"Politik ist kein Schauspiel"

Interview: Wiesbadens neuer Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende hat Bebraer Wurzeln

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Seit Juli ist er Oberbürgermeister in Wiesbaden: Gert-Uwe Mende.

Seit gut einem Monat ist Gert-Uwe Mende nun Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Wiesbaden. Wir haben mit ihm über seine Bebraer Wurzeln und vieles mehr gesprochen.

Der Name Mende hat in Bebra und Umgebung klang: August-Wilhelm Mende prägte die Eisenbahnerstadt zwei Jahrzehnte als Bürgermeister, nach seiner Frau ist das Brigitte-Mende-Haus benannt. Nun ist ihr Sohn Gert-Uwe Mende Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Wiesbaden geworden.

Herr Mende, hatten Sie schon Zeit, Ihr neues Büro einzurichten?

Um es wohnlich zu machen noch nicht. Ich bin reingekommen, habe den PC hochgefahren und mich eingeloggt. Es hängt aber noch kein Bild an der Wand. Ich hoffe auf eine ruhigere Phase, jetzt war erst einmal einarbeiten angesagt.

Die Frage hat natürlich einen Hintergrund: Es soll ein Bild von Willy Brandt, Ihrem Vater und Ihnen geben, dass mit ins Rathaus eingezogen ist.

Das Bild steht hinter mir, angelehnt an die Wand. Das war eine Begegnung mit Willy Brandt 1970 auf dem Bahnhof Bebra, als er auf dem Weg nach Erfurt war. Das Bild hat für mich einen ganz besonderen Wert, weil zum einen mein verstorbener Vater mit drauf ist, zum anderen Willy Brandt, den ich immer sehr verehrt habe.

Sie sind im Haus des Bürgermeisters von Bebra aufgewachsen. Ihr Berufswunsch als Kind?

Mit Sicherheit nicht Bürgermeister. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass auch die Angehörigen sehr im Mittelpunkt stehen. Als Kind war das nicht immer das reine Vergnügen. Vor allem, wenn man etwas gemacht hat, das man lieber gelassen hätte. Dann hieß es gleich: Guck mal, das sind die Kinder vom Bürgermeister. Das hat sich aber im Laufe der Zeit geändert und meine Kinder sind mittlerweile auch erwachsen.

Ihre Eltern haben Bebra geprägt, nach beiden sind Institutionen in der Eisenbahnerstadt benannt. Wie war das bei Ihnen?

Meine Eltern haben mich beide sehr geprägt. Meine Mutter hat meinen Vater viele Jahre überlebt, insofern hatte sie vielleicht mehr Einfluss auf mich: mit ihrem hohen sozialen Engagement und dem großen Verantwortungsbewusstsein für ihre Mitmenschen. Aus dem Erbe meines Vaters ist vor allem der Anspruch übrig geblieben, allen Menschen mit der gleichen Offenheit und Respekt gegenüberzutreten. Das hat er gelebt. Ein Lebensthema meines Vaters war auch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. In Imshausen hat er die Feierstunde für Adam von Trott wiederbegründet und auf dem Bünberg die Benennung der Straßen nach Widerstandskämpfern vorangetrieben.

Ihr Vater kam nach Bebra und wurde Bürgermeister, auch Sie kommen nicht aus der Kommunalpolitik. Ist das das Mende-Gen?

Das kann man nicht ganz vergleichen. Als mein Vater 1966 gewählt wurde, gab es noch keine Direktwahl. Da kam es häufiger vor, dass Leute aus anderen Bereichen sich in den Städten als Bürgermeister beworben haben. Das hat sich mit der Direktwahl etwas geändert. Ich bin in Wiesbaden ja seit 28 Jahren verwurzelt, meine beiden Kinder sind hier aufgewachsen. Ich habe nur keine kommunalpolitische Biografie, sondern komme aus der Landespolitik.

Wie tief reichen Ihre Wurzeln in Bebra?

Ich bin der Gegend nach wie vor sehr verbunden und bin auch häufig da. Meine Schwester lebt in Bebra, meine Schwiegermutter in Rotenburg, mein Bruder und seine Familie in Breitenbach. Ich habe dort einen sehr guten Freundeskreis, insbesondere im Zusammenhang mit dem Theaterverein Kulisse, in dem ich drei Jahrzehnte aktiv war und vom Herzen her auch immer noch bin – auch wenn es von der Zeit nicht immer ganz klappt.

Wann haben Sie das letzte Mal geschauspielert?

