1. Startseite
  2. Lokales
  3. Rotenburg / Bebra
  4. Bebra

Interview mit Comedy-Urgestein Ingo Appelt – Auftritt am Freitag in Ellis Saal

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Clemens Herwig

Kommentare

Ingo Appelt
Ingo Appelt © Ava Elderwood

Komiker Ingo Appelt ist dafür bekannt, dass er keine Scheu vor Tabus hat und gern auch einmal mehr als nur den kleinen Zeh über die Grenzen des guten Geschmacks setzt. Am Freitag macht der selbst ernannte „Staatstrainer“ auf Volkserziehungstour für alle Überforderten und Unterbezahlten ab 20 Uhr erneut Station in Ellis Saal in Weiterode.

Weiterode – Wir haben mit dem Comedy-Urgestein über Putin und andere Machos, Humor in Kriegszeiten und Toiletten für das dritte Geschlecht gesprochen.

Herr Appelt, zwei Jahre Corona und Sie sind immer noch als Staatstrainer unterwegs. Ist das wie Bundestrainer – es muss immer einen geben?

Es muss immer einen geben, klar. Ich habe das in der Corona-Zeit gemerkt: Die Leute sind sehr unruhig, die Staatstreue nimmt ein bisschen ab. Ich hätte ja ganz gern einen offiziellen Auftrag – der fehlt mir leider noch, da muss ich mit Herrn Scholz nochmal reden. Ich nenne mein Angebot „Betreutes Hassen mit Ingo Appelt“. Das funktioniert sehr gut. Wenn ich zum Beispiel zu einem Schlager-Konzert gehe, dann wird da alles wegignoriert. Das ist bei Comedy anders. Da ist man drin in der Welt des Elends, aber versucht einen lustigen Weg raus zu finden. Das macht es im Moment sehr spannend.

Im Oktober 2020 hielten Sie sich im Interview mit unserer Zeitung noch für systemrelevant. Hat man Ihnen das mittlerweile abtrainiert?

Den Zahn hat man uns gezogen, die Arroganz der früheren Jahre ist etwas verschwunden. Ich halte mich zwar trotzdem noch für wichtig, bin aber auch sehr dankbar, auf der Bühne stehen zu können. Es ist eine gewisse Demut entstanden, auch dem Publikum gegenüber. Man ist dankbar für jeden, der kommt (lacht). Nein, ganz ernsthaft: Dass die Leute Geld in die Hand nehmen, um sich das anzuschauen, was ich mache, ist ein großes Privileg.

Wie sehr müssen Sie von dem zehren, was Sie vor Corona erreicht haben?

Sehr, ich hätte selbst nicht gedacht, dass es die Branche so hart trifft. Auch ein Ingo Appelt zieht nicht immer. Das erste Jahr dachte ich: Ja ja, das packst du schon. Im letzten halben Jahr kamen aber schon existenzielle Ängste auf. Das klingt zwar ein bisschen bescheuert, ist aber tatsächlich so. Es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, dass am Abend 500 Leute kommen. Ich stand auch schon vor 35. Dann spielt man trotzdem, einfach, weil es raus muss und man Flagge zeigen will. Aber es ist teilweise erschreckend, dass sich die Leute nicht mehr trauen, Karten fürs Kabarett zu kaufen. Es ist natürlich nicht alles furchtbar: Wir kokettieren ja gern mit dieser „Alles ganz schlimm“-Mentalität. Es können tausend Leute am Abend sein, es können nur 100 im Publikum sitzen. Aber diese Unberechenbarkeit ist es, die einem zu schaffen macht. Ich fühle mich teilweise zurückversetzt ins Jahr 1990, als meine Karriere begonnen hat.

Sind sie deswegen wieder in Weiterode, wo es klein und kuschelig ist?

„Back to the roots“, wie man heute so schön sagt? In solchen Kategorien denke ich eigentlich überhaupt nicht. Ich bin froh, dass ich überhaupt stattfinden kann. Wenn ich nur zuhause rumsitze, gehe ich allen Leuten auf die Nerven. Ich liebe meinen Beruf, und ich bin süchtig nach Publikum.

