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Hausärztemangel: Bebra plant eigenes Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ)

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Von: Clemens Herwig

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Das Bild zeigt Haus Nora in der Bebraer Innenstadt.
Ende für den Hausarzt-Engpass? Bereits im Oktober könnte im Haus Nora in der Bebraer Innenstadt ein Medizinisches Versorgungszentrum öffnen – wenn alles reibungslos läuft. © Clemens Herwig

Als Reaktion auf den Mangel an Hausärzten plant die Stadt Bebra den Aufbau eines eigenen Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ).

Bebra – Im Kampf gegen den Hausärztemangel beschreitet Bebra nun einen Weg, der auch hessenweit noch wenig ausgetreten ist: Die Stadt will als kommunaler Träger ein eigenes Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) aufbauen und dafür zunächst eine halbe Million Euro bereitstellen. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) gibt es landesweit bisher nur zwei MVZ mit kommunaler Trägerschaft.

Ziel in Bebra ist es, das MVZ im Haus Nora unweit des Einkaufszentrums in der Innenstadt bereits Anfang Oktober zu eröffnen, heißt es aus dem Rathaus. Zwei Ärzte stünden in den Startlöchern.

Der Vorstoß, dessen Erarbeitung die Stadtverordnetenversammlung beauftragt hatte und über den bei der Sitzung am 7. Juli abgestimmt werden soll, ist deshalb einmalig im Kreis, weil die Stadt als Träger eine erhebliche Investition stemmen muss und zudem haftbar ist. So hatte etwa die Gemeinde Eiterfeld zwar die Pläne für das 2018 eröffnete Hausärztezentrum an der Bahnhofstraße unterstützt und für finanzielle Rückendeckung gesorgt, indem sie zunächst die Kaltmiete für die Räume zahlte und die Hälfte der Investitionskosten von 70 000 Euro als Darlehen auslegte. Ein Einsteigen der Gemeinde als Träger – auch eine Option in Eiterfeld – wurde bisher aber nicht nötig.

Nach der Schließung von Arztpraxen ohne Nachfolger hatte Bürgermeister Stefan Knoche die hausärztliche Versorgungssituation in Bebra bereits im Juli 2020 als „dramatisch“ beschrieben. Die Stadt habe seitdem mit MVZ-Betreibern über die Kreisgrenzen hinaus gesprochen, darunter auch das Klinikum Hersfeld-Rotenburg, das ein Fachärzte-Haus in Bebra betreibt. Eine „Initialzündung“ sei ausgeblieben, so der Rathauschef. Daraufhin habe sich die Stadt im vergangenen Jahr mit einem Anwaltsbüro auf die Suche nach der passenden Rechtsform begeben, um ein eigenes MVZ zu gründen.

Bebra will nun die Aufgabe zum Aufbau und dem Betrieb des Zentrums einer sogenannten Anstalt öffentlichen Rechts (AöR) übertragen – die ähnlich wie etwa der öffentliche Rundfunk zwar eigenständig arbeitet, aber von einem Verwaltungsrat unter Vorsitz des Bürgermeisters kontrolliert wird. Ein medizinischer und ein kaufmännischer Geschäftsführer, die beide „mit Bebra verbunden und in der Stadt gut vernetzt sind“, seien bereits gefunden, sagt Knoche.

Dr. Martin Ebel: „Kann keine Dauerlösung sein“

Der Hausärzteverband Hessen befürchtet durch kommunale MVZ-Träger eine Wettbewerbsverzerrung durch ein „verstaatlichtes ambulantes Gesundheitswesen“. Ganz so scharf fällt die Kritik von Dr. Martin Ebel, Vorsitzender des Verbands im Landkreis, nicht aus. „Das ist Ausdruck einer verzweifelten Lage“, sagt der Mediziner aus Bad Hersfeld über die Pläne in Bebra. Als Starthilfe sei das kommunale MVZ in Ordnung. „Es sollte nur kein Dauerzustand sein“, so Ebel – das Versorgungszentrum müsse letztlich wieder in private Hand finden. (cig)

Bebra geht auf Risiko

Dass es Bebra wagen könnte, als erst dritte Kommune in ganz Hessen ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) zu gründen, hat eine längere Vorgeschichte. Bereits 2019 beschrieb eine vom Stadtparlament in Auftrag gegebene Analyse die Versorgungssituation bei den Bebraer Hausärzten als „angespannt“ mit Aussicht auf einen dramatischen Engpass.

Die Stadt startete die Werbekampagne „Landarzt gesucht“ und rief ein zunächst mit 10 000 Euro ausgestattetes Hausarzt-Stipendium ins Leben, das Mediziner unterstützen und an Bebra binden soll. Es sind langfristige Ansätze. Im Hintergrund lief derweil mit den örtlichen Hausärzten, der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH), Investoren und MVZ-Betreibern die zähe Suche nach einer schnelleren Lösung – ergebnislos. Nun will es die Stadt selbst in die Hand nehmen. „Hilf Dir selbst, dann wird Dir geholfen“, sagt Rathauschef Stefan Knoche.

Gegründet werden soll eine Anstalt öffentlichen Rechts (AöR) als Einrichtung der Stadt, die mit dem Aufbau und Betrieb eines MVZ beauftragt wird. Der Arbeitstitel: „be! med – Das Gesundheitszentrum“. Finanzieren soll sich die von einem zweiköpfigen Vorstand geführte AöR selbst „oder durch Zuschuss der Kommune“, heißt es im Satzungsentwurf.