Das war im Theaterstück „Eins, zwei, drei“ von Ferenc Molnár bei der Kulisse und ist jetzt zwei Jahre her.

Böse Zungen würden sagen: Jede Wahl ist irgendwo ein Schauspiel. Das ist noch nicht so lang her.

Ich empfinde Politik nicht als Schauspiel. Politik ist nur dann glaubwürdig, wenn sie entsprechend authentisch rüberkommt. Dass es bei öffentlichen Reden helfen kann, wenn man schon mal seine Bühnenstimme gehört hat, kann ich mir vorstellen. Das ist aber Sprechtechnik, keine Schauspielerei.

Ihr Bruder saß im Bebraer Stadtparlament. Ist Politik ein Thema bei Familientreffen?

Seitdem wir auf der Welt sind. Wir waren immer eine sehr politische Familie und wenn wir zusammenkommen, gibt es normalerweise Themen, die uns beschäftigen und über die wir uns austauschen.

Sie wollen das Klima in der Landeshauptstadt verändern. Ist die Formulierung bewusst doppeldeutig?

Ja, natürlich. Ich möchte in Wiesbaden gern dazu beitragen, das politische Klima zu verbessern. Ich hatte immer den Eindruck, dass die Verhältnisse hier sehr verhakt sind und es eine gewisse Lockerung braucht. Viel bedeutender ist aber das Thema Klimaschutz im engeren Sinne. Das ist eine unserer großen Zukunftsaufgaben und ich denke, dass es eine kommunale Aufgabe ist.

Können Bebra und Wiesbaden etwas voneinander lernen?

Da gibt es wenig, man muss keine Parallelen ziehen, wo es keine gibt. Die Herausforderungen in Bebra sind ganz andere als in der Großstadt. Im Ländlichen gibt es eher die Probleme Wegzug und Sicherung von Arbeitsplätzen, hier ist eher die Frage, wie bezahlbarer Wohnraum gestellt werden kann.

Sie haben eine Wahl mit sechs Gegenkandidaten hinter sich. In Bebra wird am 8. September ebenfalls gewählt – mit einem Kandidaten. Ist das zu mager?

Ich kann nicht beurteilen, inwieweit die Situation das Ergebnis der sehr späten Entscheidung des Amtsinhabers ist, auf eine erneute Kandidatur zu verzichten. Dafür bin ich zu weit weg. Möglicherweise lag es schlicht daran.

Die Bebraner befürchten eine niedrige Wahlbeteiligung, in Wiesbaden stimmte nicht einmal jeder Dritte ab. Muss man sich damit anfreunden?

Anfreunden will ich mich damit nicht. Es gibt aber wenig Möglichkeiten, das zu ändern. Eine Wahlbeteiligung von 30 Prozent ist in hessischen Großstädten leider die Regel, in kleineren Städten ist sie glücklicherweise deutlich höher. Das ist ein Verzicht auf politische Teilhabe. Dabei gibt es keine Ebene, die das Leben vor Ort so bestimmt wie die kommunale Ebene.

Bei Ihrem Wahlsieg feierten die SPD-Genossen nicht Gert-Uwe Mende, sondern GUM – Ihr Spitzname?

Das ist zum einen mein altes Zeitungskürzel als Redakteur. Im Freundeskreis ist das weit verbreitet, im Theaterverein und auch in Teilen meiner Familie werde ich so genannt. Das hat sich so eingebürgert, ich stoße mich nicht daran, im Gegenteil: Ich mag den Namen gern. Mein Vater war überall „Auwi“ Mende. Vielleicht ist das auch eine Art von Familientradition.

Zur Person

Gert-Uwe Mende ist 1962 in Bonn geboren, aber in Bebra mit drei Brüdern und einer Schwester aufgewachsen. 1979 trat er in die SPD ein. Mende studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre in Göttingen, volontierte ab 1989 bei der HNA in Kassel und wurde Redakteur im Nachrichtenressort. Er blieb nicht lange Journalist: 1991 wurde er Pressesprecher im Hessischen Innenministerium, von 1997 bis 1999 leitete er das Ministerbüro. Anschließend wurde Mende zunächst Sprecher, 2006 Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion. Er wohnt im Wiesbadener Ortsbezirk Dotzheim, seit August 2018 ist er dort Ortsvorsteher. Mende ist verheiratet und hat zwei Kinder. Im Juni wurde er zum Oberbürgermeister in Wiesbaden gewählt.

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