Nordkreis will „faire Chance“

Bahnlinie Fulda-Gerstungen: Bürgermeister fordern Trasse über Bebra

Wollen eine faire Chance für den Fernverkehrshalt Bebra: Die Bürgermeister Stefan Knoche (hinten von links), Alexander Wirth und Markus Becker mit Thomas Mühlhausen von der GDL (vorne links) und Dr. Kurt Schreiner am für drei Millionen Euro neu gestalteten Bahnhofsvorplatz. Im Hintergrund das Inselgebäude.
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Wollen eine faire Chance für den Fernverkehrshalt Bebra: Die Bürgermeister Stefan Knoche (hinten von links), Alexander Wirth und Markus Becker mit Thomas Mühlhausen von der GDL (vorne links) und Dr. Kurt Schreiner am für drei Millionen Euro neu gestalteten Bahnhofsvorplatz. Im Hintergrund das Inselgebäude.

Im Nordteil des Landkreises formt sich eine Allianz für eine Streckenführung der geplanten Fernverkehrslinie Fulda-Gerstungen über den Bahnhof Bebra. 

Die Krux: Die Bahn hatte das mit der Begründung, bei einem Halt in Bebra werde die nötigte Fahrzeit für den Deutschlandtakt um bis zu vier Minuten verpasst, im März bereits abgelehnt.

Die Bürgermeister von Bebra, Ronshausen und Wildeck fordern nun eine erneute Prüfung der Fahrzeiten und eine „faire Chance“ für den Fernverkehrshalt Bebra. Derzeit dominiert die Diskussion vor allem eine von Bad Hersfelds Bürgermeister Thomas Fehling beworbene und auf den Vorschlägen von Bürgerinitiativen beruhende Tunnelvariante über die Kreisstadt.

„Eine sinnvolle Verbindung auf dem Verkehrsträger Schiene ist nur im Schienenschnittpunkt Bebra möglich“, heißt es in einem gemeinsamen Schreiben an das Regierungspräsidiums (RP) Kassel, das für das Raumordnungsverfahren der Neubaustrecke zuständig ist. Gefordert wird, dass die Streckenführung über Bebra erneut in die Planungen miteinbezogen wird. Derzeit entstehe der Eindruck, eine Trasse über Bad Hersfeld sei gesetzt. Auch die Bürgermeister Herbert Vaupel (Malsfeld) und Peter Tigges (Spangenberg) aus dem Schwalm-Eder-Kreis unterstützen den Vorstoß.

Zudem wird eine sogenannte Y-Trassenvariante zwischen Ludwigsau-Ersrode und Neuenstein-Mühlbach vorgeschlagen. Damit könne nicht nur der Verkehr aus dem Rhein-Main-Gebiet im Süden, sondern auch aus dem Ruhrgebiet über Bebra weiter in den Osten laufen, sagt Thomas Mühlhausen von der Bebraer Ortsgruppe der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), der bereits die im März von der Bahn abgelehnte Trassenvariante über Bebra in die Diskussion eingebracht hatte.

Das RP Kassel hatte im Februar eine Erweiterung des Suchraums auf Bebra festgelegt. Die Entscheidung der Bahn zum Ausschluss der Eisenbahnerstadt werde bei Vorlage des Antrags für das Raumordnungsverfahren erneut geprüft und bewertet, heißt es von der Behörde. Die Fahrzeitberechnung entspreche dem Stand der Technik und den vereinbarten Richtlinien zwischen DB und Eisenbahn-Bundesamt, heißt es auf Anfrage von der Bahn. Mit einem abweichenden Ergebnis bei erneuter Prüfung sei nicht zu rechnen. Das nächste Beteiligungsforum zur Strecke Fulda-Gerstungen ist am 22. September.

Die Bahnstrecke und Beteiligungsforen

Die Schnellbahntrasse soll als Teil des Korridors Frankfurt-Erfurt Fernverkehrsstrecken verbinden. Ziel ist auch eine Entlastung der Strecke Fulda-Bebra. Zwischen Fulda und Erfurt soll der ICE höchstens 62 Minuten benötigen. Durch Beteiligungsforen übt sich die Bahn bei der Planung im Bürgerdialog. Im März wurden grobe Korridore für mögliche Strecken vorgestellt – Bebra ist nicht dabei. Im September sollen die noch etwa 1000 Meter breiten Trassenkorridore feststehen. 

