Aus dem Leben von Hermann und Ilse 

Kabarettist Bernd Gieseking las in Bebra aus seinem neuen Buch vor 

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Scharfer Beobachter: Der Ostwestfale Bernd Gieseking, der einem großen Publikum auch als Meister des satirischen Jahresrückblicks bekannt ist, begeisterte bei der Lesung aus seinem Buch „Früher hab’ ich nur mein Motorrad gepflegt“ im Einkaufszentrum „be!“ in Bebra.

Bebra. Wenn Eltern plötzlich alt werden, dann gibt es Handlungsbedarf. Autor und Kabarettist Bernd Gieseking stellte sich dieser Situation. Und verarbeitete seine Erfahrungen in lesenswerten Büchern. Am Mittwochabend war er im "be!" in Bebra zu Gast. 

Auf Einladung des Kulturzugs Bebra und der Hoehlschen Buchhandlung las er am Mittwochabend feinsinnige, melancholische und stellenweise urkomische Passagen aus seinem Werk „Früher hab’ ich nur mein Motorrad gepflegt“ im Einkaufszentrum Bebra „be!“ vor.

Der Ostwestfale, der lange Zeit in Kassel, Köln und Dortmund lebte, schildert darin authentisch, wie er „tapfer versucht, sich um seine alten Eltern zu kümmern“. Vater Hermann (85 Jahre) ist gestürzt, ein „Serienrippenbruch“. Der einst so starke Zimmermann traut sich nur noch mit der Gehhilfe aus dem Haus. Mutter Ilse (80), leidet auch an zunehmend mehr Krankheiten, vor allem unter Tinnitus, dem ständigen Rauschen und Pfeifen im Ohr.

50 Jahre Krieg und Frieden

Beide stehen nach „50 Jahren Krieg und Frieden“ kurz vor der Diamantenen Hochzeit und nehmen das Leben auf eine gelassene, stoische Art und Weise. Und sie reagieren ziemlich sachlich, als der Sohn einen Sommer bei ihnen verbringen will: In einem Wohnwagen im Garten, denn die Drei verstehen sich gut, „solange der Abstand stimmt“.

Gieseking nahm sein Bebraer Publikum mit auf die Reise durch diesen Sommer, indem er nicht nur starr im Buch blätterte. Er ist eben auch ein grandioser Erzähler, der gerne mal vom Lesepult aufsteht, das Mikro in die Hand nimmt und im Plauderton davon erzählt, wie sich die Eltern arrangiert haben in all den Jahren. Wie sie gemeinsam eine Geschichte erzählen. Zum Beispiel, wer wo in welcher Straße gewohnt, sich verlobt, geheiratet hat oder wer betrunken vom Fahrrad gefallen ist. Wie sie am Ende immer gemeinsam zum gleichen Ausgangspunkt zurückkommen.

Herrliche Sätze schnappt der Künstler da auf: Zum Beispiel den von Ilse: „Wenn einer von uns stirbt, mach ich eine Weltreise“.

Immer wieder geht es Gieseking in einer sehr geerdeten Komik, die dem Publikum größtes Vergnügen bereitete, um Pflichtbewusstsein, um Ziele im Leben und letztlich um den Erhalt der Autonomie von Ilse und Hermann. Manchmal spielt der Tod eine Rolle – mit der ureigenen Komik der Ostwestfalen: „Ich will nicht verbrannt werden. Sonst füllt Hermann meine Asche noch in die Eier-Uhr, und ich muss ewig weiter arbeiten.“

Eltern haben Kultstatus

Ilse und Hermann, deren Leben immer auch mit Humor verbunden ist, haben durch die Schilderungen von Sohn Bernd mittlerweile fast schon einen Kultstatus erreicht: Fans kommen vorbei und bitten um ein Autogramm.

Eine präzise Beobachtungsgabe gießt Gieseking in zielgenaue Sätze. Bei den liebevollen Schilderungen des Eltern-Alltags schleicht sich mit allem Witz oft auch Melancholie ein. Dann blieb es in der Bebraer Buchhandlung sehr still. Mittlerweile lebt Bernd Gieseking wieder auf dem Land, in der Nähe seiner Eltern. Und er hat noch viele Ideen für Bücher, die von dort und mitten aus dem Leben kommen. Zum Beispiel die wahre Geschichte von den Hunden, die sich mithilfe von Herrchen und Frauchen gegenseitig Ansichtskarten schreiben.

Von Susanne Kanngieser 

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