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Dennis Kör aus Bebra produziert erfolgreiche Rapper

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Von: Clemens Herwig

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Das Bild zeigt Dennis Kör in seinem Studio. Die vielen Regler und Knöpfe bedient der 30-Jährige mit schlafwandlerischer Sicherheit.
Baut erfolgreich Beats in Bebra: Dennis Kör in seinem Studio im Industriegebiet. Die vielen Regler und Knöpfe bedient der 30-Jährige, der auch Erfahrung mit klassischen Tonstudios hat, mit schlafwandlerischer Sicherheit. © Clemens Herwig

Mit 14 Jahren bastelt Dennis Kör mit einem Computerprogramm seine ersten Rap-Songs. Heute ist der Bebraner professionell unterwegs.

Bebra – Mit 14 Jahren bastelt Dennis Kör mit einem Computerprogramm seine ersten Rap-Songs. „Das war eher ein Spielzeug mit fertigen Bausteinen zum Zusammensetzen, also wie Kochen mit Maggi-Tütchen“, erinnert sich der 30-Jährige. Nur: Kör bleibt hungrig.

Er bringt sich selbst das Keyboarden bei, feilt an eigenen Kompositionen und arbeitet sich in der Szene nach oben. Heute kommen die Ideen für den Sound von Rap-Größen wie dem Frankfurter Urgestein Azad aus dem Studio des Bebraners im Industriegebiet. In Frankreich verbuchen von Kör produzierte Alben Platin-Status. „Ich könnte mittlerweile davon Leben, auch, weil ich keinen ausgefallenen Lebenstil habe“, sagt er. Trotz des Erfolgs ist der Bebraner weit weg vom „Dicke-Hosen-Image“, das die Rap-Szene nie so ganz loslassen will. Wir haben ihn in seinem Studio besucht – Szenen einer Session mit einem Mann auf der Suche nach dem perfekten Klang.

Dennis Kör wartet am Eingang. Er streckt die Faust zum Corona-Gruß aus. Kein Goldkettchen klimpert, nicht mal ein bisschen „Bling Bling“ ist in Sicht. Stattdessen: schwarzer Sportpulli, dunkle Hose, breites Grinsen. „Wie geht’s?“ fragt er, dann geht es in den Keller des Gebäudes, in sein Reich – einen gut 18 Quadratmeter großen Raum mit schalldämpfendem Akustikschaumstoff an Tür und Wänden.

Schneller PC, großer Bildschirm und Stühle wie bei den E-Sport-Profis

Dort warten ein kompaktes Pult mit vielen Knöpfen, ein riesiger Bildschirm, aufgetürmte Boxen und Stühle, die an den Schalensitz eines Rennwagens erinnern und gern auch von Computerspielern benutzt werden, die viel Zeit vor dem Rechner verbringen. Die legendären alten Tonstudios, in denen sich Pult an Pult reiht, sie zehren vor allem vom Mythos und ihrer Atmosphäre, erklärt Kör. Vieles läuft heute über den PC.

Es ist der Werktisch des Bebraners, hier baut er Melodien, die zu dem passen, was die Künstler mit ihrem Song sagen wollen. In der Datenbank des 30-Jährigen schlummern mittlerweile gut 1300 Songideen. „Ich sammle, seit ich 14 Jahre alt bin, und lösche nichts“, sagt Dennis Kör. Warum? „Weil man Kreativität nicht jederzeit erzwingen kann.“ Es ist sein Netz, sein doppelter Boden.

Klar, gelegentlich kommt ihm nachts eine Idee, dann springt schon mal aus dem Bett und summt die neue Melodie zur Erinnerung als Sprachmemo ins Handy. Aber: „Die Herausforderung ist es, Neues zu schaffen. Und die Reise dorthin beginnt nicht immer am gleichen Ort“, sagt Kör. Oft hört er Musik, bei der Sprechgesang keine Rolle spielt. „Das gibt mir sonst zu wenig neuen Input. Wenn ich eine Platte von 1960 auflege, weiß ich nicht, was mich erwartet.“ Seine Sammlung umfasst gut 500 Exemplare, auch auf Film-Musik schwört Dennis Kör. Hollywoods wohl erfolgreichster Produzent Hans Zimmer ist sein Vorbild, „das Nonplusultra“, wie er sagt.

„Wenn die erste Idee da ist, ist es wie Puzzeln“

Aller Anfang ist schwer, „aber wenn die erste Idee da ist, ist es wie Puzzeln“, erklärt der Bebraner. Stück für Stück finden die Teile an ihren Platz. Wenn das Grundgerüst steht, dauere das reine Handwerkszeug – das Zusammensetzen der Melodien und Effekte, die Feinabstimmung zur fertigen Produktion – lediglich wenige Stunden. Manchmal, wenn die Kreativität doch etwas Anschub braucht, sitzt er dafür stundenlang beim Brainstorming allein im Studio. „Ich wusste schon vor Corona, wie sich Isolation anfühlt“, sagt er mit einem Lachen.

