Kritik am "Webinar" der Bahn

"Ein Nackenschlag für Bebra": Reaktionen zur Neubaustrecke Fulda-Gerstungen

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Hat den Anschluss an die Neubaustrecke verpasst: der Bebraer Bahnhof.

Technische Probleme haben das Forum zur Bahnstrecke Fulda-Gerstungen behindert. Die Grobkorridore für die Trasse wurden dennoch vorgestellt. Ein Blick auf die Reaktionen im Kreis. 

Das sechste Beteiligungsforum fand am Donnerstag aufgrund der Corona-Krise als sogenanntes Webinar – also in Form einer Online-Konferenz – statt. Nach dem vorzeitigen Abbruch der Veranstaltung aufgrund von technischen Problemen soll nun am kommenden Dienstag ein neuer Versuch unternommen werden.

Da die Grobkorridore für einen möglichen Trassenverlauf durch den Landkreis Hersfeld-Rotenburg dennoch bekannt gegeben wurden, gibt es auch erste Stellungnahmen vom Landkreis, den betroffenen Kommunen und den Bürgerinitiativen.

„Wir dürfen nicht den Anschluss an große Ballungszentren wie das Rhein-Main-Gebiet und den neuen ICE-Knotenpunkt Erfurt in der Mitte Deutschlands verlieren“, sagt Landrat Dr. Michael Koch und fordert einen ICE-Halt im Kreis. „Der von Bürgermeister Thomas Fehling erarbeitete Vorschlag erscheint mir dabei eine geeignete Lösung, bei der die regionalen Interessen in besonderer Weise Berücksichtigung finden“, so Koch. 

In einer gemeinsamen Pressemitteilung mit Amtskollege Reinhard Krebs (Wartburgkreis) machen sich beide Landräte zudem für eine Trassenführung außerhalb des potenziellen Abbaugebiets des Bergbauunternehmens K+S stark – beim Verlauf der Trasse müssten auch die Interessen eines der größten Arbeitgebers der Region berücksichtigt werden.

"Bebra verpasst eine Aufwertung"

Bebra sei in seiner langen Geschichte als Eisenbahnerstadt bereits mehrfach auf dem Abstellgleis gelandet, bringe aber alle Voraussetzungen für einen Fernverkehrshalt mit, sagt Bürgermeister Stefan Knoche. Für ihn ist es schwer zu fassen, dass drei Minuten einem im Ausbau möglicherweise deutlich teureren Streckenverlauf im Wege stehen. Kritikpunkt der Bahn an einer Trassenführung über die Eisenbahnerstadt ist vor allem, dass die für den Deutschlandtakt angepeilte Fahrzeit von 62 Minuten überschritten wird. „Wenn Zeit irgendwann als Entscheidungskriterium über Geld steht, muss die Bahn das den Leuten hier vor Ort erst mal erklären“, sagt Knoche. 

Den Bürgermeister ärgert auch die Plattform für das Beteiligungsforum und die Übertragungspanne: „Wichtiges wird hier auf einem technischen Format verkündet, das nicht funktioniert. Das Thema ist viel zu bedeutend, um es in Zeiten von Corona als Randbemerkung abzuhandeln.“

Enttäuscht von der Entscheidung, die Eisenbahnerstadt Bebra nicht weiter zu berücksichtigen, ist Thomas Mühlhausen von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Der Vorsitzende der Bebraer Ortsgruppe hatte die nördliche Trassenvariante ins Spiel gebracht. „Das ist ein weiterer Nackenschlag für Bebra“, sagt er. Der Standort bleibe Knotenpunkt für den ÖPNV, verpasse aber eine Aufwertung. 

„Ich habe den Eindruck, dass man sich beim Beteiligungsforum ohnehin auf den Standort Bad Hersfeld versteift hat“, so der Gewerkschafter, der vor allem einen Halt auf der grünen Wiese verhindern will. Der Gegenwind aus Rotenburg – das Parlament hatte sich gegen die für einen Trassenverlauf über Bebra nötige Erweiterung des Suchraums ausgesprochen – sei zudem „ein Stück weit der politische Todesstoß“ gewesen.

Das sieht Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald anders: „Ich bin mir sicher, dass die Resolution der Stadtverordnetenversammlung nicht den Ausschlag gegeben hat.“ Die Entscheidung für die nun vorgestellten drei Grobkorridore sei in ihrer Herleitung nachvollziehbar.

Fehling: ICE-Halt in Bad Hersfeld ist weiter im Rennen

Bad Hersfelds Bürgermeister Thomas Fehling sieht sich in seinem Engagement bestätigt. „Zunächst einmal ist es erfreulich, dass die Streckenführungen durch das Geistal oder das Fuldatal nicht weiter verfolgt werden sollen. Das wird sicher für ein Aufatmen bei den Bürgerinitiativen sorgen“, heißt es einer Stellungnahme. 

Etappenziel erreicht: Die Grobkorridore für die neue Bahnstrecke Fulda-Gerstungen stehen einer Trasse über den Bahnhof Bad Hersfeld nicht entgegen.

