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Kabarettist Max Uthoff gastierte im Lokschuppen

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Von: Wilfried Apel

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Gastierte mit seinem Bühnenprogramm „Moskauer Hunde“ im Bebraer Lokschuppen: Der aus der ZDF-Satire-Sendung „Die Anstalt“ bekannte Kabarettist Max Uthoff.
Gastierte mit seinem Bühnenprogramm „Moskauer Hunde“ im Bebraer Lokschuppen: Der aus der ZDF-Satire-Sendung „Die Anstalt“ bekannte Kabarettist Max Uthoff. © WILFRIED APEL

Lokschuppen-Oberentertainer Matthias Bähr übertrieb nicht, als er am Freitagabend den wahrscheinlich besten Kabarettisten Deutschlands ankündigte. Dass Max Uthoff auch einer der am schnellsten denkenden und sprechenden ist, erlebten die knapp 200 Zuhörer und Zuhörerinnen im Verlauf des unglaublich professionell, alles andere als dahingekippt abgespulten, das Auditorium fordernden und fesselnden Programms, das der von der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ bekannte Künstler schon 2019 mit „Moskauer Hunde“ überschrieben hatte.

Bebra – Erst einmal telefoniert er aber, hinter der Bühne und auf ihr, auf der der gelernte Jurist dann verkündet, dass es keinen verbalen Stirnölguss und auch nicht immer das geben werde, für was das Publikum bezahlt habe. Aber es gibt einen Knaller nach dem anderen. Etwa den, dass das Gesundheitssystem ja gar nicht so schlecht sein könne, wenn eine 75-Jährige den Gesundheitsminister Karl Lauterbach entführen wolle. Oder den, dass die Bundesregierung in ihrem Werbe-Videoclip für Corona-Impfungen als Hintergrundmusik statt „Hallo again“ von Howard Carpendale lieber „Time to Say Goodbye“ von Andrea Bocelli hätte nehmen sollen.

Oder den arg grenzwertigen, dass die Queen („Sie war immer da“) ja vielleicht deshalb in Schottland gestorben sei, weil das Land als erstes Land der Welt beschlossen habe, „Periodenprodukte“ kostenlos abzugeben. Sich selbst bezeichnet er als staatlich geförderten Mainstream-Kabarettisten, der Hochachtung hat vor der Tapferkeit des ukrainischen Volkes, der allerdings auch bekundet: „Ich lasse mir vom Wichser im Kreml nicht meinen Pazifismus wegnehmen!“

Gegen „König Olaf den Monotonen“ schießt er scharf: „Als kleiner Junge wusste er noch nicht, was ein Bundeskanzler macht und das macht er jetzt auch.“ Wolfgang Kubicki bekommt es knüppeldick ab: „Der hat sein Großhirn in Riesling ertränkt und verkauft das, was er absondert, als Weisheit.“ Nicht von der Hand zu weisen stellt Uthoff ätzend fest: „Arme Menschen werden im Bundestag nicht repräsentiert. Er heißt ja auch Reichstag und nicht Armenhaus.“

Auf der Bühne mal in rotem, mal in weißem Licht stehend oder auch breitbeinig sitzend, mal als Sachse, mal als Bayer, mal als Österreicher daherkommend, mal gegen Neoliberalismus und Rassismus wetternd, mal den Klimawandel vor Augen kratzend und gegen SUV-Fahrer wetternd, mal Verständnis für Menschen habend, die auf afrikanischen Müllkippen unter lebensfeindlichen Bedingungen nach Metallen suchen, um am Leben zu bleiben – für die Europa das Paradies ist, weil es in hiesigen Supermärkten in Tüten abgepacktes Katzenfutter gibt, problematisiert er, sucht er nach der wahren Menschlichkeit, die in seinen Augen immer weiter verwahrlost.

„Man trifft auf immer mehr Menschen, die glauben, recht zu haben, die immer mehr vereinzeln, die glauben, sich andauernd in Netzwerken bewerten zu müssen. Etwa dergestalt: Ich habe gestern Abend Sex mit meiner Frau gehabt und ihr drei Punkte gegeben.“

„Der Mensch ist auf der Suche nach sich selbst“, analysiert der 55-jährige verheiratete Vater von zwei Töchtern und beruft sich auf den Philosophen Hegel und dessen These „Freiheit ist Verzicht“. Angesichts dessen fragt er: „Warum bringen uns die Lieferdienste nicht Wahrnehmung und Teilhabe?“

Nach netto rund zwei Stunden verbalen Schießens telefoniert er dann wieder, um auf die in seinem Programm an verschiedenen Stellen mit ihm Gassi gehenden Hunde zu sprechen zu kommen. Auf die vielen Tausend Moskauer Straßenhunde, die sich irgendwann abwenden von den Menschen, wieder zu Wölfen werden, sich in Rudeln selbst versorgen und „einfach nicht mehr mit dem Schwanz wedeln“. Ein hochklassiger, mitunter bitterböser Abend mit einem Meister der geschliffenen Sprache.

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