Publikum bekommt Zugabe

Offene Operation am Volkskörper: Distel Berlin begeistert mit Wortwitz in Ellis Saal

Trockener Humor und satirische Untertöne: Mit viel Wortwitz, Satire und Schärfe präsentierten Stefan Martin Müller (von links), Jana Kozewa und Frank Voigtmann von der Distel ihre Attacken auf alles, was schief läuft in der Welt. Im Hintergrund: Fred Symann am Keyboard.
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Trockener Humor und satirische Untertöne: Mit viel Wortwitz, Satire und Schärfe präsentierten Stefan Martin Müller (von links), Jana Kozewa und Frank Voigtmann von der Distel ihre Attacken auf alles, was schief läuft in der Welt. Im Hintergrund: Fred Symann am Keyboard.

Politische Satire mit den Theatermachern der „Distel Berlin“ haben in Ellis Saal in Weiterode für gute Laune gesorgt. 

Weiterode - Warum nur sind die Deutschen so pessimistisch, voller „German Angst“, und derart deprimiert? Als Amerikaner kann man das nicht verstehen. Darum übte der coole und relaxte „Ami“ – dargestellt von Stefan Martin Müller vom Distel-Kabarett aus Berlin – am Sonntagabend mit dem Publikum in Ellis Saal den Satz: „Ich bin deutsch und trotzdem gut!“

Der Mann, der mit diesem Slogan sein gleichnamiges Buch an Mann und Frau bringen wollte, zählte im Veranstaltungssaal in Weiterode vielerlei Gründe auf, warum die Deutschen Selbstbewusstsein haben sollten: Sie seien geduldig („seit 100 Jahren baut ihr einen Flughafen“), sie hätten den Dieselmotor erfunden und die Abgaswerte der Dieselmotoren gleich dazu. Es waren Szenen wie diese, die in Ellis Saal für viel Beifall und Heiterkeit sorgten. Das fünfköpfige Ensemble der Distel sezierte mit entlarvenden Charakterstudien den deutschen Volkskörper und holte weit weg geglaubte politische Inhalte mitten ins alltägliche Leben.

Das Programm war eine Mischung aus irgendwie allem, was Politik und Gesellschaft in jüngster Zeit bewegt – oder auch mal nicht, wie die Deutsche Bahn zum Beispiel. Mit 30 Milliarden Euro Schulden verkünde das Unternehmen, „man sei noch nicht am Ziel“. Verspätungen, abgebaute Industriegleise und null Kommunikation im Zug wegen der zahlreichen Funklöcher. Die Bahn gibt viel her für ein eigenes Distel-Programm.

Die Kabarettisten bewiesen feine Antennen für die Welt und ihre Befindlichkeit und breiteten das mit kabarettistisch-schauspielerisch-musikalischer Akkuratesse vor dem Publikum aus. Corona war natürlich auch ein Thema, und die Querdenker-Szene sowieso mit ihrer Forderung auf ein „Grundrecht für Grundbeleidigtsein“. Und außerdem sei eine Demo gegen das Händewaschen vollkommen absurd. Die Distel als Rächer der Politikverdrossenen. Die Pandemie hätte aber auch schöne Seiten gehabt: Kein Feinstaub auf dem Alexanderplatz, keine Rollkoffergeräusche der Touristen und keine Knoblauch-Fahnen im Aldi zum Beispiel. Und überall und allerorten war da Karl Lauterbach: „Ich habe schon Angst, wenn ich meine Würstchen-Dose öffne“.

Ob rassistische Karnevals-Verkleidungen bei Kindern („Am besten sie verkleiden sich als Clownfisch Nemo. Das ist gender und divers“) oder das Intervallfasten des Nachwuchses („Immer, wenn im Fernsehen Werbung kommt, geht mein Sohn zum Kühlschrank“): Jana Kozewa, Stefan Martin Müller und Frank Voigtmann holten zu einem Rundumschlag gegen den Zeitgeist aus und lieferten grandiose Satire auf alles, was schief läuft in dieser Welt. Und weil ein Programm ganz ohne Angela Merkel möglich, aber sinnlos ist, huschte sie in eindeutiger Pose und in dreifacher Ausführung über die Bühne und verkündete knapp: Pause! Nur für den Klimawandel blieb am Ende keine Zeit mehr. Bei diesem Wort bekomme man ohnehin „Hornhaut auf dem Tinnitus“.

Begleitet wurden die Darsteller von den beiden hochkarätigen Musikern Matthias Lauschus und Fred Symann. Viel Beifall gab es vom Publikum, das sich nach knapp zwei Stunden auch eine Zugabe applaudierte.

Von Susanne Kanngieser

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