„Wo, wenn nicht in Bebra“

Interview: Friedhelm Eyert und Isabel Steinbach über Flüchtlingsquartiere

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Wir schaffen das: Ordnungsamtsleiter Friedhelm Eyert und seine Stellvertreterin Isabel Steinbach vor dem geplanten Notquartier im Toom-Baumarkt in Bebra.

Bebra. Nach dem Herkules-Markt in Bad Hersfeld soll nun auch der ehemalige Toom-Baumarkt in Bebra als Notunterkunft für Flüchtlinge hergerichtet werden.

Wir sprachen mit dem Leiter des Ordnungsamts und Flüchtlingskoordinator von Bebra, Friedhelm Eyert, und dessen Stellvertreterin Isabel Steinbach.

Herr Eyert, Frau Steinbach, in wieweit ist auch die Stadt in die Vorbereitungen für die Notunterkunft eingebunden?

Isabel Steinbach: Wir werden vom Landkreis stets auf dem Laufenden gehalten. Die neuesten Infos aus dem Kreishaus: Beim alten Toom-Baumarkt ist noch nichts unterschrieben, da laufen noch Verhandlungen. Direkter Verhandlungspartner sind wir nicht, weil die Verträge naturgemäß zwischen Kreis und Eigentümer geschlossen werden.

In Bad Hersfeld wurde viel Kritik laut, weil der Herkules-Markt mitten in der Innenstadt liegt. Befürchten Sie ähnliche Probleme in Bebra?

Friedhelm Eyert: Der alte Baumarkt liegt für mich ideal: Nicht zu weit außerhalb und nicht direkt mittendrin. Innenstadt und Supermärkte sind zu Fuß gut erreichbar. Vor dem Gebäude gibt es im Gegensatz zur Kreisstadt eine große Freifläche mit reichlich Parkplätzen. Das passt.

Bebra hat traditionell einen höheren Ausländeranteil als andere Kommunen im Kreis und viele gute Erfahrungen mit der Integration von Menschen aus anderen Ländern. Kann Ihnen das jetzt helfen oder ist im Gegenteil deshalb das Boot in Bebra schon besonders voll?

Steinbach: In Bebra wohnen Menschen aus über 60 Nationen - und das schon seit Jahrzehnten. Der Ausländeranteil in der Kernstadt liegt bei knapp zwölf Prozent, wobei man nicht vergessen darf, dass zahlreiche Migranten bereits eingebürgert sind. Das ist übrigens auch ein Indiz für gelungene Integration. Wo, wenn nicht in Bebra, soll denn bitteschön Integration funktionieren? Zwar ist nicht alles eitel Sonnenschein, aber Bebra ist für uns Inbegriff für gelebte Integration.

Welche konkreten Hilfsangebote können Sie als Flüchtlingskoordinator der Stadt Bebra dem Kreis bei der Errichtung der Notunterkunft und bei der späteren Betreuung der Flüchtlinge machen? Und gibt es auch Angebote aus der Bevölkerung?

Eyert: Unser Stadtjugendpfleger Uli Rathmann hat schon zig-Anfragen. Die Resonanz ist wirklich toll. Aber dennoch: Zunächst einmal Bälle flach! Wir müssen das Rad wirklich nicht komplett neu erfinden! In Bebra gibt es schon Sprachkurse, es gibt eine Kleiderkammer, es gibt runde Tische, soziale Initiativen und vieles mehr. In der Lehrbaustelle gibt es ein Büro des Fachdienstes Migration. Wir fangen wirklich nicht bei Null an. Ich will hier auch kein Bremser sein, aber wer bei den Bürgerinformationsveranstaltungen des Kreises genau zugehört hat, weiß, dass es sich beim alten Toom-Markt um eine sogenannte Überlaufeinrichtung handelt. Da sind die Menschen nur ein paar Tage drin. Das ist nun mal ein integrationstechnisches Hindernis, da geht nicht viel.

Aber was können Sie tun?

Eyert: Isabel und ich sehen unsere Aufgabe darin, Hilfsangebote aus der Bürgerschaft weiterzuleiten und drängende Fragen zu beantworten. Wir wollen niemand alleine lassen! Ansonsten gilt beim Thema Flüchtlinge: Der Kreis hat das Sagen, im Fall des alten Baumarktes formal sogar das Land Hessen. Wir können und wollen aber unterstützen und zwar im Interesse der Menschen, die zu uns gekommen sind, aber auch im Interesse der Menschen, die hier leben.

In Solz leben bereits Flüchtlinge, auch Gilfershausen soll bald welche aufnehmen, anders als in der Notunterkunft aber vermutlich für einen längeren Zeitraum. Wie klappt es dort mit dem Miteinander?

Steinbach: Solz hat absoluten Vorbildcharakter. Was die Solzer da leisten, ist unglaublich, große Klasse und verdient überregionale Anerkennung. Und das Tolle ist: Das machen die Solzer ganz alleine von sich aus. In Gilfershausen hat sich auch schon ein runder Tisch getroffen. Die Gilfershäuser arbeiten eng mit den Solzern zusammen. Auch da muss das Rad nicht völlig neu erfunden werden. So kann und wird Integration funktionieren: Kleine Gruppen von Flüchtlingen in funktionierenden Dorfgemeinschaften unterzubringen!

Sie sind ja eigentlich Ordnungsamtsleiter. Nun sollen Sie auch noch die Flüchtlingsangelegenheiten koordinieren. Wie kommt die Stadtverwaltung mit den neuen Aufgaben klar?

Eyert: Zunächst heißt koordinieren ja nicht, alles alleine machen. Ganz im Gegenteil. Unser Bürgermeister Uwe Hassl hat uns mit umfangreichen Vollmachten ausgestattet, die auch das Thema Personal betreffen. Das geht so weit, dass wir von uns aus Kolleginnen und Kollegen heranziehen dürfen. Die Stadtverordnetenversammlung hat sich ebenfalls in sehr eindringlicher Form entsprechend positioniert und misst dem Thema Flüchtlinge und Integration größte Bedeutung bei. Das hilft. Zum Thema neue Aufgaben: Neben unserer eigentlichen Arbeit und der neuen zusätzlichen Aufgabe mit den Flüchtlingen haben wir in den nächsten Wochen und Monaten im Ordnungsamt so ganz nebenbei auch noch die Kleinigkeit der Kommunalwahl zu organisieren. Aber: Wir schaffen das… (Beide lachen).

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