Und da liegt ein Problem: Im Haushalt steht für das MVZ eine halbe Million Euro bereit, darüber hinaus haftet die Stadt etwa bei Forderungen der KVH und der Krankenkassen und verschafft Dritten Zugriff auf die kommunale Kasse. Das sei rechtlich kein Hindernis – das MVZ werde aber eine Belastung für Bebra und mindestens drei bis fünf Jahre keine schwarzen Zahlen schreiben, warnt Bürgermeister Knoche. „Wir müssen viel Erfahrung sammeln und werden uns wohl auch mal wünschen, dass wir es nicht gemacht hätten. Aber wir scheuen das Risiko nicht. Das haben wir in Bebra noch nie getan.“

Trotz des langen Vorlaufs rennt zudem die Zeit. Es gebe Zusagen von einem hausärztlichen Internisten und einem Facharzt, die in Bebra arbeiten wollten und seit Monaten auf eine Entscheidung warteten, um ihre jetzigen Arbeitsverträge kündigen zu können, so Knoche. Mit der KVH muss dafür wegen der Arztstellen verhandelt werden. Auf Nachfrage heißt es dort, für den Mittelbereich Bebra/Rotenburg, zu dem neben den beiden Städten auch die Gemeinden Ronshausen und Alheim gehören, seien derzeit 2,5 hausärztliche Sitze verfügbar – siehe Stichwort. Die Bewerbungsfrist für eine Zulassung endet am 13. Juli und damit nicht einmal eine Woche nach der Entscheidung im Parlament am 7. Juli.

Bedenken hat Knoche wegen der Frist nicht: Ein Zulassungsausschuss entscheide über die Anträge. Liegen für Bebra und Umgebung keine vor, blieben die Stellen verfügbar – der Ausschuss tage zweimal im Jahr. Werden die Versorgungsaufträge vergeben, freue das die Stadt sogar: „Dann ist das Problem erledigt, weil die Versorgung wieder sichergestellt ist.“

Die Kassenärztliche Vereinigung sieht zunächst kein Problem darin, dass eine Kommune ein Medizinisches Versorgungszentrum aufbaut. Entscheidend sei, dass „eine qualitativ gute Versorgung im Sinne des Patientenwohls stattfindet“, so Sprecher Karl Roth. Bisher gibt es das hessenweit im Vogelsbergkreis (beteiligt an der GmbH sind die Gemeinden Grebenhain und Freiensteinau und der Landkreis selbst) und in Schwarzenborn im Schwalm-Eder-Kreis (Träger der dortigen AöR ist die Stadt). Dennoch bleibe die Frage, ob Kommunen als Träger eines MVZ die geeignetsten Akteure seien, heißt es von der KVH.

Für Dr. Martin Ebel ist die Antwort klar: „Hausarztpraxen wären mir natürlich am liebsten, idealerweise könnten wir so selbst die Lösung anbieten“, sagt der Vorsitzende des Hausärzteverbands Hersfeld-Rotenburg. Der Medizinier räumt aber ein: „Auch wir können uns keine Ärzte backen.“ Ebel zieht eine kommunale Trägerschaft vor, wenn die Alternative Investoren sind, die Medizinische Versorgungszentren stark gewinnorientiert ausrichteten.

„Den Kollegen in Bebra ist sicher jede hausärztliche Unterstützung recht“, so der Mediziner, der in seiner Praxis in Bad Hersfeld selbst Patienten aus Bebra betreut, die ausweichen mussten, weil die Ärzte vor Ort „regelrecht überannt werden“. Nach der Starthilfe durch die Stadt solle das MVZ wieder in Ärztehand übergehen, fordert der Hausärztesprecher.

Das ist in Bebra das Ziel, die Stadt ist allerdings auf Schützenhilfe des Gesetzgebers angewiesen. Es gebe derzeit noch „einen weißen Fleck in der Rechtsprechung“, wenn eine Anstalt öffentlichen Rechts in private Hände übergehen soll, sagt Bürgermeister Stefan Knoche. Die Verwaltung setzt darauf, dass sich die Rechtslage klärt, bis sich die Kommune bei guter Entwicklung des MVZ aus der Hauptverantwortung zurückziehen will. (Clemens Herwig)

Stichwort: Versorgungsgrad

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) bewertet die hausärztliche Versorgung nicht auf Basis von Kommunen, sondern über sogenannte Mittelbereiche. Fällt ein Versorgungsauftrag weg, sollen die Ärzte in den umliegenden Städten und Gemeinden den Verlust dämpfen. Für die Region Bebra/Rotenburg liege der sogenannte Versorgungsgrad bei 99,43 Prozent. Eine Prüfung, ob der gesamte Planungsbereich unterversorgt ist, erfolge bei einem Versorgungsgrad von unter 75 Prozent. Für die Stadt Bebra könne lediglich ein „fiktiver Versorgungsgrad“ ermittelt werden, der derzeit 72,7 Prozent betrage (Rotenburg: 91,7; Alheim: 133,2; Ronshausen: 153,9). In Rotenburg gibt es mit 8,5 von insgesamt 21,25 die meisten Versorgungsaufträge (Bebra: sechs Versorgungsaufträge). Ohne Patientenwanderungen innerhalb des Planungsbereichs stemmen die Ärzte in Bebra allerdings mit jeweils 2309 die meisten Einwohner (Rotenburg: 1642). (cig)

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