Kör ist in Bebra aufgewachsen, sein Abi hat er an der JGS in Rotenburg absolviert und anschließend Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Er hat einen Master-Abschluss in Elektro- und Informationstechnik, Geld verdient er neben dem Produzieren bei einem Berliner IT-Dienstleister. „Mein Beruf ist flexibel, das lässt sich gut kombinieren mit meiner musikalischen Tätigkeit“, so der 30-Jährige.

Zu Beginn seiner zweiten Karriere baut er über die sozialen Medien Kontakte auf – verschickt Nachrichten nach dem Schema: „Hallo, wie gehts? Mir gefällt deine Musik, hier sind ein paar von meinen Ideen.“ Im Blick hat er nicht Szene-Größen, sondern aufstrebenden Künstler. Für Rapper Fard produziert er 2010 einen Titel auf dem Album „Alter Ego“ – es wird sein Sprungbrett. Der Name Dennis Kör macht die Runde, bald steht der Bebraner als Produzent im Songtitel – es ist der Ritterschlag im Business. 2017 meldet sich Azad, Kör ist mittlerweile auf fast jedem Album des Frankfurters vertreten.

Azad Azadpour ist seit Ende der 80er-Jahre ein Schwergewicht der deutschen Rap-Szene und gilt hierzulande als einer der Wegbereiter des Battleraps und Gangsta-Raps. Seine Alben tragen Titel wie „Der Bozz“, die erste Zusammenarbeit mit Kör bringt den Titel „In da Hood“ hervor. In den Texten geht es oft darum, wer der Größte ist und wie die Straße schmeckt. Die Wortwahl ist meist rau.

„Viele Rapper bauen sich eine Kunstfigur auf“

Wie passt das zu Kör? „Das spielt in meinem Privatleben keine Rolle“, sagt der Bebraner. Wie Hollywood sei die Musikindustrie auf Unterhaltung getrimmt. „Manches ist echt, aber viele bauen sich eine Kunstfigur auf“, sagt der 30-Jährige. „Ein Song, der nur den alltäglichen Weg zur Arbeit beschreibt, ist eben nicht so spannend.“ Um in Hollywood zu bleiben: Einige Rapper sind eine Doku, andere eher ein Superheldenfilm. „Warum Rap?“ ist für Dennis Kör wie die Frage: Warum Pizza? „Es schmeckt halt einfach.“ Seine ganze Familie sei musikalisch, auch wenn längst nicht alle die Leidenschaft für Sprechgesang teilen. „Meine musikalische Sozialisation hat in diesem Umfeld stattgefunden“, sagt der 30-Jährige, dessen Cousin Daniel als Hobby-Rapper auch Texte über Bebra schreibt.

Auf Dennis Körs Musik hat seine Heimat weniger Einfluss: „Ich habe in Bebra Freunde, Familie, das hält mich hier.“ Eine ausgeprägte Musik-Szene gibt es in der Eisenbahnerstadt nicht. Trotz den bis zu 60 Stunden, die er wöchentlich investiert, will Kör das Produzieren nicht als Arbeit sehen: „Das macht der Hobbyfußballer auch nicht, wenn er auf dem Platz steht“, sagt der 30-Jährige. Wofür hat der Bebraner sonst noch Zeit? „Ich mache Sport, gehe ins Fitnessstudio. Langweilig wird mir aber definitiv nicht. Mein Leben ist ganz gut voll.“ (Clemens Herwig)

Körs größten Erfolge

Seine größten Erfolge feierte Dennis Kör bisher mit dem französischen Hip-Hop-Duo Djadja & Dinaz. Die beiden Künstler gehören zu den erfolgreichsten Rappern ihres Heimatlands. 2017 erreichte eine von Kör produzierte Single 15 Millionen Streamaufrufe – und damit den Goldstatus. Gezählt werden sogenannte Premium-Streams, die mit einem Abonnement bezahlt und nicht werbefinanziert sind. In Frankreich entsprechen 150 Streams einer verkauften Platte. Zudem produzierte Kör für die Franzosen ein Platin- sowie ein Doppelplatin-Album (100 beziehungsweise 200 000 verkaufte Einheiten). In Deutschland liegen die Hürden deutlich höher: Erst 200 Streams entsprechen einer verkauften Platte, für eine Goldsingle werden 40 Millionen Aufrufe benötigt. „Weil es nach der Einwohnerzahl geht, ist es in Deutschland am schwersten“, sagt Dennis Kör. Seine aktuelle Produktion ist die Single „Deja Vu“ mit den Künstlern Edin und Ambre Valet. 

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