Interview

Bebraer Schulamtsleiterin über Unterricht und Corona: Kein verlorenes Halbjahr

Anita Hofmann, Leiterin des Staatlichen Schulamts in Bebra, das für die Schulen im Kreis Hersfeld-Rotenburg und im Werra-Meißner-Kreis zuständig ist, lächelt für ein Porträtfoto in die Kamera.
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Das bisherige Krisenmanagement in Corona-Zeiten war gut: Das findet Anita Hofmann, die Leiterin des Staatlichen Schulamts in Bebra, das für die Schulen im Kreis Hersfeld-Rotenburg und im Werra-Meißner-Kreis zuständig ist.

In den Schulen herrschte bis zu den Ferien coronabedingt Ausnahmezustand. Verloren war dieses Halbjahr aber nicht, sagt Anita Hofmann, Leiterin des Staatlichen Schulamts in Bebra.

Hersfeld-Rotenburg - Das Bebraer Schulamt ist die Aufsichtsbehörde für die Schulen in den Kreisen Hersfeld-Rotenburg und Werra-Meißner. Auch dort lernten Eltern und Kinder seit Beginn der Corona-Pandemie ein englisches Wort und dessen Auswirkungen kennen: „Homeschooling“. Lehrkräfte und Schüler arbeiteten von zu Hause aus miteinander, mit Papier oder digital, sehr oft mit Unterstützung der Eltern. Wir blicken mit der Schulamtsleiterin zurück, aber auch schon voraus in das kommende Schuljahr.

