Bebra

Seniorin will ins Internet: Angehörige vermissen W-Lan und Festnetz in Heim in Bebra

Die Gebrüder Grunz sind der Überzeugung, dass ihnen die Gama-Geschäftsführung Märchen auftischt und nicht der Mensch, sondern Geld im Vordergrund steht.
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Die Gebrüder Grunz sind der Überzeugung, dass ihnen die Gama-Geschäftsführung Märchen auftischt und nicht der Mensch, sondern Geld im Vordergrund steht.

Der Weg zum Internetanschluss für eine 82-jährige Bewohnerin des Gama-Altenhilfezentrums in Bebra war sehr mühsam. Das kritisieren ihre beiden Söhne. Die Geschäftsführung weist diese Kritik zurück.

Bebra - Zwei Brüder aus Hannover und Niederbayern kritisieren die Geschäftsleitung des Gama-Altenhilfezentrums in Bebra. Die Mutter der beiden gebürtigen Bebraner wird seit gut einem Jahr in der Einrichtung am Bahnhof betreut. Eigentlich sind Roland und Volker Grunz sehr zufrieden – außer damit, dass der Weg zum Internetanschluss für die 82-Jährige sehr mühsam gewesen sei. Die Gama-Geschäftsführung weist die Kritik zurück. Die Gama-Geschäftsführung weist die Kritik zurück.

Besonders in Corona-Zeiten seien die Einschränkungen in den Altenzentren groß, betonen die Brüder Grunz. Die Bewohner verließen ihre Zimmer stellenweise tagelang nicht. „Handy und Internet sind ihre einzigen Möglichkeiten, mit der Außenwelt zu kommunizieren“, sagt Roland Grunz über seine Mutter. Die Söhne leben weit von ihrer Geburtsstadt entfernt und halten auch über Videotelefonie Kontakt. Hauptsächlich geht es den Brüdern aber um die Freizeitgestaltung der 82-Jährigen: Die Bebranerin sei bei der Internetnutzung recht fit und habe vor dem Einzug ins Altenhilfezentrum gern auch die Mediathek von ZDF und ARD genutzt. Das Unverständnis der Angehörigen ist groß, dass es laut Gama nicht möglich sein soll, ihrer Mutter Zugang zum Einrichtungs-W-Lan zu gewähren. „Man hat mir zu verstehen gegeben, dass das nicht vorgesehen ist und es auch keine Bestrebungen gibt, das auf absehbare Zeit zu ändern“, sagt Roland Grunz.

Gama-Geschäftsführer Ulrich Marth erklärt das mit der Sicherheit des Anfang 2020 eingerichteten Firmennetzwerkes, das für die Umstellung von einer papiergestützten auf eine elektronische Datenverarbeitung bei Pflegeplanung und Pflegedokumentation nötig gewesen sei. Sicherheit und Stabilität des Netzwerkes seien bei einer Nutzung durch die Bewohner mit den der Gama zur Verfügung stehenden Mitteln nicht mehr zu gewährleisten. Betroffen seien dann möglicherweise auch die „besonders schützenswerten Bewohnergesundheitsdaten“. Die Kritik kann er nicht nachvollziehen.

„Der Sprung ist vielleicht etwas kurz“, sagt Volker Grunz über die Haltung der Gama. Und betont: „Die Silversurfer werden mehr werden“ – auch durch den Wunsch, der Isolation in der Corona-Pandemie zu entkommen. Gemeint sind ältere Menschen, die den Umgang mit dem Internet beherrschen. Die Brüder können nicht glauben, dass in einem modernen Haus – das Altenhilfezentrum am Bahnhof wurde vor acht Jahren eröffnet – kein sicheres W-Lan sowohl für die Einrichtung als auch die Bewohner möglich ist. Mit ihrem Vorstoß wollen sie erreichen, dass zumindest künftige Bewohner möglicherweise von einer Diskussion profitieren. Denn die Söhne haben ihre Mutter nun selbst mit Internet versorgt, über eine Mobilfunklösung. Sie setzen damit eine Anregung der Gama-Leitung um, die einen mobilen LTE-Router vorgeschlagen hatte.

