"Eine Frisur des Grauens gibt es nicht"

Jetzt macht er einen Schnitt: Friseur aus Bebra hört nach 70 Jahren auf

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Ein Urgestein macht endgültig Feierabend: Auch im Alter von 83 Jahren – 70 davon als Friseur – hat Gerold Tenert eine ruhige Hand. Kunde Edgar Bartholomäus vertraut ihm seit 45 Jahren.

Einige Kunden kommen seit mehr als 40 Jahren zu ihm. Er hat es ihnen daher möglichst schonend beigebracht: Gerold Tenert macht nach 70 Jahren als Friseur endgültig Feierabend.

Im Friseursalon Haircouture in der Bebraer Innenstadt ist ein kleiner Bereich für ihn reserviert – links, gleich hinter dem Eingang. Ein Stuhl, ein Spiegel, Schere und Rasierer – viel mehr braucht Gerold Tenert nicht, um seine (mittlerweile ausschließlich männlichen) Kunden von dort wohlfrisiert wieder nach Hause zu schicken.

„Ich bin noch nie so oft von Männern umarmt worden wie in der letzten Zeit“, sagt der Bebraner. Mit 65 Jahren ist Gerold Tenert in Rente gegangen – und hat einfach weiter gemacht, zunächst drei Mal pro Woche. Dafür mietete er sich einen Schnittplatz im Salon in der Nürnberger Straße. Mit 80 Jahren hat der Friseurmeister dann einen Gang heruntergeschaltet und arbeitet seitdem noch an zwei Tagen. Derzeit hat er etwa 30 Kunden pro Woche.

Er ist berufsbedingt gut informiert

Dass die ihm treu geblieben sind, liegt nicht nur am Vertrauen in sein handwerkliches Geschick. Es geht um persönliche Zuneigung. Seit 45 Jahren lässt sich Edgar Bartholomäus schon von Tenert die Haare schneiden. Zwei Dinge kommen dem Bebraner in den Sinn, um seinen Friseur zu beschreiben: „Er ist immer gut informiert und ich weiß, was ich bekomme: Hinsetzen und er machts.“

Gerold Tenert hat viele Haarmodetrends kommen und gehen sehen, seit er im November 1954 – mit nur wenig mehr als seinem Friseurkittel und seinem Werkzeug im Gepäck – am Bahnhof in Bebra ankam, ausgereist aus der DDR, aus Heidenau bei Dresden. Früher war die Dauerwelle wichtig, heute ist es das Färben. Eine Frisur des Grauens – selbst bei freier Auswahl von Bob bis Elvis-Tolle – hat er nicht: „Es muss zum Kopf passen“, sagt der Friseurmeister. Heute trägt er Hemd und blaue Weste – früher wurde im weißen Kittel gearbeitet. „Die Kinder haben immer angefangen zu weinen, weil sie dachten, es geht zum Arzt“, erinnert sich der 83-Jährige.

Das Werkzeug seiner Wahl: Neben dem Friseurstuhl für die Kunden steht stets Gerold Tenerts sogenannter "Boy", das Wägelchen mit seinem Handwerkszeug wie Scheren, Kämme und Rasierer. Mit Klick auf die Pfeile oben rechts im Bild ist das komplette Foto zu sehen.

Was sich dagegen äußerlich kaum verändert hat, ist das Werkzeug seiner Wahl: „Meine treueste Schere hat 30 Jahre durchgehalten“, sagt Tenert. Etwa 60 Mark hat er damals für sie bezahlt, auf Goldüberzüge hat er ohnehin nie viel gegeben: „Schlicht, aber gut muss es sein.“ Eine selbstschleifende Schere der neuesten Generation gibt es ab 600 Euro.

Es ist ein kleines Opfer für die Familie

Selbst wenn er an den (endgültigen) Ruhestand denkt, kann Gerold Tenert nicht ganz vom Friseurjargon lassen: „Das ist schon ein Einschnitt“, sagt er. Die Freude an den Menschen und der Spaß an der Arbeit haben ihn immer weiter machen lassen. Ein bisschen hat er sich bei seiner Entscheidung auch dem Druck der Familie gebeugt: Der Garten, der Hund und die drei Urenkel brauchen seine Aufmerksamkeit. Auch der Eisenbahnchor Germania – Tenert ist aktiver Sänger – wird die Lücke füllen. 

Dass seine Frau Inge so lange Verständnis hatte, liegt wohl auch daran, dass sie selbst Friseurin war – beide lernten sich im Salon Hirschhäuser in Bad Hersfeld kennen. Ein kleines Opfer bringt auch das Team von Haircouture: „Es sind schon viele Tränen geflossen“, sagt Chefin Nadine Scheer. Tenert war ihr Ausbilder, sie wird ihn vermissen: als Mentor, vor allem aber als Mensch.

Zur Person

Gerold Tenert (83) ist in Papstdorf (Sachsen) geboren, das Friseurhandwerk erlernte er von 1949 bis 1952 in Heidenau bei Dresden. Er arbeitet zunächst in Bad Hersfeld und Bebra, bis er im April 1961 gemeinsam mit seiner Ehefrau Inge in der Luisenstraße im Göttinger Bogen seinen Friseursalon eröffnete. 

Seit 1958 hatte Gerold Tenert einen Platz im Prüfungsausschuss der Friseurinnung und bildete 36 Lehrlinge aus – acht sind Friseurmeister. Zudem lehrte er 20 Jahre an den Beruflichen Schulen in Bebra. Tenert wurde zum Obermeister und Ehrenobermeister gewählt, 2002 bekam er den Landesehrenbrief für seinen Einsatz für den Berufsnachwuchs.

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