Wochenendporträt

Horst Groß, der  Unbremsbare

Stürmer, Staatsmann, Spaßkanone: Horst Groß als Fußballer in den 70ern (links), bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes in Wiesbaden (oben rechts) und als „Männerfeindin“ beim Gilfershäuser Karneval 2017. Fotos: Familie Groß/Staatskanzlei/Vera Walger/nh

Bebras Ex-Bürgermeister Horst Groß wurde jetzt mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Gelegentlich ist es der Umgang mit den schlimmen Situationen, der einen Menschen besonders gut beschreibt. Es ist das Jahr 2014, Deutschland ist Fußball-Weltmeister. Horst Groß empfängt stolz Nationalspieler Shkodran Mustafi – vielleicht der einzige Bebraner, der bekannter ist, als er selbst. Einen Tag später sitzt er im Wohnzimmer und liest Zeitung, als er plötzlich zur Seite umkippt und auf dem Boden liegenbleibt, bis ihn sein Sohn Thomas dort findet. Schlaganfall.

Stürmer, Staatsmann, Spaßkanone: Horst Groß als Fußballer in den 70ern (links), bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes in Wiesbaden (oben rechts) und als „Männerfeindin“ beim Gilfershäuser Karneval 2017. Fotos: Familie Groß/Staatskanzlei/Vera Walger/nh

Die linke Körperseite ist kurzzeitig gelähmt, das Sprachvermögen gestört. Nach dreieinhalb Wochen Reha – „da habe ich mich richtig reingehängt“ – ist er wieder ganz der Alte. Oder. wie es seine Frau Brigitte sagt: immer unterwegs. Horst Groß war 18 Jahre lang Bebras Bürgermeister, er war Vorsitzender in zahlreichen kommunalen Gremien, nicht nur in der Biberstadt, sondern weit darüber hinaus. Er ist ein engagierter Sportförderer. Die Liste der Vereine, die den 73-Jährigen als Mitglied führen, ist lang. Für sein Engagement ist er jetzt von Ministerpräsident Bouffier mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

„Den Volker“ kennt er schon lang – die beiden CDU-Politiker sind seit 20 Jahren befreundet – und wenn sich die Gelegenheit ergibt und beide „spätabends noch was trinken gehen“, sorgt Groß dafür, dass der Landesvater weiß, wo in Bebra und Umgebung der Schuh drückt. Seit dem Besuch in Wiesbaden gibt es auch neue Aufnahmen von Horst Groß und Sebastian Kehl. Der Ex-Nationalspieler und sein Vater wurden mit dem Hessischen Verdienstorden geehrt. Die Fotos kommen zu den Vorgängern und werden ihren Platz in einem der acht Alben finden, die Bebras Ehrenbürgermeister für sich und die Prominenz reserviert hat.

Horst Groß wächst im kleinen Gilferhausen auf: Der Lehrer ist im Gesangverein „und alle Alten in der Feuerwehr“, erinnert sich der 73-Jährige. Das prägt, selbstverständlich steht er bei den Sängern und den Brandschützer auf der Mitgliederliste. Doch Groß ist vor allem „Fußballer durch und durch“. Mit 15 Jahren kickt er bei den Nachbarn in Asmushausen und Braunhausen, Gilfershausen hat (noch) keinen eigenen Verein. Groß ist ein beidfüßiger Stürmer mit dem richtigen Riecher, der pro Saison schon mal 80 Tore schießt. Als die ersten Anfragen kommen, will er nicht wechseln. „Ich hatte diese Verbundenheit, die konnte ich nicht ablegen.“

Stattdessen gründet er 1964 den FC Gilfershausen mit, seit 2011 ist er zum dritten Mal Vorsitzender. Horst und Brigitte Groß haben zwei Söhne und einen Pflegesohn. Der FC Gilfershausen ist „das vierte Kind in der Familie“, sagt der 73-Jährige. Der Verein hat die Familie geprägt – und umgekehrt: Keiner aus dem Hause Groß, der nicht beim FC gekickt oder als Kassenprüferin auf die Finanzen geschaut hat. Die Tradition scheint nicht in Gefahr zu sein. Auf dem Couchtisch liegt ein kleiner Fußball, Opa Horst hat ihn nach dem Spielen mit seinem 17 Monate alten Enkel Fritz liegenlassen.

Zu Hochzeiten war Horst Groß Bürgermeister in Bebra, engagierte sich im Hessischen Fußballverband, saß in zahlreichen kommunalen Gremien, wirkte für den Landessportbund und in mehreren Vereinen. Stellt sich die Frage: Wann blieb Zeit, mal die Füße hochzulegen? „Das gab es für mich nicht“, sagt er. Die einzigen Ausnahmen: Die Familienurlaube in Kroatien oder im Bayerischen Wald. Als Stress hat er sein Engagement nie empfunden.

Seine Frau schon. Brigitte Groß wäre in den 53-Ehejahren manchmal gern einfach einen Kaffee trinken gefahren, hätte Hilfe beim Hausbau in Gilfershausen gebraucht, aber ihr Horst wirbelte schon beim nächsten Projekt. Zur Silberhochzeit sagte sie: „Eigentlich dürften wir noch nicht feiern, es fehlen zehn Jahre.“ Das Älterwerden hat ihn kaum gebremst, bei der Goldenen Hochzeit fehlten 20 Jahre. Sechs Monate vor seinem Schlaganfall hat sie in gewarnt: „Mach langsamer.“ Er hörte nicht auf sie.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.