„Wir sind nicht die typischen Nörgler“, betont Volker Grunz. „Was mir aber widerstrebt ist die Art, wie wir abgefertigt wurden.“ Einen ersten Kontakt wegen des W-Lans gab es bereits im Dezember vergangenen Jahres, über die „heiße Phase, in der es auch Tote gab, haben wir aber nicht weitergebohrt“. Auf eine erneute Nachfrage im Februar sei dann keine Rückmeldung mehr gekommen. „Die Gama wirbt mit Lebensqualität im Alter – das klingt wie Hohn“, sagt Volker Grunz. Zumal die Bewohner des Altenhilfezentrums auch keinen eigenen Telefonanschluss haben. Den Namen ihrer Mutter halten die beiden bewusst aus der Zeitung heraus. „Wir wollen nicht, dass sie die Leidende unseres Vorstoßes ist.“

Die Gebrüder Grunz sind der Überzeugung, dass ihnen die Gama-Geschäftsführung Märchen auftischt und nicht der Mensch, sondern Geld im Vordergrund steht.

Geschäftsführung weist Kritik zurück

Die Kritik von Volker und Roland Grunz will Gama-Geschäftsführer Ulrich Marth so nicht stehen lassen: „Unsere Bewohner sind in aller Regel hochbetagt und stark pflegebedürftig. Daher ist die Nachfrage nach eigenen Internetanschlüssen sehr gering.“ Gama unterhält neben Bebra auch Einrichtungen in Ersrode, Schlüchtern (Main-Kinzig-Kreis) und Fritzlar (Schwalm-Eder). In der Eisenbahnerstadt und Ersrode werden 181 Pflegeplätze von 121 Mitarbeitenden betreut.

„Mir sind nicht mehr als zwei bis drei Bewohner je Einrichtung bekannt“, so Marth über die Internetnutzung der Bewohner. Diese nutzten alle die Möglichkeit eines Laptops mit Mobilfunkkarte. Das Angebot der Gama richte sich nicht an Silversurfer: „Der Altersdurchschnitt liegt derzeit bei über 85 Jahren. Mit steigender Tendenz.“ Zudem würden den Bewohnern insbesondere seit der ersten Pandemie-Welle mehrere Smartphones zu Verfügung gestellt, damit sie mit Unterstützung der Pfleger ein Videotelefonat mit Angehörigen führen können. Roland und Volker Grunz halten das für eine höchstens vorübergehende und wenig individuelle Lösung: Sie müssten dabei immer einen Termin vereinbaren, wenn sie mit ihrer Mutter sprechen wollen.

Die Reaktion der Angehörigen kann der Gama-Geschäftsführer nicht nachvollziehen: Er habe nach dem ersten Austausch den Sachverhalt durch einen externen IT-Partner prüfen lassen, das Ergebnis mitgeteilt und einen LTE-Router vorgeschlagen. „Wenn für die Brüder oder Frau Grunz das Thema Internetzugang per W-Lan so überragend wichtig ist, hätten sie ihre Entscheidung für einen Pflegeplatz in unserer Einrichtung nach diesem K.O.-Kriterium ausrichten können.“ Die Rahmenbedingungen seien vor Einzug bekannt gewesen. Jeder Interessierte werde darüber umfassend informiert. Auch beim Bau des Altenhilfezentrums 2012 sei flächendeckendes W-Lan nicht Standard gewesen, betont Marth.

„Sehr wohl beschäftigen wir uns damit, wie es gebäudetechnisch und mit welchem finanziellen Aufwand möglich ist, ein eigenes W-Lan-Netzwerk zu realisieren, welches keine Verbindung mit dem Firmennetzwerk hat.“ Die Lösung solle für alle Bewohner nutzbar sein und keine Insellösung. Mit Blick auf die Kosten für alle Bewohner müssten mit dem Träger der Sozialhilfe aber Pflegesatzverhandlungen geführt werden. Daher sei es derzeit nicht möglich, eine seriöse Zeitplanung zu erstellen. „Wir planen auch zukünftig nicht die Einführung von Festnetztelefonie“, so Geschäftsführer Marth über den Standort Bebra. Ein Telefonanschluss im Zimmer sei keine Leistung, die eine Pflegeeinrichtung im Rahmen der Grundleistungen vorhalten müsse.

Stattdessen könne in der heutigen Zeit jeder Bewohner mit einem eigenen Mobiltelefon (etwa einem Seniorenhandy) entscheiden, zu welchen Konditionen er welchen Anbieter und welche Leistungen buchen will. Für diese Lösung habe man sich 2012 in Bebra entschieden, denn diese sei zukunftsgerichtet. Zudem sei sie für die meisten Bewohner mit deutlich geringeren Kosten verbunden als ein eigener Hauptanschluss im Zimmer oder die entgeltliche Nutzung einer von der Gama eingerichteten Nebenstelle. (Clemens Herwig)

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