Bebraner ohne Berührungsängste: Mario Möllmann ist der erste Streetworker der Stadt

Ansprechpartner ohne Altersbeschränkung: Der Bebraer Streetworker Mario Möllmann.
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Ansprechpartner ohne Altersbeschränkung: Der Bebraer Streetworker Mario Möllmann.

Seit Anfang Mai ist Mario Möllmann als erster und an das Jugendzentrum angedockter Streetworker im Einsatz.

Bebra – Die Pandemie stellt die Jugendarbeit kreisweit vor Herausforderungen. Einige Kommunen haben ihre Mitarbeiter daher in Kurzarbeit geschickt – wir berichteten. Nicht so in Bebra: Die Stadt hat ihr Team sogar ausgebaut. Seit Anfang Mai ist Mario Möllmann als erster und an das Jugendzentrum angedockter Streetworker im Einsatz. Der 28-Jährige ist ein Mann ohne Berührungsängste – im übertragenen Sinn, denn Corona macht Begegnungen, gerade eine mögliche Übertragung im Sinn, kompliziert.

Möllmann ist gebürtiger Bebraner und hat damit den Heimvorteil: Er kennt die Problemecken in seiner Stadt. Rund um den Anger, in der Grünspange zwischen Einkaufszentrum und Bahnhofsvorplatz. Dort treffen sich häufig Menschen, die „aus ganz verschiedenen Gründen in eine Sackgasse geraten sind“. Zu ihnen will der Streetworker Kontakt aufbauen, ihnen will er Hilfe anbieten. Wie gewinnt er Vertrauen? „Ich setze mich einfach dazu und wir kommen ins Gespräch. Ich bin beinahe herzlich aufgenommen worden“, schildert er seine ersten Arbeitstage.

Der 28-Jährige hat Erfahrung mit komplizierten Lebensgeschichten. Vor der Rückkehr in seine Heimatstadt arbeitete er in einem Kinder- und Jugendheim in Bad Hersfeld. Möllmann ist gelernter Erzieher. Während seiner Ausbildung in Kassel kam er auch mit Menschen in Flüchtlingsunterkünften und Obdachlosenheimen in Kontakt. Seit acht Jahren hilft er als Ehrenamtler beim Festival Open Flair in Eschwege, zuletzt leitete er das Mitarbeitercamp.

Seine Vorkenntnisse machen ihn zur Idealbesetzung für Bebra, wo er nicht nur als Streetworker, sondern auch als Jugendarbeiter zum Einsatz kommen soll. „Die Stadt Bebra hat erkannt, dass man möglichst viele Menschen erreichen muss. Gerade in Corona-Zeiten möchte man eine Anlaufstelle bleiben. Das ist derzeit wichtiger denn je“, sagt Uli Rathmann, Leiter des Fachbereichs Generationen. Auch für die Problemzonen der Stadt gelte die Zielsetzung, auf Menschen zuzugehen, „statt einfach nur Ordnung zu schaffen“.

Mario Möllmann hat diesen Anspruch bereits verinnerlicht. „In Bebra können wir es schaffen, alle in ein Boot zu holen“, ist er überzeugt. Dafür will er stets ansprechbar sein – auch zu ungewöhnlichen Zeiten. Wenn es abends auf einem Spielplatz etwa zu Unstimmigkeiten zwischen feiernden Jugendlichen und Anwohnern kommen sollte, ist es dem Streetworker lieber, wenn zunächst er statt gleich die Polizei angerufen wird – selbst wenn er um 22 Uhr noch einmal ausrücken muss. Die unregelmäßigen Dienstzeiten, dass sich Arbeit und Privates in seinem Beruf gelegentlich vermischen – es stört den 28-Jährigen nicht. „Wenn ich zum Einkaufen gehe und meinem Klientel begegne, grüße ich. Und wenn‘s nicht beim Hallo bleibt, ist das eben so. Mein Gegenüber soll merken: Der macht das nicht nur als Job“, sagt Möllmann.

Diese Situation dürfte auch Sara Schulten vertraut sein, die seit sechs Jahren das Jugendzentrum (Juze) in Bebra leitet. Durch Corona sei die Arbeit nicht weniger geworden, nur schwieriger – und so wichtig wie nie. Es sei „derzeit tödlich“, Jugendarbeiter nach Hause zu schicken oder mit anderen Verwaltungsaufgaben zu betrauen. „Gerade jetzt darf der Kontakt nicht abreißen“, sagt Schulten.

