„Ich schlage mal über die Stränge“: Interview mit Bebras Bürgermeister Uwe Hassl

Seit 2014 im Amt: Bebras Bürgermeister Uwe Hassl in seinem Büro im neuen Rathaus. Der 56-Jährige gehört keiner Partei an. Ob er für eine zweite Amtszeit kandidiert, hat er noch nicht entschieden.

Bebra. Mal provokant, mal irritierend: Bebras Bürgermeister Uwe Hassl stand für seine pointierten Statements in Pressemitteilungen und im sozialen Netzwerk Facebook schon mehrfach in der Kritik. HNA-Redaktionsleiter Lasse Deppe hat mit ihm darüber gesprochen.

Herr Hassl, in der Diskussion um die Umstrukturierung des Jugendamtes fordern Sie die Wiedereinführung des Altkreises Rotenburg-Bebra. Wo hakt es aus Ihrer Sicht?

Uwe Hassl: Im Moment ein bisschen an der Kommunikation zwischen den Kommunen und dem Landkreis. Wir Bürgermeister haben davon zuerst aus der Presse erfahren, wie schon damals bei der Verlegung der Servicestelle der Zulassungsstelle. Da bitten wir um mehr Transparenz. Zu sagen, dass wir den alten Landkreis wieder wollen, war eine Stichelei, die auch mit dem Thema Cornberg zusammenhängt.

Da haben Sie kürzlich klargestellt, dass die Gemeinde nicht mit Bebra zusammenwachsen wird.

Hassl: Die Beibehaltung der kommunalen Selbstverwaltung ist als Teil unserer ZuBRA-Kooperation für mich das wichtigste Credo. Das wollte ich klarstellen, weil seitens des Landrats versucht worden ist, die Kommune Cornberg in Fusionsverhandlungen mit Rotenburg und Bebra zu bringen. Eine Fusion geht aber nicht ohne die Bürger, die man in einem Bürgerentscheid einbeziehen müsste. Die Menschen in Cornberg orientieren sich aber viel stärker nach Sontra als nach Bebra.

Die Gebietsreform ist jetzt 45 Jahre her. Fühlen Sie selbst sich als Hersfeld-Rotenburger oder nur als Rotenburger?

Hassl: Ich fühle mich als Hersfelder, weil ich dort mein Abitur gemacht habe und im Sportverein war. Der Altkreis ist bei vielen Kommunalpolitikern aber tatsächlich noch ein Relikt im Kopf. Sie haben Sorge, abgehängt zu werden. Aber es spricht nichts gegen einzelne Regionen innerhalb unseres Kreises, während eine Landkreisverwaltung das große Ganze im Blick behält. Ich schlage gern mal über die Stränge, um bewusst zu provozieren. So nach dem Motto: Kümmert euch auch um uns und akzeptiert unsere Bedürfnisse und Wünsche.

Mit Blick auf die Bundestagswahl haben Sie kürzlich geschrieben „Wenn es hier nicht bald besser wird mit den Parteien, dann bleibe ich auch Zuhause“. Ist Nichtwählen für Sie eine Option?

Hassl: Ich habe nicht dazu aufgerufen, nicht wählen zu gehen. Die Möglichkeit, wählen zu gehen ist ein demokratischer Grundsatz und dazu gehört auch, nicht zu wählen, wenn mir keine Partei passt. Ich war bislang bei jeder Wahl an der Urne und habe immer das gewählt, was mich am meisten überzeugt hat. Und wenn jemand jetzt sagt, es ist für mich überhaupt keiner da, den ich in dem System wählen könnte, dann bleibt er eben zu Hause.

Es gab bereits mehrfach Kritik an Facebook-Posts von Ihnen, einige haben Sie wieder gelöscht. Schießen Sie manchmal übers Ziel hinaus?

Hassl: Meine Vertrauten sagen immer: ‘Halt den Mund und lies doch nur’. Auch manche Kommunalpolitiker erwarten von einem Bürgermeister, dass er sich nur zu Sachen äußert, die seine Stadt oder Gemeinde betreffen. Dabei darf ich mich doch auch zu überregionalen Themen äußern.