„Es muss einen Ruck geben“

Das sechste Beteiligungsforum der Bahn zur Neubaustrecke Fulda-Gerstungen hat Mitte März coronabedingt als Videoübertragung stattgefunden. Von der rund 50-seitigen Präsentation beschäftigten sich drei Folien mit einer Strecke über Bebra. Dann war der Bahnhof, in dessen Modernisierung fast 15 Millionen Euro geflossen sind und dessen Inselgebäude derzeit aufwendig saniert wird, vorerst draußen. Zur Fahrzeitvorgabe – 62 Minuten zwischen Erfurt und Fulda – fehlen bis zu vier Minuten.

„Mir fehlt dabei die faire Chance“, sagt Bebras Bürgermeister Stefan Knoche, der die Übertragung verfolgt hat, „solange sie funktionierte“ – die Bahn hatte mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen, es kam zum vorzeitigen Abbruch der Veranstaltung. Für den Rathauschef ist die Argumentation gegen eine Strecke über Bebra nicht ausreichend und die Fahrzeitberechnung nicht transparent genug. „Wie lange würde die Fahrt über Bad Hersfeld dauern, ist das auch ausgerechnet worden?“, fragt Knoche. Zudem dürfte die Hersfelder Tunnelvariante wesentlich teurer sein: „Spielt das keine Rolle?“

Bebra ist durch einen Antrag der örtlichen Gruppe der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) überhaupt erst Thema im Beteiligungsforum. Ausgearbeitet hat ihn Thomas Mühlhausen. „Bebra ist die einzige sinnvolle Lösung“, sagt er. Im ehemaligen Grenzbahnhof laufen vier Nahverkehrslinien zusammen. Im Umfeld von 20 Minuten Fahrtzeit würden mehr als 100 000 Menschen erreicht, die mit einer Anbindung innerhalb von 40 Minuten nach Erfurt und innerhalb von eineinhalb Stunden ins Rhein-Main-Gebiet fahren könnten. Mühlhausen schlägt nun eine sogenannte Y-Trasse vor, die den Verkehr aus dem Süden und Norden aufnimmt und über Bebra leitet.

Als Teilnehmer des Beteiligungsforums hat Mühlhausen den Eindruck: „Man will nach Bad Hersfeld rein. Wie es dann weitergeht, hat man sich lange nicht überlegt.“ Diese Einschätzung teilt auch Dr. Kurt Schreiner. Der FWG-Politiker ist eine treibende Kraft hinter der Kritik aus dem Nordkreis und als Hönebacher von den Hersfelder Plänen direkt betroffen. Er befürchtet, dass der Wildecker Ortsteil die Folgen einer Neubaustrecke mit Tunnellösung ausbaden muss und Bebra weiter ins Bahn-Abseits gedrängt wird. Derzeit wirke es so, als habe die Kreisstadt die Planungshoheit über den weiteren Streckenverlauf – und der Nordkreis eine Chance verpasst.

Denn die neue Trasse bedeute auch einen Attraktivitätsgewinn und eine wirtschaftliche Stärkung für die umliegende Region – in Bebra mit einer Strahlkraft bis in den Schwalm-Eder-Kreis. „Auch bei uns muss ein Ruck durch die Bevölkerung gehen“, sagt Ronshausens Bürgermeister Markus Becker, „als Region sind wir größer als Bad Hersfeld.“ Ob mit einem Halt in Bebra oder Bad Hersfeld, über Wildeck wird die Eisenbahnstrecke ohnehin verlaufen – also will man dort auch von einem Fernverkehrshalt in der Nähe profitieren. „Wir müssen als Zubra-Region mit einer Stimme sprechen“, sagt Bürgermeister Alexander Wirth.

In der Nordkreis-Allianz klafft allerdings eine ganz offensichtliche Lücke: Die Rotenburger Politik hatte sich gegen die Trasse über Bebra ausgesprochen. Befürchtungen gibt es etwa wegen der Trinkwasser-Quellen. Trotz der Absage wollen die Kommunen die Fuldastadt aber „mit an den Tisch holen“.

