Interview

Kreisbeste Abiturientin Charlotte Lorey: „Schulpolitik in Hessen war keine Vollkatastrophe“

Das Bild zeigt eine junge, zierliche Frau mit Brille und dunklen Haaren vor der Aula des Beruflichen Gymnasiums
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Kreisbeste: Charlotte Lorey (20) mit ihrem rekordverdächtigen Abi-Zeugnis. Jetzt will sie eine Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin machen.

Das Abi geschafft, die beruflichen Ziele im Blick: Charlotte Lorey, Absolventin des Beruflichen Gymnasiums Bebra, stehen alle Türen offen. Sie hat einen Schnitt von 1,0 erreicht.

Bebra - Die 20-jährige Charlotte ist im Landkreis zwar nicht allein mit ihrem Abi-Schnitt von 1,0. Doch sie hat rekordverdächtig viele Punkte erlangt. Dem Kreis war das ein Preisgeld von 500 Euro wert. Wir haben mit Charlotte Lorey gesprochen.

900 Punkte sind im hessischen Abitur theoretisch möglich. Wie viele Punkte haben Ihnen dazu gefehlt?
18 Punkte haben mir gefehlt. Offiziell resultiert daraus die Note 1,0. Inoffiziell könnte es sogar noch besser sein, aber das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht.
Um diesen Schnitt zu erreichen, müssen Sie in allen Fächern gut sein. Gab es Fächer, die Ihnen nicht so leichtgefallen sind?
Die meisten Hauptfächer fielen mir leicht. Jedoch mussten wir in der 12. Klasse ein Wahlpflichtfach wählen. Ich hab mich für Holzverarbeitung entschieden. Ich habe gedacht, dass das eine willkommene Abwechslung sein könnte, mal praktisch zu arbeiten. Schnell habe ich aber gemerkt, dass die Holzarbeit nicht so meins ist. Das war dann mein schlechtestes Fach in der Abiturwertung – aber auch kein Weltuntergang. Ich habe noch 11 und 13 Punkte dafür bekommen.
Ohne Vorbereitung ist so ein exzellentes Abitur kaum möglich. Was sagen Sie denen, die Sie eine Streberin nennen?
Es kommt darauf an, was man mit dem Begriff Streberin verbindet. Das muss ja nicht abwertend gemeint sein, auch wenn man das als Jugendlicher oft so empfindet. Ich verbinde mit dem Begriff eher, dass man Prioritäten setzt. Der eine konzentriert sich auf die Schule und steckt dort viel Zeit rein. Ein anderer investiert seine Zeit halt in andere Dinge. Das macht jeder, wie er möchte. Und das ist auch richtig so. Ich wollte meinen Schwerpunkt eben auf die Schule setzen. Dabei hat mich meine Familie gut unterstützt, was nicht selbstverständlich ist. Dann nehme ich gerne in Kauf, dass mich andere eine Streberin nennen.
Blieb denn trotzdem vor dem Abitur noch Zeit für Freunde und Hobbys?
Es war natürlich schwer, weil die direkte Zeit vor dem Abi durch Corona und den Lockdown geprägt war. Da war die Möglichkeit, Freunde zu treffen und Hobbys nachzugehen, eingeschränkt. Die meiste Zeit ging für die Abi-Vorbereitung drauf. Ich habe aber versucht, regelmäßig Pausen zu machen und Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Freunde zu treffen, war nur begrenzt möglich. Aber ich habe mich nicht 24 Stunden an sieben Tagen der Woche aufs Abi vorbereitet.
Die meiste Zeit der Oberstufe haben Sie während der Pandemie erlebt. Wie hat sich Corona konkret auf Ihr Abitur ausgewirkt?
Sowohl Schüler als auch Lehrer wurden ins kalte Wasser geworfen. Man wurde mit vielen Neuheiten konfrontiert, etwa dem Distanzunterricht. In der 12. Klasse mussten wir uns zu Hause viele Sachen selbst beibringen. An unserer Schule haben alle versucht, das Beste aus der Situation zu machen. In der 13. Klasse wurde beispielsweise außerhalb der regulären Schulzeit Stoff nachgeholt, der in der 12. Klasse nicht ausreichend behandelt wurde. Teilweise hat das auch am Wochenende stattgefunden. Zwar war das Lernen im Distanzunterricht anders. Ich bin jedoch mit einem sehr guten Gefühl in die Abiprüfungen gegangen. Meinen Mitschülern ging es ähnlich.