Viel wichtiger aber sei, dass der Trassenvorschlag der Stadt und des Aktivbündnisses für eine Tunnel-Lösung mit ICE-Halt am bestehenden Bad Hersfelder Bahnhof weiter „im Rennen“ sei. Fehling zu dem Ergebnis des Bahnforums: „Die Vertreter Bad Hersfelds im Bahnforum und auch ich persönlich sehen uns durch die jüngsten Vorentscheidungen bestätigt. Bad Hersfeld wird sich weiterhin gemeinsam und engagiert für den ICE-Bahnhof in der Stadt einsetzen.“ 

Paul Niewerth, Sprecher des Aktivbündnisses von zehn Bürgerinitiativen, will sich erst nach dem Fortsetzungstermin des Forums detailliert äußern. Grundsätzlich sei das Ergebnis im Sinne des Aktivbündnisses, da der Bahnhof Bad Hersfeld weiterhin eine Alternative für den zukünftigen Streckenverlauf mit entsprechendem Halt im Bahnhof Bad Hersfeld darstellt. Niewerth weiter: „Wünschenswert ist jetzt eine noch stärkere Zusammenarbeit von Politik, Bürgern und Bürgerinitiativen, damit die Region und somit auch die zukünftigen Generationen einen dauerhaften Nutzen durch dieses Jahrhundertprojekt erfahren.“

Kritik an Video-Konferenz: Absurd und realitätsfremd 

Als „absurd und realitätsfremd“ bezeichnet Ludwigsaus Bürgermeister Wilfried Hagemann angesichts der Corona-Krise die Video-Diskussion über die neue Bahnstrecke. Hagemann in einem Schreiben an den Landrat und die Bahn: „Wir tangierten Entscheidungsträger an der Basis Ihres Projektes sollen angesichts der aktuellen Pandemie den Kopf frei haben für Ihr Projekt, welches künftige Generationen mit Nachdruck belastet? Ein Projekt, wie das in Rede stehende, gehört sich nicht über Skype diskutiert, sondern in persönlichem Kontakt, Auge in Auge.“ 

Der Ausschluss einer Trassenführung durch das Fuldatal bestätigt die Einschätzung von Niederaulas Bürgermeister Thomas Rohrbach, dass „die verschiedenen Raumwiderstände durch die FFH-Gebiete, die Fuldaaue, das Vogelschutzgebiet und Bebauung einfach zu hoch sind.“ Dennoch sollte man sich laut Rohrbach in der heutigen Zeit nie zu sicher sein und das weitere Geschehen verfolgen. Nun gelte es auch im Interesse der Nachbarkommunen und dem Halt in Bad Hersfeld, die von der Nachbarstadt vorgeschlagene Tunnel-Lösung zu fordern. 

Der Haunecker Bürgermeister Harald Preßmann hat gemeinsam mit den Kollegen Gerd Lang aus Haunetal, Thomas Rohrbach und Wilfried Hagemann eine Schnelleinschätzung durch ein Marburger Planungsbüro erstellen lassen, die die Hersfelder Tunnel-Lösung und den ICE-Halt in der Kreisstadt unterstützt. Preßmann stellte allerdings klar: „ Die weiteren Beteiligungsforen sollen nicht noch einmal als Webinar stattfinden, lieber verschieben und im persönlichen Dialog vor Ort anberaumen.“

K+S befürwortet Westtrasse mit Anbindung an Bad Hersfeld

Der Düngemittelhersteller K+S befürwortet für die geplante Schnellbahnstrecke Fulda-Gerstungen eine Trassenführung im Westen des Suchraums mit Anbindung der Kreisstadt Bad Hersfeld. Das erklärte der Leiter des Kaliwerks Werra, Martin Ebeling, gegenüber unserer Zeitung. 

Die sogenannte Westtrasse wird auch von der Stadt Bad Hersfeld und dem Aktivbündnis Waldhessen favorisiert. Sie sieht eine doppelte Tunnel-Lösung zwischen Langenschwarz und Bad Hersfeld sowie zwischen Friedlos und Hönebach vor. Die ermittelten Grobkorridore seien – abhängig von der späteren Feintrassierung – überwiegend mit den Interessen von K+S vereinbar, so Ebeling. Lediglich ein Korridor verlaufe mittig über dem zukünftigen Abbaugebiet „Feld Marbach“ und würde sich auf die Entwicklung des Werks auswirken. 

Wegen der großen Entfernung zur Erdoberfläche habe der Kali-Bergbau grundsätzlich nur geringen Einfluss auf Bauvorhaben. Bei anspruchsvollen Projekten wie der Bahntrasse müssten aber negative Einflüsse durch mögliche Erdbewegungen minimiert werden – etwa durch eine stabilere Ausführung der Bahn-Bauwerke oder endsprechende Abstandsregelungen bei der untertägigen Rohstoffgewinnung zum Trassenverlauf. K+S favorisiert deshalb die Westtrasse, die die Abbaugebiete im Westen und Norden umgeht. Sie beinhalte einen ICE-Halt in Bad Hersfeld, an dem K+S ebenfalls großes Interesse habe. Die Region werde dadurch mit den überregionalen Wirtschaftsräumen in Hessen und Thüringen vernetzt. Besonders die bessere Anbindung an die Metropolregion Rhein-Main eröffne Entwicklungspotenziale für den Kreis, der damit auch für Mitarbeiter attraktiver werde.

Befürchtungen unbegründet: Untertagedeponie ist über 700 Meter unter der Erde 

Kritik an der Westtrasse hatte die Wildecker FWG-Fraktion geübt, die etwa Probleme beim Tunnelbau durch große Mengen in den Untergrund versenkter Salzabwässer sowie eine Destabilisierung der Untertagedeponie Herfa-Neurode befürchtet. Mögliche Auswirkungen auf das Trink- und Grundwasser würden ohnehin im Zuge des Raumordnungsverfahrens berücksichtigt, so Ebeling. Eine Destabilisierung der Untertagedeponie sei schon wegen der Mächtigkeit des Deckgebirges nicht zu erwarten: Sie liege mehr als 700 Meter unter der Erdoberfläche.

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