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Er spottet mit Memes: Junger Mann aus Bebra nimmt Alltag in der Region aufs Korn

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Von: Clemens Herwig

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Kapuze für die künstlerische Freiheit: Bebra Memes will anonym bleiben, damit sein Hobby im Beruf nicht zur Belastung wird. Hier ist er mit seinem Handwerkszeug – es reicht ein Smartphone – am Wasserturm zu sehen.
Kapuze für die künstlerische Freiheit: Bebra Memes will anonym bleiben, damit sein Hobby im Beruf nicht zur Belastung wird. Hier ist er mit seinem Handwerkszeug – es reicht ein Smartphone – am Wasserturm zu sehen. © Clemens Herwig

Mit einem scharfen Blick für den alltäglichen Wahnsinn nimmt ein junger Bebraner bei Instagram die Eigenheiten der Region aufs Korn und nutzt dafür einen Internet-Trend. Die Zahl der Menschen, die seinem Kanal „Bebra Memes.36179“ folgen, steigt stetig.

Alltägliches mit Message: Zu jedem Beitrag stellt der junge Bebraner den Hashtag „#nofront“, also frei übersetzt: „nicht böse gemeint“.
Alltägliches mit Message: Zu jedem Beitrag stellt der junge Bebraner den Hashtag „#nofront“, also frei übersetzt: „nicht böse gemeint“. © Screenshot: instagram.com/ bebra.memes.36179

Bebra - Wir haben den Spötter aus der Biberstadt am Wasserturm getroffen: Bebra Memes ist jung, männlich und wohnt in der Kernstadt. Mehr will der höfliche 21-Jährige nicht verraten – für das Foto hat er vorausschauend einen Kapuzenpulli mitgebracht. „Ich will aus der vollen künstlerischen Freiheit schöpfen können“, sagt der Meme-Macher. Er befürchtet, dass er sich zurücknehmen müsste, wenn jeder weiß, wer hinter den Spötteleien steckt. „Man muss manchmal unter die Gürtellinie gehen – nur eben nicht zu tief. Die einen würden mir dazu vielleicht gratulieren, andere mich aber am liebsten anspucken“, sagt er mit einem Lachen. Und er will verhindern, dass sein Hobby Auswirkungen auf sein Berufsleben hat. Geld verdient er mit seinen Instagram-Beiträgen nicht.

„Man muss manchmal unter die Gürtellinie gehen – nur eben nicht zu tief.“

Bebra Memes

Ein humoristischer Heckenschütze also – der betont, dass er mit seinen Scherzen niemanden verletzten will. Bebra Memes bietet an, jeden Beitrag zu löschen, sollte sich jemand allzu sehr auf den Schlips getreten fühlen. Bisher sei das aber nur einmal vorgekommen.

Was treibt den jungen Bebraner an? „Ich sehe mich ein bisschen als Komiker: Es geht darum, die Menschen mit der Wahrheit zum Lachen zu bringen. Wir haben alle viel zu viel Stress.“ Seit März stellt er, zuletzt täglich, Spitzen gegen seine Heimat ins Internet. Sogenannte Memes (siehe Hintergrund) setzen auf ein ausdrucksstarkes Bild, das mit wenigen Zeilen in einen neuen Kontext gerückt wird. Ein Beispiel: Zu einer Aufnahme vom menschenleeren Rathausmarkt schreibt der 21-Jährige trocken: „Bebraer Alexanderplatz“. Mehr als 900 Menschen haben seinen Kanal mittlerweile abonniert, der „Memes auf Kosten der Biberstadt und des Kreises Hersfeld-Rotenburg“ verspricht.

Seine Ideen bekommt der Bebraner bei Streifzügen durch die Region, er hat den Blick für Kurioses regelrecht trainiert – „Alltägliches mit Message“ nennt er es. Gelegentlich verschafft ihm auch der Weg in die Mittagspause unverhofft reiche Beute: „Ich beobachte etwas und bekomme dann eine Blitzidee für ein Meme“, sagt er.

„Gefühlt das längste Dorf der Welt“: Spitzen gegen die Nachbarn aus Ronshausen gehören bei Bebra Memes zum guten Ton.
„Gefühlt das längste Dorf der Welt“: Spitzen gegen die Nachbarn aus Ronshausen gehören bei Bebra Memes zum guten Ton. © Screenshot: instagram.com/ bebra.memes.36179

Als Zugezogener fallen ihm Macken auf, mit denen sich viele Einheimische längst abgefunden haben – wie die stolzen Bebraer Autoposer. „Jedes Mal, wenn ich abends beim Spaziergang am be! vorbeikomme, stehen da die gleichen 15 Leute mit ihren Autos“, sagt er. Also hat er in einem Beitrag kurzerhand Bebras Einkaufszentrum-Parkplatz in den Hollywood-Streifen „The Fast & The Furious“ verlagert – ein Film, der getunte Flitzer, junge Frauen mit kurzen Röcken und illegale Straßenrennen glorifiziert. Es ist mit 225 Gefällt-mir-Angaben sein bisher größter Erfolg.

„Ein gutes Meme muss für jeden sofort verständlich sein und trotzdem so zugespitzt, dass es lustig ist“, sagt der 21-Jährige. „Es lebt außerdem von einem Hauch Wahrheit. Das Wichtigste ist aber das Bild: Entweder es packt einen, oder eben nicht.“ Mal braucht er nur zehn Minuten, dann wieder eine gute Stunde, bis die Spöttelei fertig ist. Sein Werkzeug ist das Smartphone, auf dem er Bild und Text zusammensetzt.

Neben Bebra sind Ronshausen und Rotenburg häufige Opfer seiner Spitzen. „Die bieten einfach viel Angriffsfläche“, sagt Bebra Memes mit einem Achselzucken. „Ronshausen ist gefühlt das längste Dorf der Welt, wer da durchfährt, ist danach regelrecht erschöpft.“ Auch Rotenburgs Rathauschef Christian Grunwald hat er einen Kommentar entlockt – für den Spötter aus Bebra ein kleiner Triumph. Der 21-Jährige hatte sich mehrfach über das seit Langem im Werden befindliche Hängebrücken-Projekt amüsiert – etwa mit dem Foto von einem Skelett auf einer Parkbank und der Überschrift „Rotenburger, die auf die Hängebrücke warten“. Auf den Gag, die Fuldastadt wolle mit der Rodelbahn nur vom Hängebrücken-Fiasko ablenken, schrieb Grunwald augenzwinkernd: „Verdammt! Dabei war unser Plan eigentlich totsicher.“

Nicht jede Zielscheibe nimmt die Sticheleien mit Humor: „Bro, was hast du gegen Ronshausen?“ will ein Nutzer wissen. Bebra Memes – der auf Reaktionen zu seinen Beiträgen schnell reagiert, um Nähe zu seinem „Publikum“ aufzubauen – wird es seinem neuen „Bruder“ („Bro“) wohl erklärt haben: Gar nichts, ist doch alles nur Spaß. instagram.com/bebra.memes.36179

Von Clemens Herwig

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