Sie sind als Tabubrecher bekanntgeworden, mit dem Mittelfinger im Anschlag. Macht sich die Altersmilde bemerkbar?

Das höre ich sehr häufig, aber das Fernsehen ist einfach nicht mehr wie früher. Als ich bei „RTL Samstagnacht“ aufgetreten bin, haben die mich live rausgeschickt vor ein Millionenpublikum, ohne zu wissen, was ich mache. Das „Ficken“-Schild und diese ganzen Sachen wären nie entstanden, wenn ich die Texte vorher hätte abliefern müssen. Aber ohne diese Freiheit hätte es einen Ingo Appelt in dieser Form nicht gegeben. Heute kann man so was im Internet machen, aber das ist einfach nicht mein Medium, ich brauche die Bühne. Da bin ich frei, da bin ich auch nach wie vor bösartig und teste Grenzen aus. Aber wir leben in einer Zeit, in der unheimlich viel gemaßregelt wird. Wir haben eine Humor-Stasi, die sich gewaschen hat.

Gibt es ein Thema, an das Sie sich nicht rantrauen?

Wo Humor anfängt und wo er aufhört, hat etwas mit Interaktion zu tun. Es ist ein bisschen wie im Sadomaso-Club: Es gibt Stoppzeichen. Und jeder Abend ist anders. Wenn du im Kursaal irgendwo in Bad Sowieso spielst, ist es ein bisschen bildungsbürgerlicher. Die Leute sind vielleicht mit einem Abo da und erwarten nicht, dass es richtig knallt. Wenn du beim Schützenfest auftrittst, wo die Leute auf Bierkästen sitzen, ist die Stimmung eine andere. Diese Flexibilität muss man haben. Ich trage kein auswendig gelerntes Theaterstück vor wie andere Kollegen.

Wie ist es mit dem Krieg in der Ukraine? Kann man dazu Comedy machen?

Ja natürlich, man muss zu allem Comedy machen. Sind wir mal ganz ehrlich, diese ganze Nummer von wegen „der Krieg ist uns so nah und die Betroffenheit ist so groß“ ...das war noch nie anders. Da ist auch sehr viel Scheinheiligkeit dabei. Wir brauchen ein Stück weit Comedy, die uns von so was ablenkt. Eine meiner Aufgaben ist es, den Fokus nicht immer nur auf die schlimmen Dinge zu legen, sondern auf das Normale. Wir leben in einer sehr chaotischen, sehr brutalen Welt. Ablenkung ist auch eine Methode, Krisen zu bewältigen. Das gehört zu meinem Job dazu.

Wie würden Sie Russlands Präsidenten Putin durch den Kakao ziehen?

Ich habe eine ziemlich lange Passage im Programm, bei der es um diese Machos, diese Macker geht – Männer, die aus ihrer Kriegslogik nicht rauskommen. Davon gibt es sehr viele. Und wir Vollidioten neigen leider dazu, solche „Kriegshelden“ für zu positiv zu halten. Wir sehen Selenskyj (Anm. d, Redaktion: Präsident der Ukraine) als David gegen den Goliath Putin, den Bösewicht. Das Problem ist: Wir sind viel zu sehr auf Krieg fokussiert. 100 Milliarden für die Bundeswehr – wäre das an den BUND gegangen als Umweltorganisation, was wäre für ein Aufschrei durch die Republik gegangen. Wäre die Spritpreiserhöhung nicht für den Krieg, sondern für die Umwelt gewesen – was für ein Aufschrei wäre durchs Land gegangen. Wir sind offenbar immer noch am ehesten bereit, für Krieg und die Verteidigung Geld auszugeben, anstatt es komplett zu ächten.

Stichwort: Macho-Mann. Bietet Altkanzler Gerhard Schröder nicht wieder viel Angriffsfläche?

