Handel und Hotellerie sind frustriert

Oster-Lockdown und Corona-Kurs sorgen für gemischte Gefühle in Hersfeld-Rotenburg

Nur ein kurzes Luftholen für Geschäfte: Shopping nach Termin, wie hier in der Bad Hersfelder Fußgängerzone beworben, soll es in Hessen nicht mehr geben.
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Nur ein kurzes Luftholen für Geschäfte: Shopping nach Termin, wie hier in der Bad Hersfelder Fußgängerzone beworben, soll es in Hessen mit den Lockdown-Verschärfungen kurz vor Ostern nicht mehr geben.

Bund und Länder wollen sich mit einem verschärften Lockdown gegen steigende Infektionszahlen stemmen. Doch die Politik hat auch in Hersfeld-Rotenburg viel Vertrauen verspielt.

Hersfeld-Rotenburg – Was halten Sie vom Oster-Lockdown? In der Bad Hersfelder Fußgängerzone, im Kurpark der Kreisstadt und auch rund ums Einkaufszentrum „be!“ in Bebra reagieren viele Passanten auf unsere Frage verhalten. Auch wenn den Menschen die Frustration in den kurzen Gesprächen deutlich anzumerken ist – so richtig seine Meinung für die Zeitung preisgeben möchte niemand, zumindest nicht mit Namen und Foto. Einige Wenige sprechen dann doch mit uns – allerdings nur anonym.

Zwei junge Männer, die gerade das Einkaufszentrum „be!“ verlassen, fühlen sich von den Entscheidungsträgern in Bund und Ländern nicht mehr wirklich ernst genommen. „Die wissen doch selbst nicht mehr, was sie da tun“, vermutet einer der beiden. Sein Freund bejaht das ergänzt: „Immer wieder wird man vertröstet. Noch ein paar Wochen durchhalten, wie oft haben wir das schon gehört – aber besser wird nichts“, sagt er über die Lockdown-Verlängerung.

„Habe ein ungutes Gefühl, meine Tochter weiter in die Schule zu schicken“

Für eine Frau in der Bebraer Innenstadt, die selbst im medizinischen Bereich arbeitet, ist die Verschärfung der Einschränkungen längst überfällig. „Es muss unbedingt alles zurückgefahren werden, sonst werden wir mit der dritten Welle durch die Mutationen extreme Probleme bekommen. Ich habe wirklich ein ungutes Gefühl, meine Tochter weiterhin in die Schule zu schicken.“

Besonders frustriert ist ein Mann, der mit seinem Hund in der Fußgängerzone in Bad Hersfeld unterwegs ist. „Ich kann das Thema nicht mehr hören. Corona hier, Corona da – und mit dem Impfen geht es auch viel zu langsam voran. Wie lange haben wir denn noch damit zu tun?“ Ein Ende der Pandemie sei noch lang nicht in Sicht – ohne ausreichend Impfungen werde daran auch ein kein Lockdown etwas ändern.

Im Kurpark schiebt eine Frau ihre Mutter im Rollstuhl an den Frühlingsblühern vorbei. Die beiden machen sich Sorgen über die aktuelle Entwicklung der Pandemie. „Ich weiß wirklich nicht, was gerade das Richtige ist. Ich verstehe den Unmut von Einzelhandel und Gastronomie. Und ja, das alles schlaucht mittlerweile enorm. Alles ist so monoton, das Spazieren gehen ist unser täglicher Höhepunkt“, sagt die Tochter. Ihre Mutter nickt langsam: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas mal erlebe. Man konnte sich ja gar nicht vorstellen, dass so was überhaupt möglich ist.“ Sie hat aber weiterhin Vertrauen in die Regierung. „Die werden schon wissen, was das Beste für uns alle ist.“

Handel und Hotellerie sind nach Lockdown-Verschärfung „frustriert und müde“

Frustriert, zynisch, voller Unverständnis oder einfach nur müde – so haben Vertreter von Handel und Hotellerie aus der Region den neuerlichen Lockdown bis nach Ostern kommentiert. „Das ist doch blinder Aktionismus“, sagt etwa Stefan Pruschwitz von der Stadtentwicklungsgesellschaft SEB in Bebra.

