Flucht wurde jetzt neu verfilmt

1979 mit Heißluftballon aus DDR geflohen: Petra Wetzel kommt nach Bebra

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Mit Filmplakat und Zeitung von damals: Petra Wetzel ist am Montag zu Besuch in Bebra. Dort beantwortet sie nach der Filmvorführung von Ballon Fragen zur Flucht aus der DDR. In der linken Hand hält sie die HNA-Seite vom 17. September 1979, dem Tag nach der spektakulären Flucht.

Mit einem Heißluftballon in die Freiheit: 1979 flüchtete Petra Wetzel mit ihrer und der befreundeten Familie Strelzyk aus der DDR in die BRD. Der Film "Ballon" erzählt ihre Geschichte.

Im Interview spricht sie über die Probleme, die Gründe für die Flucht und warum sie seitdem nie wieder in einen Heißluftballon gestiegen ist.

Frau Wetzel, wann haben Sie erfahren, dass Ihre Flucht neu verfilmt werden soll?

Petra Wetzel: Der Hollywoodfilm 1981 hat uns nicht gefallen. Vor sechs Jahren kam der Anruf von der Sekretärin vom Bully (Regisseur Michael „Bully“ Herbig, Anm. d. Redaktion). Ich hab sofort Ja gesagt, weil seine Komödien so toll sind. Komik ist schwieriger zu spielen als eine ernste Rolle, finde ich. Ich war sicher: Der schafft das hundertprozentig. Er hat uns mit ins Boot genommen, weil er einen realistischen Film machen wollte. Tag und Nacht haben wir miteinander telefoniert, auch mit dem Regisseur und den Bildnern und den Einrichtungsleuten.

Wie oft haben Sie den Film schon gesehen?

Wetzel: Fünfmal! Ich hab ihn vorab zusammen mit Bully geguckt, wo er die Rohfassung noch hatte und die Feinheiten gefehlt haben und da war ich von Anfang bis Ende gefesselt. Zum Schluss hatte ich totale Gänsehaut und mir liefen die Tränen runter – das ist mir noch nie passiert.

Ist durch die Verkürzung auf Filmlänge viel verloren gegangen?

Wetzel: Bully hat sinnvoll gekürzt. Das Wichtigste war drin. Ein bisschen Action wurde dazugedichtet, aber das ist minimal.

Apropos Action: Sie sind nachts gegen 2.30 Uhr in einer Nacht-und-Nebelaktion geflohen.

Wetzel: Das lief ab wie ein Uhrwerk. Am Tag der Flucht noch, das ist im Film nicht zu sehen, hat der Stasi-Nachbar uns geholfen, ohne es zu wissen: Er hat mit angepackt, als der Hänger mit dem Ballon aus Strelzyks Keller auf die Straße geschoben wurde. Der Ballon war ja unter Planen verdeckt. Er ist noch am Abend fertig geworden. Dann sind wir zu Familie Strelzyk hinaufgefahren und von da aus mit Moped und Auto weiter. Wir haben gar nicht mehr groß nachgedacht. Die anderen haben den Ballon vorbereitet und die Heringe eingeschlagen. Dann hieß es nur noch „Einsteigen“. Ich hab die Kinder genommen und wir sind ratzfatz los.

So berichtete die HNA am 17. September 1979 von der Flucht der beiden Familien.

Wusste aus der Gruppe jemand, wie man einen Ballon fliegt?

Wetzel: So richtig nicht. Mein Mann hat sich als Techniker aber vorstellen können, wie es geht. Er ahnte auch, was schiefgehen kann, aber das hat er nicht erzählt.

Während der Fahrt ging dann tatsächlich einiges schief.

Wetzel: Weil sich ein Haken nicht löste, hat sich der Ballon quergelegt und angefangen zu brennen. Frank Strelzyk hat gezogen und gezogen. Dann ist der Hering raus- und dem Frank quer über die Stirn geflogen. Er hat so geblutet, das vergess ich nie. Mein Mann konnte auch keinen Deckel mehr auf den Ballon nähen, um die heiße Luft für die Landung entweichen zu lassen. Er hat den Ballon deshalb oben zusammengenäht und das ist gerissen. Dann ging unterwegs das Gas zweimal aus. Das klingt blöd, aber wenn ich im Kino sitze, denke ich: Hoffentlich schaffen sie es. Ich saß da und hab bis zum Schluss geschwitzt (lacht).

Hatten Sie Angst, dass an der Grenze auf Sie geschossen wird?

Wetzel: Nein. Ich habe auf meine Söhne geachtet, wir haben Lieder gesungen. Dann ging wieder das Gas aus und der Ballon drehte sich und dann hat keiner mehr gewusst, wo wir waren. Und dann sind wir steil bergab, haben noch die hohen Baumwipfel gestreift und sind an einem Feldrand krachend gelandet. Wir hatten sehr viel Glück. Ich sage immer: Mein Vater, der schon 1969 gestorben ist, hat den Ballon über die Bäume geschoben. Ich hab ein halbes Jahr danach nicht schlafen können.