Das muss nun schnell gehen. Für die Tunnelvariante gab es bereits im März eine breite Unterstützung der Ortsbeiräte der Kreisstadt, auch Nachbargemeinden wie Ludwigsau, Haunetal, Hauneck und Niederaula befürworteten den Vorschlag. „Diese Gesprächsrunde gibt es schon länger, aber Corona hat uns stark ausgebremst“, sagt Alexander Wirth. Zudem sei lange auf dem weißen Papier geplant worden, bevor die Bahn mit dem jüngsten Forum dann plötzlich Pflöcke eingeschlagen habe, sagt Stefan Knoche, der erst seit Anfang März als Chef im Bebraer Rathaus sitzt. Was sind die nächsten Schritte? Die Bebra-Befürworter hoffen auf engagierte Unterstützer aus der Bevölkerung und eine erneute Prüfung der Fahrzeiten. Notfalls werde auch selbst ein Auftrag an ein unabhängiges Ingenieurbüro vergeben. Die Kosten könnten sich die beteiligten Kommunen teilen, letztendlich liege eine Entscheidung damit bei den Stadt- und Gemeindeparlamenten.

Bahn: Fahrzeit ist nicht der einzige Grund 

Die Deutsche Bahn weist die Kritik aus dem Nordkreis zurück. Die DB Netz AG plane das Projekt Fulda-Gerstungen transparent und ergebnisoffen und unter frühzeitiger Einbeziehung der Öffentlichkeit, heißt es von einer Bahnsprecherin auf Anfrage unserer Zeitung.

Vorschläge aus dem Beteiligungsforum würden sehr ernst genommen und in Betracht kommende Varianten geprüft. Allerdings gebe der Bundesverkehrswegeplan Ziele und Rahmenbedingungen für die Trassensuche vor. Darunter falle auch, dass Bad Hersfeld weiterhin ans Fernverkehrsnetz angebunden bleibt.

Für die Berechnung von Fahrzeiten werde das komplexe Bahnsystem idealtypisch simuliert, heißt es weiter. Dabei würden die Streckenhöchstgeschwindigkeit, der Fahrzeugtyp, die Motorleistung sowie verschiedene physikalische Widerstände, aber auch Faktoren wie die Wetterverhältnisse oder Baustellen berücksichtigt. „Die Überprüfung durch den technischen Planer hat ergeben, dass eine Streckenführung über Bebra das Fahrzeitziel nicht einhalten kann“, so die Sprecherin. Auch für andere mögliche Trassenkorridore sei geprüft worden, ob die Projektziele eingehalten werden – auch die Fahrtzeit. Die Ergebnisse sollen noch im Beteiligungsforum vorgestellt werden.

Ausschlaggebend für das Ausscheiden des Bahnhofs Bebra aus der Suche nach einem Trassenkorridor sei nicht nur die Fahrzeit, sondern auch, dass sich mit einer Streckenführung über Bebra die Auflösung des Engpasses auf der bestehenden Strecke Fulda und Bebra nicht umsetzen lasse. „Diese Thematik haben wir im Beteiligungsforum ebenfalls ausführlich erklärt“, so die Bahnsprecherin. Das Problem lasse sich auch durch eine Y-Trassenvariante nicht lösen, die zudem auch das Erreichen des Fahrzeitziels von 62 Minuten zwischen Fulda und Erfurt nicht ermögliche.

Hintergrund: Die Bad Hersfelder Tunnelvariante

Die Tunnellösung sieht einen Abzweig der neuen Trasse an der bestehenden Schnellbahnstrecke Würzburg-Hannover bei Langenschwarz vor. Der Schienenweg würde dann in einen etwa zehn Kilometer langen Tunnel führen und unterhalb des Johannesberges bei Unterhaun auf die bisherige Trasse einmünden. Im weiteren Verlauf würde der Bahnhof Bad Hersfeld weiter als ICE-Halt genutzt. Die Schienen führen dann noch vor Friedlos Richtung Osten in einen weiteren, ebenfalls etwa zehn Kilometer langen Tunnel, der bei Hönebach an die Bestandsstrecke anknüpft. (Clemens Herwig)

fulda-gerstungen.de

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