Quadratmetern gibt es frische Brötchen, Ahle Wurscht, Honig von „glücklischen Bienen“ aus der Region und Kräuter vom Tannenhof sowie Milch, Kaffee und andere Lebensmittel für den alltäglichen Gebrauch. Es ist ein Geschäft, das auch von der kurzen Schnuddelpause lebt. Seit Beginn der Corona-Krise sieht Heinz häufiger Gesichter, die sie noch nicht kennt.

Aktuell ist in Solz nur ein Kunde im Laden erlaubt, ein Pavillon vor der Tür soll verhindern, dass Wartende bei Regen nass werden. Vor allem zu den Bäcker-Hochzeiten am Samstag bildet sich gelegentlich eine Schlange an der Solzer Hauptstraße – natürlich mit Sicherheitsabstand. „Manche sehen das sicherlich und fahren weiter“, sagt Ortsvorsteher Friedhelm Claus. „Wir sind aber froh, dass die Kundenzahlen trotz Corona stabil bleiben.“

Claus ist auch Vorsitzender von „Unser Solz“. Der Verein hatte dem Dorftreff Anfang 2018 wieder leben eingehaucht und das „Doppelpaket“ Bäckerei sowie die angrenzende Gaststätte übernommen (siehe Hintergrund). Für die Vereinskasse ist das eine Herausforderung, besonders zu Corona-Zeiten: Während die laufenden Kosten von gut 3500 Euro im Monat bleiben, fällt ein Fünftel des Umsatzes weg, weil die Gastronomie geschlossen ist, Feste ausfallen und die Kaffeekunden wegbleiben, die sonst auf der Terrasse sitzen.

Der Solzer Dorftreff ist kein Wirtschaftsbetrieb, der auf Gewinn ausgelegt ist. Trotzdem hätte Kassierer Swen Hübschmann am Ende des Jahres gern die „schwarz-rote Null“ stehen. „Im Moment habe ich die Hoffnung, dass wir das noch auffangen können“, sagt er.

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