Spatzen top, Insekten Flop

Naturfreunde vom Nabu luden zur Vogel-Zählaktion in Solz ein

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Da sitzt einer: Hans-Christian von Verschuer (von links), Elisabeth, Dieter und Elias Herzog, Dieter Gothe und Klaus Gärtner im von Verschuer’schen Wiesengarten vor Solzer Kirchenkulisse.

Bei klarer Luft und allerschönstem Sonnenschein im Garten die Natur zu genießen, ist gut. Besser noch ist es, beim Genießen nach Vögeln Ausschau zu halten.

Sie brüten in Bäumen und Sträuchern, futtern oder sind einfach nur unterwegs. Und am allerbesten ist es, die Beobachtungen festzuhalten und einordnen zu lassen.

Zu Letzterem laden die im Naturschutzbund (Nabu) zusammengeschlossene Naturfreunde einmal im Jahr im Rahmen der Vogel-Zählaktion „Stunde der Gartenvögel“ ein. Vor Ort sind das Michael Herzog und Dieter Gothe, die beiden Vorsitzenden des Kreisverbandes Hersfeld-Rotenburg des Umweltverbandes, die sich selbst wiederum am Sonntag mit Familienmitgliedern und Bekannten in den Garten von Hans-Christian von Verschuer in Solz eingeladen haben.

In dessen schon etwas größerem Anwesen gibt es frisch gepflanzte, aber auch ganz alte Bäume, mal mehr, mal weniger gemähte Wiesen, ungewöhnlich viele Kalktuffsteinmauern, einen im Rahmen einer Hochwasserschutzmaßnahme entstandenen Graben mit Teich und ein „Kaffeemühle“ genanntes Gebäude. Das hat anno dunnemals Tante Selma bauen lassen, und es ist der ideale Treffpunkt für die kleine Gruppe „Vogelverrückter“, die das Terrain erkunden will.

Michael Herzogs Sohn Elias hat eine Kladde mit Listen in die Hand gedrückt bekommen, damit er aufschreiben kann, was sein Vater und die weiteren „Spaziergänger“, zu denen auch Florian Berg gehört, der gleich um die Ecke unter altem Streuobstbestand Rinder grasen lässt, beobachten.

Auf Streuobstwiesen lässt sich’s, wenn man Rindviech ist, herrlich grasen - und wenn man Mensch ist, kann man auf Streifzug gehen und beobachten, wo welcher Vogel in welcher Baumhöhle oder welchem Nest seine Jungen füttert: Michael Herzog (von rechts) mit Wiesenlandwirt Florian Berg und Klein-Annelie sowie Sohnemann Elias Herzog.

Als Erstes entdecken sie bunt gefiederte Distelfinken, die nach Löwenzahnsamen suchen. Kurz darauf wird ein in einer Astgabelung herumturnender Kleiber gemeldet, wenig später ein Eichelhäher und dann eine vorbeifliegende Rabenkrähe. Am Gesang erkennt Klaus Gärtner, der sich schmunzelnd als „Gemischtwarenhändler in Sachen Natur und Landschaft“ bezeichnet, eine Mönchsgrasmücke, und irgendjemand meldet die Sichtung eines Hausrotschwanzes.

So manches Mal wird ausgetauscht, ob und inwieweit die genannte Vogelart gefährdet ist, und im Zweifelsfall wird anhand der vom Nabu angebotenen App überprüft, ob das gespeicherte Standardbild mit dem vor Ort mit dem Auge fotografierten Augenblicksbild übereinstimmt. „Die App ist klasse“, unterstreicht Elias, „die sollte sich jeder Interessierte herunterladen.“

Beim Überflug einer Schwalbe wird thematisiert, dass es für Rauchschwalben mangels althergebrachter Kuhställe kaum noch Nistmöglichkeiten gibt, dass unter Hausdachüberständen gebaute Mehlschwalbennester entfernt werden, obwohl man sich mit Kotbrettern vor den Hinterlassenschaften der früher als Glücksvögel angesehenen Lebewesen schützen könnte, und dass es für die Flugkünstler immer schwieriger wird, überhaupt noch Material für den Nestbau zu finden.

Andere Vogelarten, wie etwa Stare, haben es da besser. Sie greifen schon mal auf Höhlen in alten Obstbaumbeständen zurück. „Deshalb ist es so wichtig, Streuobstwiesen zu erhalten“, betont Michael Herzog, der kurz darauf mit seinem Fernglas entdeckt, wie ein Star eine von einem Specht gehämmerte Höhle, in die hinein der Star sein Nest gebaut hat, anfliegt, dann aber vorbeifliegt, weil er sich gestört fühlt.

An dieser Stelle wird offenbar, dass Obstbäume gerade „im Alter“ wertvoll sind und nicht abgeholzt werden sollten. Und dass die Natur ein großer, voneinander abhängiger Gesamtorganismus ist, den es in seiner Diversität zu erhalten gilt.

Aber auch, dass es mehr „Vogelverrückte“ geben sollte, die sonntags Vogelarten zählen, damit etwas gegen das Vogelartensterben unternommen werden kann.  

Spatzen top, Insekten Flop

Die bundesweite Vogel-Zählaktion „Stunde der Gartenvögel“ findet jedes Jahr am zweiten Maiwochenende statt. Alle Naturfreunde sind aufgerufen, Vögel zu beobachten und zu melden. Alsbald nach Eingang der Ergebnisse erstellt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) eine Auswertung nach Vogelarten, Häufigkeit und Bestandsentwicklung. Ziel der Aktion ist es, ein möglichst genaues Bild von der Vogelwelt in den Städten und Dörfern zu erhalten. Dabei geht es nicht um eine vollständige Erfassung aller Vögel, sondern darum, Veränderungen der Vogelbestände festzuhalten. Deshalb werden die gesammelten Daten im Rahmen einer Art Langzeitprojekt über mehrere Jahre verglichen. Insoweit ist mit Blick auf 64 beobachtete Vogelarten vor Beginn der diesjährigen Aktion festgestellt worden, dass es 22 Arten mit zunehmenden und 15 Arten mit abnehmenden Werten gibt. Als „Sorgenkinder unter den Siedlungsvögeln“ sind der Mauersegler, die Mehlschwalbe und der Hausrotschwanz kategorisiert worden. Das aktuelle Zwischenergebnis lautet: „Spatzen top, Insektenfresser Flop“. Laut Nabu haben sowohl Haussperling als auch Feldsperling vom Rekordsommer 2018 profitiert. Dagegen sind die Zahlen für Mauersegler und Mehlschwalben „katastrophal. Das Fehlen der Fluginsektennahrung und das Verschwinden von Brutnischen sind wahrscheinlich die Ursachen.“

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