Es hat Rufe gegeben, dass es auf keinen Fall ein Notabitur geben soll – mit reduzierten Anforderungen. Glauben Sie, dass Sie ein gleichwertiges Abitur geschrieben haben?
Die Abiprüfungen waren in meinen Augen genauso anspruchsvoll wie vorherige. Dabei ist das Empfinden von Schwierigkeit natürlich subjektiv. In Chemie und Deutsch habe ich zur Vorbereitung alte Prüfungen durchgearbeitet. Daher habe ich den Vergleich: Es war auf keinen Fall leichter. Ich hoffe, dass das Abitur von zukünftigen Arbeitgebern gleich behandelt wird. Natürlich ist die Angst da, dass Arbeitgeber glauben, unser Abi sei einfacher gewesen, und somit Nachteile entstehen.
Welche Lehren sollte die Schulpolitik aus der Coronakrise ziehen?
Hinsichtlich der Digitalisierung wurde in der Corona-Zeit sehr deutlich, dass es noch sehr viele Ecken gibt, in die mehr investiert werden muss. So muss jeder Schüler zu Hause über die technischen Möglichkeiten verfügen, die Lehrer müssen geschult werden, damit sie mit den unterschiedlichen Online-Plattformen besser umgehen können. Außerdem befürworte ich, dass nach den Sommerferien in den Schulen flächendeckend Luftfilter installiert sind. Abgesehen von der Technik sollte sich aber auch die Kommunikation zwischen dem Hessischen Kultusministerium und den Schulen verbessern.
Welche Schulnote würden Sie der hessischen Schulpolitik denn für das Pandemie-Management geben?
Das ist schwierig, denn Corona hat ja alle unvorbereitet getroffen. Schüler, Lehrer, Schulen und das Kultusministerium sind allesamt unvorbereitet gewesen. Klar, man kann viel kritisieren. Die Frage ist jedoch, ob man es selbst in der Situation besser gemacht hätte. Das glaube ich eher nicht. Wenn ich mich festlegen müsste, bekäme die hessische Schulpolitik die Note 3 von mir. Es war okay. Es war keine Vollkatastrophe. Wir sind ja auch irgendwie durch die schwierige Zeit gekommen.
Haben Sie Tipps für Schüler, die nach den Sommerferien in die Oberstufe kommen und es Ihnen gleichtun wollen?
Man muss das immer zweigeteilt betrachten: Auf der einen Seite gibt es viele Faktoren, die man selbst beeinflussen kann: Disziplin, Fleiß und den Willen, für seine Träume zu arbeiten. Dazu gehört auch der Wille, Aufgaben zu erledigen, die einem nicht so leicht fallen. Auf der anderen Seite spielen auch Faktoren eine Rolle, die man nicht beeinflussen kann: insbesondere das häusliche Umfeld. Da hatte ich sehr Glück, privilegiert zu sein, sodass ich mich auf die Schule konzentrieren konnte. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Das Abi ist in der Tasche. Jetzt stehen Ihnen alle Türen offen. Was ist Ihr Plan?
Mein Plan ist, dass ich erst mal eine Ausbildung mache als medizinisch-technische Assistentin im Labor beim Klinikum Fulda. Danach werde ich daran wahrscheinlich noch ein Studium hängen. Entweder in Medizin oder Pharmazie. Da bin ich mir noch nicht ganz sicher.
Der Kreis hat für die besten Schulabschlüsse einen Preis vergeben. Was machen Sie mit den 500 Euro?
Ich richte mir gerade eine eigene Wohnung in Fulda ein. Wahrscheinlich fließt das Geld da hinein. (Paul Bröker)

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