Kabarett

Ein Auge für die Tücken des Alltags: Nils Heinrich sorgte für Lacher in Bebra

Spitzfindig und pointiert: Nils Heinrich bewies beim Auftritt im Bebraer Lokschuppen ein geübtes Auge für das allzu Menschliche zwischen Ost und West.
+
Spitzfindig und pointiert: Autor und Kabarettist Nils Heinrich bewies beim Auftritt im Bebraer Lokschuppen ein geübtes Auge für das allzu Menschliche zwischen Ost und West.

31 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es modernen, durchaus selbstironischen Ost-Humor – wie den von Nils Heinrich, der am Samstagabend im Lokschuppen in Bebra gastierte.

Bebra – Und mit dem in Sachsen-Anhalt geborenen Comedian und Kabarettisten stellt sich auch die Frage, wie weit die humoristische Einheit zwischen Ost und West gekommen und ob ihre Vollendung überhaupt erstrebenswert ist. Heute braucht man den politischen Witz – auch als Ventil, über das man Dampf ablassen kann – vielleicht nicht mehr. Aber man braucht jemanden wie Nils Heinrich, Jahrgang 1971 und mittlerweile Wahlberliner, der es schaffte, mit seinem Programm „Deutschland einig Katerland – 30 Jahre Besuch von drüben“ eigene Ost-West-Erfahrungen und gerade auch die nach der Wende spitzfindig und pointiert rüberzubringen.

Mal las er vor aus seinen Büchern (unter anderen „Wir heißen hier alle Ronny, auch die Jungs“ und „Sei froh, dass du nicht Joghurt heißt“), dann mimte er den knallharten Gesellschaftskritiker, musizierte auf der Gitarre und begeisterte das Publikum mit einem spannenden Hochgeschwindigkeitskabarett.

Der Mann mit Zahnfüllungen aus zwei Gesellschaftssystemen im Mund weiß: Es gibt heute keine Gewissheiten mehr, nicht im Politischen und schon gar nicht im Privaten. Junge Leute wachsen heute ganz ohne CD-Rohlinge auf. Kinder hören die gleiche Musik wie ihre Eltern. Und wenn die Enkel Helene Fischer hören, bleibt dem Opa nur die Flucht nach Wacken.

Unterhaltsames Programm mit einer guten Portion Selbstironie

Nils Heinrich hat ein geübtes Auge für die Tücken des Alltags und das allzu Menschliche zwischen Ost und West. Für viel Heiterkeit sorgten im Lokschuppen auch die Schilderungen über seine Zeit, als er sich in Stuttgart assimilieren und als Kartoffelfreund mit Spätzle („sehen aus wie tote, kleine, dicke Maden“) arrangieren musste.

Seine Erlebnisse schilderte der Künstler in leichtem Plauderton und vor allem – und genau das machte sein Programm so unterhaltsam – mit einer guten Portion Selbstironie und Witz. Dass der wie ein typisches DDR-Essen aussehende Döner keine nordhessische Spezialität ist, hatte er erst später begriffen, als er die schöne, neue Republik nach der Wiedervereinigung kennenlernte.

Zum Thema Ökologie hatte der Vater von „zwei Erbinformationsträgern“ eine logische Erkenntnis: Der Meeresspiegel steigt, also baut man höhere Autos. Der kalte Intimitätsentzug der „Corona-Ferien“ hatte auch ihn ziemlich getroffen. Aber der Abend mit Nils Heinrich im Bebraer Lokschuppen am Bahnhof lieferte genügend Antikörper, um den nächsten Lockdown entspannt überstehen zu können. (Susanne Kanngieser)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.