Jugend forscht

Jungforscher aus Hersfeld-Rotenburg gehören zu Deutschlands Besten

Niemand nennt sie Sheldon: Manuel Khazarian (links) und Florian Fox im Labor. Mehrmals im Monat verbringen die Jungforscher mindestens sechs Stunden am Stück im Schülerforschungszentrum in Kassel: „Sonst schaffen wir die Tests nicht“, sagt Manuel. Die Nachwuchsschmiede der Uni Kassel erstattet dem Bebraner auch die weite Anreise. „Würden wir um die Ecke wohnen, wären wir noch viel öfter hier“.
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Niemand nennt sie Sheldon: Manuel Khazarian (links) und Florian Fox im Labor. Mehrmals im Monat verbringen die Jungforscher mindestens sechs Stunden am Stück im Schülerforschungszentrum in Kassel: „Sonst schaffen wir die Tests nicht“, sagt Manuel. Die Nachwuchsschmiede der Uni Kassel erstattet dem Bebraner auch die weite Anreise. „Würden wir um die Ecke wohnen, wären wir noch viel öfter hier“.

Zwei Nachwuchsforscher aus Bebra und Rotenburg vertreten Hessen im Bereich Chemie beim Bundeswettbewerb „Jugend forscht“. Wir haben sie in ihrem Labor besucht.

Bebra/Rotenburg/Staufenberg – Sie sind 19 Jahre alt, einer hat das Abitur in der Tasche, der andere steckt mittendrin. Manuel Khazarian aus Bebra könnte die Seele baumeln lassen und eine einjährige Selbstfindungstour durch Neuseeland planen, der gebürtige Rotenburger Florian Fox könnte vom Abschluss-Stress ausspannen. Stattdessen verbringen die beiden Freunde viel Zeit in einem kleinen Labor in Kassel, in dem Glaszylinder auf den Tischen stehen und Handschuhe getragen werden, weil mit Chemikalien hantiert wird.

Die Nachwuchsforscher vertreten Hessen im Bereich Chemie beim Bundesfinale von „Jugend forscht“. Ihr Projekt: die Suche nach einem neuen Biokunststoff. „Viele Kunststoffe nutzen Moleküle, die aus Erdöl gewonnen werden“, sagt Florian Fox. „Unser Ansatz ist es, eine natürlichere Quelle zu finden.“

Die Lösung der Jungforscher: Glycerinsäure. Die sirupartige Substanz kommt bei der Photosynthese in Pflanzen vor und weist viele Parallelen zu Stoffen auf, die bereits bei der Herstellung von Biokunststoffen zum Einsatz kommen, etwa Polymilchsäure. Durch die Kombination mit anderen Säuremolekülen soll ein umweltfreundlicher Kunststoff gefunden werden. Überzeugt haben die 19-Jährigen damit bereits bei der regionalen und der landesweiten Runde des Wettbewerbs.

Die Neugier treibt sie voran

Es ist die Neugier, die sie antreibt – „der Kern jeder Wissenschaft“, sagt Manuel Khazarian. Das Handwerkszeug haben sie gemeinsam an der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg gelernt. Kurz vor dem Abitur zieht Florian allerdings nach Staufenberg im Südzipfel von Niedersachsen. Seinen Abschluss macht er derzeit an der Albert-Schweizer-Schule in Kassel, dabei hat er auch das benachbarte Schülerforschungszentrum Nordhessen entdeckt. Dort entsteht die Projektidee, er holt Manuel mit ins Boot. Im November 2020 melden sie sich bei Jugend forscht an.

Es ist einfach, die beiden Freunde (Leistungskurse: Chemie, Mathe und Biologie) in eine Schublade zu stecken, wenn sie in ihren weißen Laborkitteln vor einem stehen. Nur die Jungforscher zu sehen, die Chemieolympiaden-Teilnehmer, die sich schon mal per WhatsApp zehnminütige Sprachnachrichten schicken, wenn sie unterwegs eine Idee für ihre Forschung haben. Zu einfach.

Biokunststoffe gibt es bereits – aber mit Einschränkungen. Wird etwa Polymilchsäure bei einer Plastikflasche verwendet, entweicht die Kohlensäure des Inhalts nach einiger Zeit. Die Jungforscher suchen neue Molekülverknüpfungen. Das linke Foto zeigt eine verhärtete Verbindung von Polymilchsäure und Glycerinsäure.

Manuel Khazarian ist leidenschaftlicher Musiker – „ohne Leidenschaft funktioniert es nicht“, sagt er. Sein Instrument ist das Klavier, seine Bühnenerfahrung reichlich. Als er im vergangenen Jahr seinen Abschluss an der JGS in Rotenburg macht, wird er für seine musikalischen Verdienste um die Schule ausgezeichnet. „Eigentlich immer, wenn in der Aula etwas passiert ist, war ich dabei“, sagt er. Auch Florian Fox hat eine künstlerische Ader: Er schreibt Kurzgeschichten, bisher meist nur für sich, was der Schüler aber ändern will. „Kurzgeschichten?“, hakt sein Freund nach. „Das sind kleine Bücher.“ Der Einwurf wird mit einem Achselzucken hingenommen.

Jugend forscht findet online statt

„Jugend forscht“ ist der wohl bekannteste Wettbewerb für Nachwuchsforscher in Deutschland und findet jährlich statt. Auf den Weg zum Bundesentscheid sind Manuel Khazarian und Florian Fox mit 8996 anderen Teilnehmern gestartet, mit Erreichen des Finales gehören sie bereits zu den 169 besten Jungforschern des Wettbewerbs. Gefordert wird neben einer 15-seitigen schriftlichen Arbeit eine Präsentation mit anschließender Fragerunde durch Experten. Die Veranstaltung findet pandemiebedingt ab Mittwoch, 26. Mai, digital statt. Siegerehrung ist am Sonntag. Das Motto der 56. Ausgabe des Wettbewerbs: „Lass Zukunft da“.

Im Freundeskreis oder in der Familie ist das Forschen meist kein Thema, das Projekt wird nicht bei jedem Treffen bis ins kleinste Molekül erörtert. „Viele haben Chemie so schnell wie möglich abgegeben“, sagt Manuel. Zu den Erfolgen der beiden gratulieren aber alle. Werden Sie gelegentlich – angelehnt an die Charaktere der erfolgreichen Serie Big Bang Theory, die den nerdigen Naturwissenschaftler salonfähig gemacht hat – auch mal spaßeshalber Sheldon oder Leonard genannt? „Uns nennt niemand Sheldon“, winkt der Bebraner ab. „Zumindest nicht wegen des Projekts“, sagt sein Freund und muss grinsen.

Florian Fox will Chemiker werden. Manuel Khazarian liebäugelt mit Studium der Physik oder Architektur – entschieden hat er sich noch nicht. Unabhängig von ihrem Abschneiden beim Wettbewerb soll die Forschung aber weitergehen. Wie würden die beiden Freunde einen Sieg denn feiern? „Ein Treffen mit Grillen wäre ganz nett.“ Viel mehr als zu zweit anstoßen lässt Corona ja auch nicht zu. (Clemens Herwig)

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