Planungen laufen seit 2019

Reisekoffer voller Geschichten: Neue Ausstellung im Bebraer Bahnhof ab November

Beeindruckend ist die Wand im ehemaligen Wartebereich der gehobenen Klassen mit etwa 170 Reisekoffern. Erzählt werden Geschichte und Geschichten rund ums Reisen und den Alltag am Bahnhof.
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Beeindruckend ist die Wand im ehemaligen Wartebereich der gehobenen Klassen mit etwa 170 Reisekoffern. Erzählt werden Geschichte und Geschichten rund ums Reisen und den Alltag am Bahnhof.

Seit Frühjahr 2019 entsteht im Inselgebäude in Bebra eine Ausstellung zur Geschichte des Bahnhofs. Am 7. November soll sie eröffnet werden. Wir haben uns vorab einen ersten Eindruck verschafft.

Bebra – Es ist still im Bebraer Inselgebäude. Beinahe zu still. Irgendetwas fehlt, doch es dauert einen Moment, bis die korrekte Frage klar ist: Wo sind die Zuggeräusche? Stadtentwickler Stefan Pruschwitz geht an die offenbar gut isolierten Fenster und lässt die Außenwelt herein. Sofort ist er da, der Kontrast von der konservierten Bahnhofsgeschichte der neuen Dauerausstellung zum Geschehen vor den Türen des Inselbauwerks inmitten des Gleisgeflechts.

Drei Bier für rund 50 Pfennig: Bebra und sein Bahnhof war auch immer eine geschäftliche Beziehung, wie die Texttafeln zu dieser alten Kasse im ehemaligen Restaurant verraten.

Pruschwitz gibt einen Einblick in die Ausstellung, die in eine Welt der Schwarz-Weiß-Aufnahmen von vollen Bahnsteigen entführt, von Wegweisern für Grenzkontrollstationen, von Kanzler Willy Brandt, der sich – natürlich mit Zigarette im Anschlag – aus einem Zugabteil lehnt. Sie sind fast zu hören, die Reisenden aus der Eisenbahner-Glanzzeit Bebras, als der Bahnhof ein Knotenpunkt nicht nur für den Nahverkehr gewesen ist. Zumindest, so lange die Fenster geschlossen bleiben.

Dass es im Inselgebäude an diesem Nachmittag so still ist, dürfte allerdings die Ruhe vor dem Sturm sein. Immer noch ist das 150 Jahre alte Bahnbauwerk, das seit gut drei Jahren aufwendig von der Stadt saniert wird, eine Baustelle. Allerdings eine, die erkennen lässt, wo die Reise hingeht. Zwar kann der Kassenbereich der Ausstellung noch nicht einziehen, weil der Boden im Mittelgebäude noch nicht frei ist und hier und da deutlich wird, dass Türen und Technik fehlen. Aber zumindest weiße Farbe ist an den Wänden, die Ausstellungsräume sind „zu 80 Prozent hergerichtet“, sagt Pruschwitz. Der Eröffnungstermin am 7. November, der mit einem Festakt im Lokschuppen gefeiert werden soll, sei dennoch „sportlich“.

Der Blick von der Galerie im Südkopf auf eines der beiden großen Bahnmodelle der Ausstellung. Gezeigt werden die Grenzbahnhöfe Bebra (links) und Gerstungen um 1975. Die trennende Grenze ist bewusst schlicht gehalten.

Für Kuratorin Dr. Anne Schmidt ist der „Marathon“ bald zu Ende. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet die Historikerin aus Berlin an der Ausstellung, mit der Eröffnung endet ihr Engagement in Bebra. Dass ein Projekt geschafft ist, dem so lange ihr beruflicher Fokus galt, macht Schmidt stolz – aber auch etwas wehmütig. Die Zusammenarbeit mit Ausstellungsgestalter Klemens Kühn, aber auch mit vielen engagierten Bebraer Helfern wie Stadtarchivar Peter Kehm und den Modellbauern um Lokführer Steven Kunz wird sie vermissen. „Wir sind fertig“, sagt Schmidt. Die Vitrinen, die Beleuchtung, alles ist an seinem Platz. Was jetzt noch passieren muss, liegt in den Händen der Handwerker.

Die Ausstellung erstreckt sich über 600 Quadratmeter im Erdgeschoss des mehr als 120 Meter langen Gebäudes, Im ehemaligen Bahnhofsrestaurant und dem Wartesaal für die Erste und Zweite Klasse (Nordkopf) wird der Zeitraum vom Aufbruch ins Eisenbahnzeitalter Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur Teilung Deutschlands erzählt. Im Wartebereich für die Klassen drei und vier Richtung Südkopf des Inselgebäudes heißt das Thema dann Grenzbahnhof Bebra.

„In Bebra wird es keine Objektflut geben, sondern einzelne Stücke, die eine Geschichte erzählen“, hatte die Kuratorin zu Beginn der Planung gesagt – sie hat sich daran gehalten. Der Weg durch die Bahnhofsgeschichte ist nicht mit Vitrinen gepflastert. Stattdessen sind die Räume beinahe spärlich eingerichtet. Der erste Eindruck: Wer unbedingt will, kann die Ausstellung wie Fast Food konsumieren und ist nach 20 Minuten fertig. Erledigt sind dann vielleicht ein Selfie mit einem der Aufsteller, die mit den Gesichtern von Bebraer Originalen verschiedene Eisenbahnerberufe erklären, ein Zwischenstopp bei den beiden großen Modellbahnanlagen und ein kurzer Blick in den ehemaligen Cafésaal, in dem nun mit einer Wand voller Koffer Geschichten vom Reisen erzählt werden.

Eine präzise Taschenuhr gehörte laut Ausstellung zur Ausrüstung eines jeden Lokführers. Details wie dieses machen den Alltag am Bahnhof Bebra greifbar. Im Hintergrund der Aufsteller eines Bebraner Eisenbahners.

Wer sich Zeit nimmt und dem nachspürt, was die Ausstellung zu erzählen hat, merkt allerdings, dass schnell zwei Stunden rum sind. Im ehemaligen Bahnhofsrestaurant etwa steht auf einer Theke eine Kasse aus dem Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert – die Ausstellungsmacher haben sie im Internet aufgestöbert. Das goldene Fundstück steht für das geschäftige Treiben an den Gleisen. Bebras Bahnhof bietet um den Jahrhundertwechsel Speisen und Getränke, 1907 kostet ein Viertelliter frischgezapftes Helles am Bahnsteig 15 Pfennig. 1928 kommt ein Frisör dazu, bei dem Wartezeiten am Umsteigehalt sinnvoll genutzt werden können. Bereits seit 1874 gibt es eine Bahnhofsbuchhandlung. Besonders beliebt: knackig-kurze Kriminalromane – passenderweise geht es damals oft um Morde in der Eisenbahn.

Es ist ein Beispiel dafür, dass beim Besuch nicht nur Eisenbahn-Fans auf ihre Kosten kommen. So war die Ausstellung auch nie gedacht, betont Stadtentwickler Stefan Pruschwitz: „Bebra war immer mehr als nur ein Bahnhof.“ Der Eisenbahnhalt wirke oftmals wie ein Brennglas für Geschichte, das Großes im Kleinen deutlich mache. Besonders gilt das für die Zeit als Grenzbahnhof, die gut die Hälfte der Ausstellung im Inselgebäude ausmacht.

Von Clemens Herwig

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