"Ferrari des kleinen Mannes"

Oldtimer-Serie: Eine Schönheitskur für Goggomobil "Frederike"

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Liebhaber nennen es den „Ferrari des kleinen Mannes“, Spötter reden vom „Hustendrops auf Rädern“: Das legendäre Goggomobil ist eine Erfolgsgeschichte aus Wirtschaftwunderzeiten. Unser Foto zeigt Uwe Kaiser und seine Frederike vor dem Bebraer Wasserturm.

In einer Serie stellen wir talentierte Schrauber aus Hersfeld-Rotenburg und ihre Oldtimer vor. Heute: Uwe Kaiser und sein Goggo "Frederike" - benannt nach einem Hängebauchschwein.

Wer hinter Uwe Kaiser auf der Rückbank seiner „Frederike“ sitzt, muss sich einfach wundern, wie viel Wahrheit in den Legenden rund um das Goggomobil steckt. Wie viel dran ist an den Geschichten von Eltern und Großeltern über Urlaubsreisen, bei denen der Kleinstwagen mit dem gebläsegekühlten Zweizylinder-Zweittaktmotor ganze vierköpfige Familien samt Gepäck tapfer über die Alpen nach Italien getragen haben soll. Es ist eng. Der Geruch von Kunstleder liegt in der Luft. „Das ist ein ganz eigener Duft“, sagt Kaiser. „Es riecht heute noch wie damals.“

Als 1955 die ersten „Goggos“ im niederbayerischen Dingolfing vom Band laufen, ist das Angebot für den erschwinglichen fahrbaren Untersatz mit Dach überm Kopf rar. Die Konkurrenz heißt BMW Isetta, Lloyd, Messerschmitt und Heinkel, später Mini. 

Ursprünglich 1883 als Hersteller von Maschinen für den Agrarsektor gegründet, sammelt die Hans Glas GmbH Anfang der 50er-Jahre Erfahrung mit der Produktion von Motorrollern: dem Goggo-Roller – benannt nach einem Enkel von Firmenchef Hans Glas mit dem Kosenamen „Goggo“. Ein Wagen, den sich auch der kleine Arbeiter leisten kann, ist der nächste Schritt.

Probiert es mit Gemütlichkeit: Uwe Kaiser in seinem Goggo. Der Kleinstwagen mit dem Spottnamen „Hustendrops auf Rädern“ wurde zum Erfolg – auch, weil der Gesetzgeber ein Schlupfloch gelassen hatte. Der günstige Moped-Führerschein IV galt für Fahrzeuge bis 250 Kubik, unabhängig von der Anzahl der Räder. Im November 1966 übernahm BMW die bayerische Herstellerfirma Glaser. 1969 lief der letzte von mehr als 284 000 produzierten Goggos vom Band – fast jeder Vierte davon Coupé.

Auch Uwe Kaisers Vater fährt Goggo – für eine Weile. „Er hat ihn nicht bändigen können, der ist nur so auf der Straße herumgehüpft“, sagt der 61-Jährige. Nach eineinhalb Jahren ist der Vater es leid. Für Kaiser, der in Bebra geboren und aufgewachsen ist und vor 10 Jahren „der Liebe wegen“ nach Eschwege gezogen ist, hängen am Goggomobil dennoch Kindheitserinnerungen. 

Und er ist Schrauber aus Leidenschaft: Schon als Schüler jobbt er in einer Autowerkstatt, später restauriert der gelernte Tischlermeister und Chef einer Firma für Hausservice unter anderem eine Tin Lizzie und zahlreiche Motorräder. Zum kaiser’schen Fuhrpark gehört auch ein Honda S 800 Cabrio, von dem es in Deutschland noch etwa 90 Fahrzeuge gibt. „Ist man einmal in die Szene reingerutscht, ist es vorbei. Dann ist das Virus da“, sagt er.

Frösteln oder freie Sicht: Die Heizung des Goggos bläst warme Luft entweder in den Fußraum oder auf die Scheibe. Der Verschluss wird per Hand geöffnet.

Kaiser hat es ohne probiert, im vergangenen Jahr hat er sein letztes Motorrad verkauft. Rheuma in den Händen macht ihm bei der Arbeit zu schaffen. Aber: „Es geht nicht.“ Seine jüngste Anschaffung: eine BMW 1200.

