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Erinnerung greifbar machen: Schülerinnen aus Bebra bauen Modell der Synagoge

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Von: Eden Sophie Rimbach

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Gehörte einst zum Stadtbild Bebras: Uli Rathmann und Martin Entian zeigen, wie die Synagoge nahe des Rathauses aussah. Entian baute sie nun als Modell mit Sibelta Morad, Mirra Buller und Wiktoria Kalinowska nach.
Gehörte einst zum Stadtbild Bebras: Uli Rathmann und Martin Entian zeigen, wie die Synagoge nahe des Rathauses aussah. Entian baute sie nun als Modell mit Sibelta Morad, Mirra Buller und Wiktoria Kalinowska nach. © EDEN SOPHIE RIMBACH

Gemeinsam mit einem Mitglied des Funk- und Modellbauclubs Bebra haben Schülerinnen der Brüder-Grimm-Gesamtschule ein Modell der ehemaligen Synagoge erstellt.

Bebra – Gemeinsam tragen Martin Entian und Uli Rathmann das Modell hinein. Steine, Putz und Dachziegel sehen lebensecht aus. Im Werkraum angekommen, setzt Entian die hölzernen Fensterrahmen in Sandsteinoptik ein, versieht die präzise gefertigten Fenster mit Metallgittern.

Ein Modell der ehemaligen Synagoge Bebras haben Schülerinnen der Brüder-Grimm-Gesamtschule in Bebra nun gemeinsam mit einem Mitglied des Funk- und Modellbauclubs Bebra fertiggestellt. Während der Schulzeit hatten sie damit begonnen, das Projekt auch an den ersten beiden Tagen der Sommerferien weitergeführt.

Modell der ehemaligen Synagoge in Bebra: Mit jüdischem Leben beschäftigen

„Das hat auf Anhieb funktioniert“, sagt Entian über die Zusammenarbeit mit den Schülerinnen der Klasse G9. Wenngleich alle fünf nicht den Werkkurs belegt haben, hätten sie sich schnell in die Arbeit am Modell eingefunden. Das Mitglied des Funk- und Modellclubs lobt auch das Talent der Jugendlichen.

„Das selbst zu bauen, gibt noch mal einen Einblick“, erklärt Mirra Buller. Mit ihren Mitschülern hat sie im Rahmen einer Projektwoche unter anderem über jüdische Familien recherchiert, die einst in Bebra lebten. Dadurch hätten sie zwar ebenfalls etwas über die Synagoge gelernt, wie sie wirklich aussah, erfahre man aber erst richtig beim Nachbauen.

Genau das habe laut Entian auch eine Schwierigkeit beim Bau dieses Modells ergeben. Denn bis auf einige Schwarz-Weiß-Fotos und wenige in Farbe ist kaum etwas erhalten, das von der Synagoge und ihrem Aufbau zeugt. Baupläne gebe es laut Entian und Rathmann, Leiter des Fachdienstes Generationen bei der Stadt Bebra, nicht mehr – lediglich der Grundriss sei bekannt. Die Höhe errechneten Entian und Rathmann daraufhin unabhängig voneinander und kamen auf ein ähnliches Ergebnis.

Das Modell der Synagoge ist im Rahmen einer Projektarbeit entstanden

Sie kennen die Geschichte der Synagoge, die am 7. November 1938 Opfer der Pogrome wurde. Später sei sie teilweise als Lagerraum genutzt, im Rahmen der Stadtsanierung im Jahr 1972 abgerissen worden.

Die Idee zu einem Projekt, bei dem die ehemalige Synagoge als Modell nachgebaut wird, habe es laut Rathmann bereits seit längerer Zeit gegeben. Als man mit Entian jemanden fand, der sich mit dem Modellbau auskennt, habe man es realisieren können. Entian ist seit 20 Jahren Mitglied im Funk- und Modellbauclub, hat vor einigen Monaten die Atzelröder Kirche nachgebaut. Dieses Modell zeigte er der Klasse auch, als die Idee zum Projekt dort vorgestellt wurde.

Im Rahmen einer Projektwoche hatten sich die Jugendlichen der G9 bereits in Kleingruppen mit jüdischen Familien Bebras beschäftigt, sich unter anderem die Reden genau angehört, die Hinterbliebene in der Stadt gehalten hatten. Mit viel Interesse waren unter anderem Sibelta Morad, Mirra Buller, Wiktoria Kalinowska, Maja Becker und Marie Krocker dabei gewesen. Die fünf Schülerinnen meldeten sich für das Projekt.

Erinnerung an jüdisches Leben: Die Geschichte soll nicht in Vergessenheit geraten

Dass sie gern am Modell weiterarbeiten und in den Ferien schließlich genug Zeit hätten, betonten die drei ersten von ihnen bei ihren Arbeiten am Montag. „Es ist auch wie eine Erinnerung, dass wir Schüler uns damit beschäftigen“, sagt Mirra Buller. Es sei schade, dass das Gebäude nicht mehr existiere.

Rathmann fügt hinzu, dass die Synagoge erst im Jahr 1924 umgebaut und feierlich eingeweiht worden sei. Somit liegen keine 15 Jahre zwischen diesem Ereignis und der Zerstörung der Synagoge. „Diese Dinge dürfen nicht in einem kleinen Zirkel verbleiben, sondern müssen an junge Leute weitergegeben werden“, sagt Rathmann über das Erinnern. Die Gesamtschule sei dabei ebenso wie die Beruflichen Schulen ein guter Kooperationspartner der Stadt.

Fest steht, dass das Modell zu sehen sein wird. Der Ort sei laut Rathmann aber noch nicht klar. Denkbar seien derzeit mehrere Möglichkeiten wie das Ausstellen in einer Vitrine auf dem Rathaus-Vorplatz oder das Nutzen des Modells als Vorlage für einen Bronzeabdruck.

Ehemalige Synagoge in Bebra: Das Modellbauprojekt nahm viel Zeit in Anspruch

„300 Stunden sind bisher erreicht“, sagt Entian am Montag mit Blick auf das Projekt. Er hatte das Grundgerüst des Modells in seiner heimischen Werkstatt gefertigt, musste damit aufgrund der Größe schließlich ins Wohnzimmer umziehen. Gemeinsam mit den Schülerinnen entstand dann nach und nach ein immer realistischer aussehendes Modell. Bis auf die Fenstergitter und die Fenster besteht es aus Holz. Die gekauften Dachziegel wurden so bearbeitet, dass sie wie echte glänzen.

Das Mauerwerk wurde aufgezeichnet. Die verputzten Felder haben die Schülerinnen gemeinsam mit Entian mit Holzleim und Sand gestaltet und anschließend lackiert. Da an der hinteren Wand der echten Synagoge direkt ein Gebäude stand, wurde die Rückwand für das Modell rekonstruiert.

Entians Dank gilt seinem Verein, durch den einige computergestützt ausgefräste Teile präzise entstanden sind. Gearbeitet wurde mit Laser, Fräse und auch per Hand. Gefördert wird das Modellbauprojekt mit 5056 Euro aus dem Regionalbudget 2022 des Kreises Hersfeld-Rotenburg. Die restlichen circa 20 Prozent der Gesamtkosten von rund 6320 Euro trägt die Stadt Bebra. Ideengeber war die Arbeitsgemeinschaft Jüdisches Leben. (Eden Sophie Rimbach)

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