Landrat Koch: Gemeinsam gegen Gewallt

Türkisch-Islamischer Kulturverein Bebra: Keine Angst nach Terroranschlag von Hanau

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Fatih Evren vom Türkisch-Islamischen Kulturverein Bebra

Wir haben uns nach dem rechtsextremen Terroranschlag von Hanau, bei dem der Schütze zehn Menschen und sich selbst tötete, im Kreis Hersfeld-Rotenburg umgehört.

Nach dem rechtsextremen Terroranschlag von Hanau gibt es im Kreis Hersfeld-Rotenburg „nach derzeitigem Stand der Ermittlungen keine Erkenntnisse für konkrete Gefährdungen von kulturellen Einrichtungen, Moscheen und Freizeiteinrichtungen wie Shisha-Bars“. Das teilt Patrick Bug, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Osthessen, auf Anfrage mit. Bundesinnenminister Horst Seehofer hatte zuvor vor Nachahmern gewarnt, von einer „sehr hohen“ Gefährdungslage durch Rechtsextremismus in Deutschland gesprochen und mehr Polizeipräsenz insbesondere an „sensiblen Einrichtungen“ wie Moscheen angekündigt.

„Es ist immer schlimm, wenn Menschen sterben. Aber deswegen werden wir in Bebra unser Leben nicht ändern. Wir haben keine Angst um unsere Sicherheit“, sagt Fatih Evren, Vorsitzender des türkisch-islamischen Kulturvereins Bebra. In der Eisenbahnstadt leben traditionell viele Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Zunehmenden Rassismus nimmt Fatih Evren im Alltag nicht wahr. Im Gegenteil: „Ich würde sagen, das Verständnis zwischen Einheimischen und Menschen mit Migrationshintergrund ist in Bebra heute deutlich besser als vor 20 Jahren.“ Wenn es nach Evren geht, sollte der Anschlag von Hanau auf den Alltag im Landkreis keine Auswirkungen haben. Mehr Polizeipräsenz zum Beispiel fände er falsch. „Dann haben diese Leute erreicht, was sie wollten.“ Jeder könne bedenkenlos auch weiterhin in eine Moschee oder eine Shisha-Bar gehen, nicht nur in Bebra, sondern auch in Rotenburg und Bad Hersfeld.

Rassismus nimmt der Bebraner vor allem im Internet wahr. Das ist ein Punkt, in dem er Handlungsbedarf sieht. Die Gesetze müssten entweder härter ausgelegt oder verschärft werden. „Wer im Internet etwas Volksverhetzendes schreibt, muss sehen: ,Jetzt bin ich direkt mal 1000 Euro los.’ Da kann es nicht nur eine Verwarnung geben. Und wenn das öfter vorkommt, muss es auch mal eine Haftstrafe geben.“ Grundsätzlich appelliert Evren: „Man sollte sich nicht zu sehr von Negativschlagzeilen beeinflussen lassen.“

Sabine Kropf-Brandau, Pröpstin des Sprengels Hanau-Hersfeld, die am Donnerstag an der Mahnwache in Hanau teilgenommen hat, zeigte sich erschüttert darüber, „dass so etwas in einer Stadt, in der so viel für ein friedliches Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Glaubens getan wird, passiert ist“. Sie kündigt für den heutigen Samstag ab 11 Uhr in der Bad Hersfelder Stadtkirche einen Mahngottesdienst an. Darüber hinaus würden alle Pfarrer der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck gebeten, „dieses schreckliche Geschehen in den Gottesdiensten in der Fürbitte aufzunehmen“.

Auch Landrat Dr. Michael Koch (CDU) reagierte betroffen auf die Nachricht aus Hanau. „Der Tod unseres Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke ist noch kein ganzes Jahr her, auch der rechtsextremistisch motivierte Anschlag in Halle liegt nicht lange zurück“, sagt er. „Die Tat in Hanau haben wir mit Bestürzung zur Kenntnis genommen. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam gegen die zunehmende Gewalt in unserer Gesellschaft zu wirken.“

Der Vorsitzende der syrisch-orthodoxen Kirche in Bebra, Gevriye Demir, gibt der Politik eine Mitverantwortung an dem gesellschaftlichen Klima, das Einzelne zu solchen Taten motiviere. „Vielleicht sollte man weniger Flüchtlinge reinlassen. Man muss Rücksicht nehmen auf die Gefühle der Bevölkerung“, sagt der Rotenburger. Er selbst habe in über 40 Jahren in Deutschland nie persönlich Probleme mit Rassismus gehabt, auch aus der syrisch-orthodoxen Gemeinde seien ihm keine größeren Vorfälle bekannt. Grundsätzlich nehme der Rassismus in der Gesellschaft aus seiner Sicht zu – „aber nicht so, dass wir uns hier Sorgen um unsere Sicherheit machen müssen“. Die Sicherheit in Deutschland sei sehr gut, überall könne ein Staat eben nicht überwachen.

Der Landessportbund und die Sportjugend Hessen haben unterdessen alle Sportler, die in den nächsten Tagen Spiele austragen oder Wettkämpfe bestreiten, dazu aufgerufen, vor Beginn eine Trauerminute für die Opfer einzulegen.

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