In Weiterode regiert die Wurscht

Familienabend mit viel Fleisch: Nordhessens Kulturgut Ahle Wurscht wurde online verkostet

Der Tisch ist gedeckt: Lilith Kindler (links) mit ihren Eltern Uli Rathmann und Christina Kindler. Ist ein Familienabend mit den Eltern, Ahler Wurscht und der Presse der Traum einer jeden 16-Jährigen? „Die Ahle Wurscht ist nicht das Problem“ sagt die Zehntklässlerin und grinst – es gibt kein anderes Wort dafür – frech.
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Der Tisch ist gedeckt: Lilith Kindler (links) mit ihren Eltern Uli Rathmann und Christina Kindler. Ist ein Familienabend mit den Eltern, Ahler Wurscht und der Presse der Traum einer jeden 16-Jährigen? „Die Ahle Wurscht ist nicht das Problem“ sagt die Zehntklässlerin und grinst – es gibt kein anderes Wort dafür – frech.

Welche Ahle Wurscht punktet auf der Fleisch-Skala? Und: Hält der Duft der Köstlichkeit, was er verspricht?

Weiterode – In Corona-Zeiten gehen auch Liebhaber der leckeren Roten neue Wege, um gemeinsam über Feinheiten zu philosophieren. Wir haben uns bei einer Online-Verkostung mit an den Tisch von Familie Kindler-Rathmann aus Weiterode gesetzt und uns das fleischige Spektakel angeschaut.

Die Vorbereitung

Ein Tablet und ein Laptop stehen auf dem üppig gedeckten Tisch, sieben Ahle Würschte thronen in der Mitte: Familie Kindler-Rathmann ist vorbereitet. „Oh mein Gott sind hier viele Leute“, ruft Tochter Lilith. Die 16-Jährige hat die Übertragung des Fördervereins Nordhessische Ahle Wurscht eingeschaltet, die live aus dem Kloster Haydau gesendet wird – in dem normalerweise der Ahle-Wurscht-Tag des Vereins stattfindet. Mehr als 100 Freunde der Roten warten am Rechner auf den Anschnitt. „Hoffentlich geht’s gleich los, ich habe Hunger“, sagt Mama Christina Kindler, woraufhin sich Moderator Stefan Pommerenke wie aufs Stichwort vor der Klosterkulisse eine Wurschtscheibe gönnt und Papa Uli Rathmann von seinem ausgiebigen Mittagessen schwärmt.

Lilith geht derweil die Teilnehmer durch. Klangvolle Namen wie „Wursti“ – mit den „Tunnelhexen“ dürfte auch Hönebach vertreten sein – haben von Thüringen über Bielefeld bis Pinneberg eingeschaltet, um endlich die für die Verkostung verschickte Stracke-Schatzkiste zu öffnen. Der Inhalt des leckeren Pakets: sieben Würschte von Metzgern aus der Region, nach den strengen Qualitätsstandards des Vereins hergestellt. Seit einer Woche warten sie in Weiterode auf die Verkostung. Vor allem für Vater Uli eine harte Zeit – „zumal sonst keine Rote im Haus war“.

Scheibchenweise zum Glück: Christina Kindler schneidet die Stracke mit einem Familienerbstück, ihr Großvater war Metzger und das Messer ist immer noch scharf.

Auch der Rest der Familie ist nahezu Stracke-süchtig. Christina Kindlers Großvater war Metzger, im Haus der Eltern wurde noch hausgeschlachtet. Der Familienlegende nach ist die 16-jährige Lilith direkt von der Muttermilch zur Ahlen Wurscht gewechselt. Ihr erster vollständiger Satz: „Ich hab’ dich lieb wie eine Wurst.“ Was ist dran? Die Zehntklässlerin zuckt nur die Achseln: Die früheren Nachbarn, ein älteres Ehepaar, hätten ihr eben statt Schnucke lieber Stracke gegeben – was zu täglichen Besuchen führte. Geht es nach Lilith, würde ohnehin längst gekaut statt geredet. Sie muss wohl ein Stoßgebet abgeschickt haben – zumindest der Ahle-Wurscht-Papst hat sie gehört.

Der Hauptgang

So wird Fördervereinschef Gerhard Schneider-Rose vorgestellt. Der Bebraner moderiert gemeinsam mit Radiomann Pommerenke, der sich den Fauxpas leistet „Wurst“ statt „Wurscht“ zu sagen und dafür von den Teilnehmern per Chat-Funktion gegeißelt wird. Der erste Tipp: Eine Rote geht gut mit trockenem italienischem Lambrusco. Auf dem Tisch in Weiterode stehen Wasser und Bier. „Das gehört für mich einfach dazu“, sagt Christina Kindler bestimmt – nach einer kleinen Diskussion ist auch Radler zugelassen.