Durch die Schließung am Gründonnerstag werde es am Wochenende vermutlich umso voller in den Geschäften. „Was soll das bringen, seit einem Jahr wird nur rumgedoktert“, beschreibt Pruschwitz die Stimmung der Geschäftsleute im Einkaufszentrum „Das be“. Für das Gewerbe werde die Luft inzwischen immer dünner. „In Bebra ist man nur noch frustriert und müde.“

„Müde und frustriert“: Bebras Stadtentwicklungschef Stefan Pruschwitz reagiert mit Unverständnis auf die Lockdown-Pläne für Ostern. Unser Foto zeigt das Einkaufszentrum in der Bebraer Innenstadt.

Die City Galerie in Bad Hersfeld wird nach den neuerlichen Corona-Beschlüssen in Berlin an Gründonnerstag komplett geschlossen bleiben. „Nur am Ostersamstag werden der Bäcker und der Metzger in der Galerie öffnen dürfen“, erklärt Jörg Markert, Manager des Einkaufszentrums. Die Politiker versuchten nun auf Biegen und Brechen die Infektionsketten durch Kontaktverbote zu unterbrechen. „Das wird nicht gelingen. Nur das Impfen der Menschen würde wirklich helfen, doch da hakt es gewaltig“, meint Markert.

Hotelier Kniese: „Ich vertraue der Regierung nicht mehr“

Für ihn sind die politischen Entscheidungen in Sachen Corona längst nicht mehr nachvollziehbar, da das Infektionsgeschehen weder durch Handel noch Hotellerie und Gastronomie vorangetrieben werde. „Es ist für mich unerklärlich, warum die Außengastronomie an der frischen Luft mit Abstand der Gäste nicht öffnen darf, so Markert. Er sehe eine hohe Infektionsgefahr vielmehr in den Schulen und Kindertagesstätten gegeben.

„Ich vertraue der Regierung nicht mehr“, lautet das bittere Resümee von Hotelier Achim Kniese aus Bad Hersfeld, der auch Vorsitzender des Stadtmarketingvereins ist. Die Politik sei irgendwann falsch abgebogen und finde nun den Weg nicht mehr zurück. „Wenn wir alle Entscheidungen nur vom Inzidenzwert abhängig machen, dann machen wir damit Deutschland zu, zumal die Bürger die Beschlüsse aus Berlin nicht mehr ernst nehmen würden.“ Schließlich habe bislang kaum etwas geklappt – das Impfen, die Masken, die Schnelltests, zählt Kniese auf.

Immerhin habe sich das Kurzarbeitergeld als „wirksame Maßnahme“ erwiesen, weshalb er sich weniger um die wirtschaftliche Lage seiner Häuser als um das „Gemüt und die Zukunftsangst“ seiner Mitarbeiter sorge. „Das Augenmaß für kalkulierbare Risiken ist uns verloren gegangen“, sagt Kniese, die ganze Corona-Strategie sei unwirklich. „Die Leute werden immer verzweifelter“, hat Kniese beobachtet, wenngleich aus der Geschäftswelt noch keine Hiobsbotschaften bei ihm als Vorsitzenden des Stadtmarketingvereins angekommen sind. „Aber alle ächzen unter dem Druck – das Jahr 2021 wird für uns entscheidend“, meint Kniese.

„Alles wird zu Tode bürokratisiert“

Als „pure Comedy“ bewertet Markus Göbel, Direktor und Eigentümer von Hotels in Rotenburg und Friedewald, die neuerlichen Lockdown-Beschlüsse der Bundesregierung, die über Ostern hinaus gelten sollen. Überhaupt nicht verstehen kann er das aus Sicht des Hotel- und Gastgewerbes. „Wir haben in diesem Bereich in Deutschland 200 000 Betriebe. Wenn wir die öffnen und dort nur Menschen mit negativen Tests beherbergen würden, wären das die sichersten Orte überhaupt“, sagt Göbel.

Das alles sei in Deutschland aber nicht machbar, da alles zu Tode bürokratisiert werden müsse. Der Hotelier wünscht sich für sich und die 1200 Beschäftigten seiner Göbels-Gruppe, endlich einfach wieder normal arbeiten zu dürfen. „Ich möchte nicht dem Staat auf der Tasche liegen. Das war nie mein Ziel und das wird auch nie mein Ziel sein“, so Göbel. (Anna Weyh)

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