Mit der Stadt läuft es derzeit super, ich hab da überhaupt keine Sorgen und möchte auch nicht Bürgermeister von einem anderen Ort sein. Manchmal sage ich mir, dass es besser gewesen wäre, ich wäre mal ruhig geblieben. Das kann ich aber nicht. Wenn ich zu lange nachdenke, dann sage ich womöglich bald gar nichts mehr. Aber ich bin schließlich keine Marionette von Parteien.

Unter den Artikel „25-Jähriger tötete christliche Mitbewohnerin aus „Hass auf Religion“ schrieben Sie folgendes: „Allen Gutmenschen sollte man so einen in die Wohnung setzen.“ Das müssen Sie erklären.

Hassl: Das war doch auch eine Überspitzung der seit 2015 herrschenden Willkommenskultur. Mittlerweile sind wir hoffentlich alle in der Realität angekommen. Die Problematik gestiegener Kriminalität ist aber nachweisbar, siehe Silvesternacht, siehe Vergewaltigungen, siehe sexuelle Belästigungen. Solche Geschichten überfluten das Internet, das findet man ja gar nicht alles in den örtlichen Medien.

Weil auch nicht alles stimmt.

Hassl: Das mag sein. Vieles ist aber nachgewiesen. Jeder, der freundlich sein und Unterstützung leisten will, muss sich auf der anderen Seite bewusst sein, dass eine Menge Gefahrenpotenzial vorhanden ist. Wir können helfen, was wir als Stadt auch getan haben mit der Aufnahme von Flüchtlingen. Aber es gibt eben auch Flüchtlinge, die aus ganz anderen Gründen als Not hierhergekommen sind.

Ist es nicht gefährlich, zu pauschalisieren?

Hassl: Das mag schon sein, dass pauschalisiert wird. Aber das muss man auch hinnehmen, wenn solche Massen kommen. Wenn Flüchtlinge in Massenunterkünften untergebracht werden, dann ist das eine hohe Stresssituation und daraus entsteht Kriminalität.

Ist Ihnen die Gefahr eines so komprimierten Postings denn dann bewusst?

Hassl: Es kann zu falschen Auffassungen führen. Es führt ja auch bei der Presse zu Fragen. Fragen erfordern Antworten und Lösungen.

Spielen Sie damit?

Hassl: Ja. Ich spiele mit Doppeldeutigkeiten, um zu polarisieren. Das gebe ich zu und nutze es, um Grenzen ausloten.

Haben Sie die schon mal erreicht oder überschritten?

Hassl: Ich glaube nicht. Ich gehe ja auch mit gewissen juristischen Finessen daran. Die Überschreitung wäre also höchstens moralisch. Jemand, der nicht auf meiner Wellenlänge liegt oder mich nicht unterstützt, fühlt sich angegriffen. Der hört genau das heraus, was er für sich benötigt, um Front gegen mich zu machen. So finde ich aber auch meine Gegner heraus. Ich kann aber nicht immer alles bis ins Detail erklären. Das liest dann ja auch keiner. Auch das ist ein Problem des Populismus, in dem wir mit Informationen nur so überflutet werden.

Wenn Ihnen diese Problematik doch bewusst ist, müssten Sie nicht vorsichtiger sein?

Hassl: Klar ist mir das bewusst. Aber was will ich denn erreichen? Ich will polarisieren, und ich will eine Meinung vertreten. Jeder soll sich daraus dann seine eigene bilden. Ich sage Sachen, die bestimmt auch ein anderer Bürgermeister gerne mal sagen würde, aber viele ziehen es vor, sich politisch korrekt zu verhalten.

Uwe Hassl (56) stammt aus Bebra, machte Abitur in Bad Hersfeld und studierte nach der Bundeswehr in Gießen Jura. Er war 14 Jahre bis 2006 für die SPD im Stadtparlament. 2001 kandidierte er erstmals als Bürgermeister, unterlag aber Horst Groß. 

Im Jahr darauf machte er sich nach einer Zeit als angestellter Anwalt in Fulda mit einem Partner in Bebra selbstständig. Seit 2014 ist er parteiloser Bürgermeister von Bebra. Er ist Amerikafan, Träger des schwarzen Karategürtels und liebt Gartenarbeit. Hassl ist verheiratet und hat einen Sohn.

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