Frau Hofmann, auf einer Skala von 1 bis 10 – wie erleichtert waren Sie, als die Sommerferien begannen?
Ich sage 8. Das Halbjahr war sehr herausfordernd, es hat viel Kraft und Zeit gekostet. Die Erleichterung am Ende war groß, ich hatte aber auch ein gutes Gefühl.
Wie schön. Wieso das?
Unser Krisenmanagement war gut, weil wir einen so engen Kontakt zu den Schulleitungen hatten wie nie zuvor. Durch die vielen Telefonate und Mails sind wir zusammengerückt. Schulen haben sich auch bedankt für die Beratung, und dass wir sie nicht im Regen hätten stehen lassen.
Hat man Sie denn als Aufsichtsbehörde im Regen stehen lassen?
Wir Schulamtsleiter hatten täglich Konferenzen mit dem Ministerium, als die Schulen geschlossen wurden und konnten alle Fragen stellen. Schwieriger wurde es, als die Schulen zum Teil wieder öffneten. Da kamen viele Fragen und wir hätten lieber mehr Zeit gehabt, sie zu beantworten. Aber im Ministerium fielen oft erst Donnerstag oder Freitag Entscheidungen, die schon am Montag umgesetzt werden mussten. Das war wohl auch den komplexen Absprachen zwischen dem für die Pandemie zuständigen Sozialministerium und dem Kultusministerium geschuldet. Für alle, die es umsetzen mussten, war das extrem anstrengend.
War dieses Halbjahr ein verlorenes für die Kinder?
Nein. Die Schulen hatten größtenteils sehr engen Kontakt zu den Schülern, die zu Hause arbeiten mussten. Die allermeisten Lehrkräfte haben sich unglaublich viel Mühe gemacht, um die Schülerinnen und Schüler sinnvoll mit Arbeitsmaterial voranzubringen. Das geschah digital, aber auch durch die klassischen Papierpakete. Kritisiert wurde von manchen Eltern allerdings, dass einige Lehrkräfte keine ausreichenden Rückmeldungen auf die abgegebenen Arbeiten gegeben hätten. Und für Irritationen hat gesorgt, dass sich die Leistungen aus dieser Zeit nicht in Noten niedergeschlagen haben. Aber es war klar, dass den Schülern in dieser Zeit kein Nachteil durch schlechte Noten entstehen sollte. Natürlich: Die Eltern waren sehr gefordert. Und es gibt eine Reihe von Kindern, die jetzt zusätzlich gefördert werden müssen. Nicht alle wurden beim Homeschooling durchgehend erreicht.
Viele glauben, dass durch die Pandemie die Digitalisierung an Schulen erst richtig in Schwung gebracht wurde. Sehen Sie das auch so?
Durchaus. Bei der Digitalisierung des Unterrichts hat es einen enormen Schub gegeben. Einfach, weil die Notwendigkeit eingesehen wurde. Die Fachberater für die Schulen an den Medienzentren, Jörg Taubner und Dirk Rudolf, haben eine große Resonanz auf ihre Fortbildungsangebote verzeichnet. Auch die Schulplattform des Ministeriums war so stark beansprucht, dass Lehrkräfte auch noch auf andere Plattformen ausweichen mussten. Außerdem haben wir in den vergangenen Jahren viele junge Lehrkräfte eingestellt. Die sind im Digitalbereich kompetent und haben gigantische Sachen für die Schüler ausgearbeitet.
Also könnte der digitale Unterricht den normalen ersetzen?
Nein. Unterricht macht so viel mehr aus. Schülerinnen und Schüler brauchen eine Beziehung zum Lernen und zum Lehrenden. Auch die Lehrkraft kann im Präsenz-unterricht ganz anders reagieren. Sie erkennt, dieser Schüler braucht mich jetzt mehr als andere, dieser Schüler braucht meine Unterstützung anders oder ein dritter braucht in dieser Unterrichtssituation noch mehr „Futter“, weil er bereits weiter denkt. Und natürlich gibt es das soziale Lernen: Kinder lernen sehr gut voneinander. Das kann beim Unterrichtsstoff sein, wenn die Klasse gemeinsam Ergebnisse entwickelt. Die werfen sich die Bälle zu. Es kommt bei den Kindern und Jugendlichen auch ganz anders an, wenn ein Mitschüler ein Ergebnis und seinen Weg dorthin vorstellt. Viele Kinder lernen auch tatsächlich für den Lehrer, der eine wichtige Bezugsperson darstellt und bestenfalls für sein Fach begeistern kann.
Ein präsenter Klassenverband ist damit mehr als nur eine Arbeitsgemeinschaft?
Schüler brauchen den sozialen Bezug. Sie können voneinander Rücksichtnahme lernen. Und sie lernen in der Gruppe, eine gewisse Ordnung zu halten und ein angemessenes Arbeitstempo zu entwickeln. Besonders bei den älteren Schülern kommt den Lehrern noch eine weitere Rolle zu, denn 13-, 14-Jährige brauchen auch noch andere erwachsene Gesprächspartner als ihre Eltern. Lehrer müssen eine gewisse Distanz halten, Schüler reiben sich an ihnen. Auf der anderen Seite werden sie für den direkten Austausch und die Ermutigung gesucht.
Wir halten also fest: Der digitale Unterricht kann den persönlichen Unterricht in der Schule nicht ersetzen. Im nächsten Schuljahr soll der Unterricht ja wieder komplett in den Klassen stattfinden. Haben Sie genug Personal? Wird alles so, wie es mal war?
Wir haben ganz viele Grundschullehrkräfte eingestellt. Unser Sorgenkind bleibt allerdings: Wieder fehlen Förderschullehrkräfte. Im Normalfall sind wir nicht schlecht versorgt. Aber wir müssen abwarten, wie viele Lehrkräfte sich aufgrund der Corona-Pandemie aus gesundheitlichen Gründen vorsorglich freistellen lassen.
In diesem Fall haben Lehrkräfte ein Privileg, dass es in der freien Wirtschaft nicht gibt. Wer kann sich schon krankschreiben lassen, weil die Gesundheit eventuell in Gefahr ist.
Ja, das ist ein Privileg. Und es wird unterschiedlich eingesetzt. Da gibt es sehr engagierte Kollegen, die trotz Vorerkrankungen verantwortungsvoll ihren Dienst versehen. Dann gibt es aber auch sehr ängstliche Kollegen, die lieber auf Nummer sicher gehen und wegen einer möglichen Infektion nicht unterrichten möchten. Ich denke, unsere Gesellschaft muss sich darauf einstellen, mit dem Coronavirus zu leben. Wir bekommen jetzt große Lieferungen mit Schutzmaterial, das wir den Schulen zur Verfügung stellen. Ich erinnere immer daran, dass wir als Beamte und Landesbedienstete eine Vorbildfunktion haben.

(Von Silke Schäfer-Marg)

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