Angehörige aus Israel waren Gäste der Aktion

Weitere Stolpersteine in Bebra erinnern an jüdische Opfer des NS-Regimes

Bei der zweiten Stolpersteinverlegung in Bebra an der Apothekenstraße 10: Zu sehen sind die Brüder André und Patrick Balduf aus Bebra beim Verlegen der Steine sowie Gidon Süsskind. Er ist der Enkel von Betty und Samuel Levi und Urenkel von Sophie Frank – Juden aus Bebra, die das Terrorregime der NS-Zeit nicht überlebt haben.
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Bei der zweiten Stolpersteinverlegung in Bebra an der Apothekenstraße 10: Zu sehen sind die Brüder André und Patrick Balduf aus Bebra beim Verlegen der Steine sowie Gidon Süsskind. Er ist der Enkel von Betty und Samuel Levi und Urenkel von Sophie Frank – Juden aus Bebra, die das Terrorregime der NS-Zeit nicht überlebt haben.

Den jüdischen Opfern einen Namen geben und an Menschen erinnern, die in der NS-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert worden sind – das ist der Sinn der zweiten Stolpersteinverlegung in Bebra.

Bebra- Geprägt von gefühlvollen Momenten, Tränen, bewegenden Worten und Gesten fand die Zeremonie der Stolpersteinverlegung am Mittwochmorgen in der Bebraer Innenstadt statt. Musikalisch begleitet wurde sie von Elisabeth Fläming.

Familie Süsskind – Nachkommen von Juden aus Bebra, die die Zeit des Nationalsozialismus´ nicht überlebt haben – war extra zu viert aus Tel Aviv angereist. „Es ist ein hochemotionaler und wichtiger Moment für uns, hier zu stehen, wo bis vor kurzem noch das Haus unserer Mutter Traudel und unseren Großeltern Betty und Samuel Levi stand“, sagte Gidon Süsskind an der Apothekenstraße 10. Süsskinds Vorfahren lebten in Bebra und führten ein Geschäft, bis sich der Antisemitismus in ganz Deutschland ausbreitete. Die Eltern flohen nach Israel, das dunkle Kapitel Deutschland verschwand hinter einer Mauer in der Familiengeschichte – die auch dank der Stolpersteinverlegungen in Heuchelheim bei Gießen und in Bebra vor zwei Jahren zu bröckeln begann (wir berichteten).

Insgesamt wurden in Bebra weitere 20 der von Künstler Gunter Demning gestalteten Stolpersteine verlegt, die „Passanten zum Anhalten und Gedenken einladen und so die Opfer vor dem Vergessen bewahren sollen“, wie es Bürgermeister Stefan Knoche bei der Zeremonie beschrieb.

Begleitet wurde die Verlegung von der Klasse 10c der Brüder-Grimm-Gesamtschule. Die Schüler hatten sich unter der Leitung von Lehrerin Ann-Christin Allendorf und mithilfe des Heimathistorikers Dr. Heinrich Nuhn etwa drei Wochen lang intensiv im Geschichtsunterricht mit den Verbrechen der Nationalsozialisten an jüdischen Bürgern aus Bebra beschäftigt. Die Klasse hatte für die Feierlichkeit Texte und Rollenspiele vorbereitet.

Wirklich bewusst dürfte den Schülern das von ihnen recherchierte Leid im Gespräch mit den Süsskinds geworden sein. Die Israelis besuchten die Klasse am Vortag der Stolpersteinverlegung, Schulsozialpädagogin Christina Kindler hatte den Kontakt hergestellt. „Es ist etwas ganz anderes, wenn der Zeitzeugenbericht ein Gesicht bekommt – oder in diesem Fall drei“, sagte die stellvertretende Schulleiterin Maike Gille bei der Begrüßung der Brüder Dan und Gidon Süsskind sowie Gidons Ehefrau Nava.

Die Gäste antworteten offen auf die Fragen der Jugendlichen und schilderten ihre Familiengeschichte – mal auf Englisch, mal auf Deutsch, oft eindringlich und ohne die Schüler zu schonen. „Kommen Sie gerne zur Stolpersteinverlegung nach Bebra?“, lautete eine dieser Fragen. „Das ist vielleicht nicht das richtige Wort, wir kommen mit gemischten Gefühlen“, sagte Dan Süsskind. „Wir spüren Verwandten nach, denen das Leben genommen wurde. Wir wollen fühlen, wie sie gelebt haben.“ Und die Frau seines Bruders ergänzte: „Es ist wie eine Beerdigung für uns. Wir haben sonst keinen Ort zum Trauern.“ Ohne die Beschränkungen durch die Corona-Pandemie wären die Süsskinds wie vor zwei Jahren mit der 21-köpfigen Familie samt Kindern und Enkeln angereist.

Mit Sorge betrachten die Israelis die politische Entwicklung in Deutschland. „Populismus ist etwas furchtbares“, so Gidon Süsskind über die AfD, die erneut im Bundestag vertreten sein wird. Die Geschichte dürfe sich nicht wiederholen. „Und es gibt Variationen, die ebenso gefährlich sind“, warnen die Nachfahren von Juden, die das NS-Regime nicht überlebt haben.

Neben der Familie Levi erinnern in Bebra nun auch Stolpersteine an die Familien Emanuel (Hersfelder Straße 7), Abraham/Fackenheim, Katz, Röschen Oppenheim, Fulda/Oppenheim (alle in der Nürnberger Straße) sowie die Familie Ruth Neuhaus (Amalienstraße 3). Oder, wie es Bürgermeister Knoche in Anlehnung an ein jüdisches Sprichwort sagte: „Wirklich tot sind nur jene, an die sich niemand erinnert.“

Carolin Eberth und Clemens Herwig

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