Warum?

Wetzel: Kurz bevor wir im Traum zu den Bäumen gefahren sind, bin ich schweißgebadet aufgewacht. Und ich hab Höhenangst, selbst beim Fensterputzen im ersten Stock. Bei der Fahrt war es zum Glück dunkel.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie in der Bundesrepublik gelandet sind?

Wetzel: Wir haben uns nach der Landung versteckt. Die Männer haben gesagt, sie gehen voraus und zünden eine Rakete, wenn es geklappt hat. Von Weitem kamen Scheinwerfer auf uns zu. Wir saßen da – oh Gott, das hat sich wie eine Ewigkeit angefühlt. Doch dann die Erleichterung: Die Polizisten aus Naila kamen zu uns und wollten das gar nicht glauben. Sie mussten die Maschinengewehre vom Rücksitz in den Kofferraum packen. Die haben erst gedacht, es kommen Terroristen.

Wie war das Gefühl, als Sie wussten, es hat alles geklappt?

Wetzel: Wir konnten das gar nicht verarbeiten. Der Polizeichef hatte seinen letzten Tag vor der Rente. Den haben sie geweckt und gesagt, es sei ein Ballon mit acht Leuten gelandet. Er hat gesagt: Ja, ich komm schon, ist klar, die wollen mich zum Schluss noch mal veräppeln. Außerdem sollten wir in einer Halle vom Roten Kreuz untergebracht werden. Dort war in der Nacht eine Übung angesagt und die dachten auch, es sei ein Witz. In Naila wurde bei einer Gartenparty bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Die Leute haben erzählt, sie dachten, es kämen Ufos, als sie die Lichter vom Ballon gesehen haben (lacht).

Was waren ihre Gründe für die Flucht?

Wetzel: Bei mir war es meine Pflegemutti. Sie ist 1974 zu meiner Schwester nach Nürnberg gereist und weil sie „nur“ meine Pflegemutter war, durfte ich sie nicht besuchen. Sie hatte dann mehrere Herzinfarkte. Wenn was gewesen wäre, hätte ich sie nie wieder gesehen. Das war der Grund, warum ich wegwollte.

Warum flohen Sie ausgerechnet im Heißluftballon?

Wetzel: Meine Schwester hat damals Verschiedenes in so einem doppelten Rucksack geschmuggelt, wenn sie von Nürnberg kam. Da war eine Zeitung mit Ballonfahrten dabei. Dadurch sind die Männer auf die Idee gekommen. Die haben immer diskutiert, wie wir flüchten könnten. Zu Fuß wären wir nie geflüchtet. Unser Leben und das unserer Kinder so aufs Spiel zu setzen – man kommt nicht über die Grenze mit Selbstschussanlagen und Minenfeldern. Das ist wie Kamikaze. Für sich selbst kann man das entscheiden, aber nicht mit den Kindern.

Nächstes Jahr jährt sich die Flucht zum 40. Mal. Wie aktuell sind die Erinnerungen an die Bilder, Ängste und Hoffnungen von damals?

Wetzel: Ich habe damals versucht, das schnell abzuhaken. Ich steig auch nie wieder in einen Heißluftballon ein. So schön wie das ist und so schön wie das aussieht, diese Erfahrung hat mir gereicht. Der brennende Ballon, den Frank zu sehen, wie er blutet und die Kinder dann im Arm zu haben – das hat gereicht. Die Erinnerungen sind dann erst mit dem Film wiedergekommen, als wir mit Bully darüber gesprochen haben.

Hintergrund: Filmvorführung mit Petra Wetzel

Das Kino Cinedrom in Bebra lädt am Montag, 5. November, um 19 Uhr zu einer Vorstellung des Films „Ballon“ ein. Zeitzeugin Petra Wetzel ist vor Ort und beantwortet im Anschluss an die Filmvorführung Fragen. Der Kontakt entstand über Wetzels Jugendfreundin Steffi König, die in der Region wohnt. Der Eintrittspreis beträgt 8 Euro und 8,50 Euro für die Loge. Das Kino empfiehlt, sich vorher Karten zu sichern. 

An den Folgetagen und im Dezember gibt es außerdem weitere Vorstellungen, bei denen Schulklassen den Film sehen können und im Anschluss mit Wetzel diskutieren und sprechen können. Hierfür nimmt das Kino Anmeldungen entgegen. Auch alternative Termine können besprochen werden.

Zur Person

Petra Wetzel wurde 1955 in Pößneck (Thüringen) geboren, wo sie bis zur Flucht im Heißluftballon lebte. Sie lernte in der Oberschule den Beruf der Technischen Qualitätskontrolleurin Metall. 1972 lernte sie ihren Mann Günter Wetzel kennen. Die beiden haben zwei Söhne, Peter und Andreas. Nach der Flucht zogen sie über Naila, Schauenstein und Hof nach Spiel. Seit diesem Sommer lebt Petra Wetzel in Pegnitz.

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