So sieht es auch der neue Mitarbeiter. Derzeit ist Mario Möllmann noch in der „Orientierungsphase“, stellt sich vor, knüpft Kontakte zu seinen Klienten, zu Anwohnern und Gewerbetreibenden. „Ich lege das Fundament“, sagt der Streetworker. Ist das geschafft, will er für Menschen da sein, für die sonst niemand Zeit hat. „Es gibt durch die Pandemie viel Einsamkeit.“

Kurznachrichten statt Kickern

„Mein Handy ist immer aktiv. Und ich bin online, sobald ich zu arbeiten anfange“, sagt Sara Schulten. Das Jugendzentrum in Bebra ist auf dem Weg zum Juze 2.0 – es ist eine der Lehren aus der Corona-Pandemie. „Wir müssen wesentlich mehr digitale Präsenz zeigen“, sagt die Leiterin. Was bedeutet: Kurznachrichten schreiben statt Kicker spielen, um zu erfahren, wo die Jugend der Schuh drückt.

„Ich habe mich geweigert, den Kontakt ganz aufzugeben“, sagt Schulten. Sie sucht weiterhin das persönliche Gespräch mit den Jugendlichen, die auf dem Freizeitgelände rund um das Jugendzentrum an der Kerschensteinerstraße unterwegs sind.

Der Großteil des Austausches findet aber mittlerweile im Internet statt. Über WhatsApp – die allgemeine Gruppe des Jugendzentrums hat etwa 40 Mitglieder, zudem gibt es eine Gruppe nur für Mädchen. Über den Onlinedienst Instagram, mit dem sich Fotos und Videos teilen lassen. Und jeden Abend gute zwei Stunden lang auf dem Discord-Server des Jugendzentrums – das Programm ist gleichzeitig Telefonkonferenz, Pinnwand, Chatraum und „näher dran an den Jugendlichen als eine Zoom-Konferenz“. So soll ausgeglichen werden, dass das Juze selbst derzeit als Treffpunkt oft ausfällt.

Vor Corona haben täglich mindestens 20 Jungs und Mädchen die Räume genutzt, sagt Schulten. In den ersten Monaten der Pandemie dürfen es noch 15 sein, mit Abstand und Kontaktlisten. Gut zu sehen ist das noch an dem großen Sofa, das mitten im Jugendzentrum steht: Große rote Kreuze auf dem Leder machen deutlich, wo nicht gesessen werden darf, damit der Abstand stimmt. Dann kommt der November und damit der zweite Lockdown – und die Couch im Juze bleibt oft leer. „Da hat sich die letzte feste Gruppe wohl verabschiedet“, sagt Sara Schulten mit Bedauern. Den Spielabend mit den Jugendlichen kurz vor Inkrafttreten der schärferen Regeln wird sie nicht vergessen: „Die haben das voll ausgereizt und bis zum Exzess gespielt.“ Mit Maske, natürlich. Seitdem ist die Gruppe so nicht mehr zusammengekommen.

Treffen im Jugendzentrum sind derzeit nur mit Termin und maximal vier Jugendlichen möglich. Es geht um gemeinsames Kochen, Unterstützung bei Schulaufgaben, beim Schreiben von Lebensläufen, vor allem aber auch um das persönliche Gespräch. Was beschäftigt die Jugend in Corona-Zeiten? „Das Thema Homeschooling. Sie sehen die Problematik, sich selbst motivieren zu müssen. Die Lehrer sind nicht so greifbar wie sonst, viele fühlen sich dann mit ihren Sorgen alleingelassen“, sagt die Juze-Leiterin.

Auch die ständig wechselnden Corona-Regeln würden häufig nachgefragt, vor allem von Jüngeren. „Es gibt keine Plattform, die das für Kinder regelmäßig runterbricht“, sagt Schulten. Mittlerweile lässt auch die Begeisterung über die vermeintliche pandemiebedingte Freizeit stark nach, hat ihr neuer Kollege Mario Möllmann beobachtet. Viele vermissen die Treffen mit ihren Freunden. „Die Kinder und Jugendlichen sind derzeit die absoluten Verlierer“, sagt Sara Schulten.

Das will das Bebraer Jugendzentrum etwas abfedern – und experimentiert dabei mit neuen Ideen. Im Januar hat Schulten etwa einem Foto-Wettbewerb organisiert, der online beworben und umgesetzt worden ist. „Bei Ausflügen und Freizeiten halte ich mich derzeit noch etwas zurück“, sagt die Leiterin des Jugendzentrums. Wie im vergangenen Jahr soll aber das ausgefallene Osterferien-Programm im Herbst nachgeholt werden. Auch Film- und Radioprojekte sowie Gaming-Nachmittage seien vorstellbar.

Kontakt: Jugendzentrum Bebra, Sara Schulten, Telefon: 0160/95396183, Mail: juze@bebra.de, Discord: JuZe Bebra#1721 und über Instagram.

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