Dann geht es endlich um die Wurscht. Während auf dem Bildschirm ein Filmchen zum Hersteller-Betrieb flimmert, schneidet Christina Kindler die erste Stracke in säuberliche Scheiben. Vor jedem Weiteröder liegt ein Bewertungsbogen, vergeben werden Punkte von eins bis fünf in den Kategorien „fleischig“ (Schneider-Rose: „Ein Zeichen für eine gute Wurscht“), „pfeffrig“, „salzig“ und „sauer“. Lilith ist schon vor dem ersten Bissen beim wichtigsten Schritt angekommen: „Die schmeckt mir. Ich kann das immer riechen.“ Gesagt, gemampft. Und? „Lecker, aber nichts Besonderes.“ Das Fazit von Uli Rathmann fällt härter aus: „Das könnte auch eine Salami aus dem Aldi sein.“ Vielleicht war die Erwartung nach einer Woche Zurückhaltung einfach zu hoch.

Es braucht schwere Schweine

Seit 2004 will der Förderverein Nordhessische Ahle Wurscht die traditionelle Qualität sichern. Für die Mitgliedsbetriebe bedeutet das eine ganze Reihe von Qualitätskriterien, deren Einhaltung jährlich überprüft wird. Dazu zählen Reifezeiten von bis zu sieben Monaten und dass die Schweine ein Lebendgewicht von mindestens 150 Kilogramm auf die Waage bringen müssen. „Nur schwere Schweine liefern die für Dauerwurst erforderliche Fleischqualität“ heißt es im Wurscht-Manifest. Zudem sind beim Würzen nur Kochsalz, Salpeter, Haushaltszucker, schwarzer und weißer Pfeffer, Muskat, Koriander, Piment, Knoblauch, Kümmel und Senfkörner zugelassen.

Dann bricht am Tisch Hektik aus: Die Teilnehmer sollen ihr Ergebnis am Bildschirm teilen. Hastig werden Bewertungszettel verglichen. Nur: Das Fenster verschwindet zu schnell. Die Familie beschließt, für die nächste Abstimmung mehr Zeit zu fordern. Lilith tippt die Bitte in den Chat, da passiert das Unglück: „Jetzt habe ich das nur an Wursti geschickt.“ Sofort wird neu getippt. „Die Meisten sind wahrscheinlich schon bei Wurscht vier“, sagt ihre Mutter einige Minuten später. Die Moderatoren arbeiten sich immer noch an der ersten Leckerei ab.

Der Endspurt

In Weiterode wird sich an die Spielregeln gehalten. Bereits bei Wurscht zwei haben Vater und Tochter ihren Favoriten gefunden. Zum eingespielten Ahle-Wurscht-Song („Zicke zacke hoch die Stracke“) schunkeln die Eltern mit. Lilith findet’s nicht lustig und isst weiter. Christina Kindler muss bis zur sechsten Wurscht durchhalten, wird dann aber mit einer Seifertshäuser Stracken glücklich.

Im Laufe des Abends zeichnet sich ab: Das Programm ist ambitioniert, aber zu lang. Die Betriebe stellen sich vor, die Grimmheimat stellt sich vor. Entertainer „Tante Lilli“ wird zugeschaltet und witzelt im Schweine-Shirt, FFH-Moderator und Comedian Johannes Scherer warnt: „Ahle Wurscht ist eine Einstiegsdroge. Das kann bei Weckewerk enden.“ Währenddessen wird in den Wohnzimmern auf die nächste Wurscht gewartet, zu viel Brot gegessen und zu viele Gürkchen verdrückt. Der Heißhunger nimmt nach eineinhalb Stunden deutlich ab, im Endspurt reißt die Disziplin ein: Würschte sind längst nicht mehr das Hauptthema. „Strafft euch!“, fordert Mama Christina Kindler – um kurz darauf kleinlaut einzuräumen „Ich ess’ nur noch“, während der Rest der Familie gewissenhaft die Bewertungszettel ausfüllt.

Fleischig genug? Uli Rathmann füllt den Bewertungsbogen aus. Er isst lieber eine halbe Wurscht am Stück und verzichtet auf einen „salzigen Knalleffekt zum Start“.

Dass die Familie dabei häufiger auseinander liegt, wirft eine Frage auf: Wie wird sich im Hause Kindler-Rathmann jemals auf eine Wurscht geeinigt? „Wir wechseln oft und probieren viel aus.“ Teilweise liegen einfach mehrere Würschte im Kühlschrank. Nach diesem Abend sind es ganze sieben – angeschnitten, aber immer noch lecker. (Clemens Herwig)

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