Oldtimer-Serie: Goggomobil "Frederike" in Bildern

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 © Clemens Herwig
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Ein Flitzer namens Frederike: Uwe Kaisers Goggomobil ist nach dem Haustier des ehemaligen Besitzers benannt - einem Hängebauchschwein. © Clemens Herwig
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Ein Kleinstwagen – im wahrsten Sinne des Wortes. Das Goggomobil Coupé im BMW-Farbton „Florida“ ist 3,3 Meter lang, 1,37 Meter breit und 1,23 Meter hoch. © Clemens Herwig
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Motorblock statt Kofferraum: Im Heck des Goggos arbeitet während der Fahrt ein gebläsegekühlter Zweizylinder-Zweittaktmotor. Ein Gemisch aus Zweitakt-Öl und Benzin im Verhältnis 1:25 treibt den Motor an. Der 18-Liter-Tank reicht für rund 100 Kilometer. © Clemens Herwig
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Der Duft von Kunstleder liegt in der Luft: ein Blick in den Innenraum. Uwe Kaiser hat das Blecharmaturenbrett ebenfalls mit Kunstleder bezogen.  © Clemens Herwig
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Schönheitskur: Den Hupenknopf hat sich Uwe Kaiser von einem NSU Prinz 4 "ausgeborgt" und mit dem Goggo-Logo von Hersteller Glas versehen. Der übliche Hupenknopf des Goggomobil Coupés ist schlicht weiß.  © Clemens Herwig
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Was auch immer der Tacho behauptet: Das Goggomobil 250 Coupé erreicht maximal 85 Stundenkilometer - bergab und mit Rückenwind.  © Clemens Herwig
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Platz fürs Ersatzrad und Gepäck: Der Fußraum des Goggos. © Clemens Herwig
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Schicker Flitzer mit Schirmmütze: das Goggomobil Coupé vor dem Bebraer Wasserturm. © Clemens Herwig
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1955 laufen die ersten Goggos im niederbayerischen Dingolfing vom Band. Die Hans Glas GmbH wurde 1883 ursprünglich als Hersteller von Maschinen für den Agrarsektor gegründet. © Clemens Herwig
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Originalgetreu bis zum Wackeldackel: Auf der Rückbank des Goggomobils liegt ein Nachdruck der Goggo-Bedienungsanleitung.   © Clemens Herwig
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Ausgefallenes Schaltschema: Der erste Gang im Goggo liegt vorn links, der zweite rechts daneben. Der dritte Gang liegt hinten links, der vierte hinten rechts - ein quer liegendes "H". © C lemens Herwig
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Frösteln oder freie Sicht: Die Heizung des Goggos bläst warme Luft entweder in den Fußraum oder auf die Scheibe. Der Verschluss wird per Hand geöffnet. © Clemens Herwig
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Oben, unten, drumherum: ein Blick in die Bedienungsanleitung des Goggos. © Clemens Herwig
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Ein Blick auf das "Vorher": Frederike zu Beginn ihrer dreimonatigen Schönheitskur. Der Goggo war in einem katastrophalen Zustand.  © Uwe Kaiser/nh
Uwe Kaiser hat das Goggomobil Coupé Stück für Stück auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. © Uwe Kaiser/nh
 © Uwe Kaiser/nh
 © Uwe Kaiser/nh
Frederike auf Reisen: Der Goggo im südschottischen Moffat - dessen Star Hotel sich damit rühmt, das schmalste des Landes zu sein. Das Goggomobil hätte wohl trotzdem ausreichend Platz, um quer im Foyer zu stehen.   © Uwe Kaiser/nh
Braucht viel Aufmerksamkeit: Auf der zehntägigen Schottland-Reise muss Uwe Kaiser immer mal wieder zum Werkzeug greifen.  © Uwe Kaiser/nh

Das eigene Goggomobil war für den 61-Jährigen immer nur eine Frage des „wann?“. Die Antwort: 2013. Er stöbert ein Goggo Coupé in Thüringen auf. Der Besitzer hat es vom Schrottplatz geholt und wollte es fit machen – als Kaiser mit einem Kumpel auf dem Hof in Apolda ankommt, ist das 15 Jahre her und das Auto in katastrophalem Zustand. „Der Goggo war schon Schrott, als er ihn gekauft hat“, sagt der 61-Jährige. Aber er will ein Coupé – „die Limousine ist sehr nackt“ – und zahlt die verlangten 1500 Euro.

Motorblock statt Kofferraum: Im Heck des Goggos wird während der Fahrt gearbeitet. Ein Gemisch aus Zweitakt-Öl und Benzin im Verhältnis 1:25 treibt den Motor an. Der 18-Liter-Tank reicht für rund 100 Kilometer.

Den Namen für das Goggomobil mit dem Baujahr 1968, in das er in den kommenden drei Monaten täglich bis zu acht Stunden Restaurierungsarbeit und weitere 5000 Euro Materialkosten steckt, gibt es gratis dazu. „Der Verkäufer hatte eine 30 Jahre altes Hängebauchschwein, mit dem er früher auch beim Zirkus aufgetreten ist“, erinnert sich Uwe Kaiser. „Während des Gesprächs hieß es ständig: Frederike komm her, Frederike geh weg.“ Auf dem Heimweg nach Nordhessen, den Goggo auf dem Anhänger, wird „Komm Frederike, gib doch mal Gas“ zwischen Kaiser und seinem Begleiter zum geflügelten Wort.

Ein Kleinstwagen – im wahrsten Sinne des Wortes. Das Goggomobil Coupé im BMW-Farbton „Florida“ ist 3,3 Meter lang, 1,37 Meter breit und 1,23 Meter hoch.

Was folgt, ist eine umfangreiche Schönheitskur. Der Schrauber zerlegt Frederike in ihre Einzelteile und setzt das Goggomobil von Grund auf neu zusammen. Die Versorgung mit Ersatzteilen ist kein Problem: „In Deutschland gibt es drei gute Adressen, die sich auf Goggos spezialisiert haben“, sagt Uwe Kaiser. Vor drei Jahren sammeln er und seine Frau dann eigene Urlaubserfahrungen im Goggomobil: Die Reise nach Südschottland über Amsterdam dauert drei Tage.

Leseraufruf: Wir stellen auch Ihr altes Schätzchen vor

Besitzen auch Sie ein altes Schätzchen? Haben Sie aus einer Rostlaube einen glänzenden Oldtimer gemacht? Oder aus einem Allerweltsauto einen Hingucker? Dann melden Sie sich bei uns per E-Mail an rotenburg@hna.de oder redaktion@hersfelder-zeitung.de. Ebenfalls möglich: Schreiben Sie einen Brief an die Redaktion, Stichwort „Oldtimer“, Benno-Schilde-Platz 2, 36251 Bad Hersfeld.

Autogramm: Das Goggomobil Coupé in Zahlen

  • Geschwindigkeit (km/h): 85
  • 0 - 70 km/h (Sekunden): 34
  • Hubraum (ccm): 250
  • Zylinder: 2
  • KW/PS: 9,9/13,6
  • Verbrauch (l/100 km): 10
  • Leergewicht (kg): 460
  • Baujahr: 1968
  • Originalpreis: ca. 4000 DM

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