Er ist wieder dabei mit seiner Putin-Anhängerei und diesem antiquierten Männerdenken. Die SPD scheint ein Riesentalent zu haben für diese rechten Arschlöcher, ich erinnere da an Sarrazin. Ich bin natürlich grundsätzlich erst mal dankbar dafür, dass es solche Typen gibt: An denen kann ich mich abarbeiten und schön deutlich machen, was diese ganze Mackerhaltung ausmacht. Was mich erschreckt ist die Bewunderung für solche grenzwertigen Männer. Es findet sich immer jemand, der sagt: geiler Typ. Die sind ein Problem, die ganzen Claqueure. Als die Asylbewohnerheime brannten, fand ich diejenigen, die mit bepisster Buxe danebenstanden und geklatscht haben, viel schlimmer als die Molotowcocktail-Werfer. Damit müssen wir uns auseinandersetzten.

Der Berufskomiker freut sich über Schröder – das langjährige SPD-Mitglied Ingo Appelt wohl weniger. Wie schlägt sich Ihre Partei in der Krise?

Ich bin keiner, der immer gleich Noten verteilt. Wir neigen dazu, direkt beleidigt zu sein, wenn die nicht zu 100 Prozent machen, was wir wollen. In Deutschland sind etwa 1,7 Prozent aller Wahlberechtigten in einer Partei – mit meinen fast 40 Jahren Mitgliedschaft gehöre ich also zu einer absoluten Minderheit. Ich finde das sehr schade, man muss auch mal vertrauen können. Meine Partei schießt grob in die richtige Richtung, das genügt eigentlich schon. Ich habe da ein gewisses Urvertrauen.

Jetzt sind sie natürlich selbst in die Kriegs-Rhetorik abgedriftet...

(lacht) ...das stimmt. Das macht nix. Was uns Menschen auszeichnet ist, dass wir total widersprüchlich sind. Wir sind seltsame Wesen und es macht Spaß, sich damit auseinanderzusetzen. Das macht meinen Beruf so unzerstörbar. Comedians wird es immer geben.

Den Bahnhof in Bebra kennen Sie vom Durchfahren. Dort gibt es jetzt die vielleicht erste öffentliche Toilette für das „dritte Geschlecht“ im Kreis. Ist das ein noch unbestelltes Feld für die deutsche Comedy, die gerne Witze über Männer und Frauen macht?

Ach, die Taucher? Ich fand das so lustig: Irgendwo haben sie mal Toiletten für Männer, Frauen und Taucher eingeweiht, also „divers“ einfach übersetzt (Anm. der Redaktion: Diver bedeutet im Englischen Taucher). Ich glaube, die Themen sind schon digitaler und diverser geworden, auch wenn ich persönlich die „Männer und Frauen“-Geschichten immer noch lustig finde. Als gelernter Maschinenschlosser habe ich manchmal das Gefühl, dass die Divers-Debatte eine ziemlich akademische ist, die Deppen wie mich ausgrenzt. Wollten wir nicht eigentlich weg vom dritten und hin zu einem Geschlecht, dem Menschen an sich? Aber es will ja jeder berücksichtigt werden, jeder ist was ganz Besonderes. Dabei gibt es nur einen ganz besonderen Menschen, und das bin ich (lacht).

Zur Person:

Ingo Appelt (55) ist Comedian und Kabarettist. Er absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Maschinenschlosser und engagierte sich gewerkschaftlich bei der IG Metall. Seinen ersten kabarettistischen Auftritt hatte er 1989 auf der Bundesjugendkonferenz der IG Metall. Später hatte er regelmäßige Fernsehshows bei Pro7 und RTL. Er gilt als Vertreter des schwarzen Humors und trug dazu bei, das „F-Wort“ im Fernsehen salonfähig zu machen. Zudem parodierte er Prominente und Politiker wie Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Herbert Grönemeyer. Appelt ist mit der früheren Barchefin des Berliner Quatsch Comedy Clubs, Sonia Guha-Thakurta, verheiratet und langjähriges SPD-Mitglied.

Von Clemens Herwig

Auch interessant

Kommentare