In der Kindertagesstätte prägte sie Generationen

Maritta Heese hört nach 42 Jahren als Leiterin der Kita in Breitenbach auf

Maritta Heese vor dem alten Kindergarten im Breitenbacher Fuhrmannweg. Heute steht nur noch das Satteldach, das über den undichten Flachdachbau gesetzt wurde, der 2002 auch zu den Opfern des Hochwassers zählte.
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Am Ort, wo alles anfing: Maritta Heese vor dem alten Kindergarten im Breitenbacher Fuhrmannweg. Heese selbst hat den Treffpunkt vorgeschlagen: Zum einen, weil Corona einen Besuch in ihrer Kita Pusteblume schwierig macht. Und weil die Kinder sie lange nicht gehen lassen, wenn sie dorthin zu Besuch kommt.

Als Maritta Heese 1978 mit gerade einmal 20 Jahren die Leitung des Breitenbacher Kindergartens übernimmt, teilt die innerdeutsche Grenze die Bundesrepublik noch in zwei Hälften. Es ist eine andere Zeit damals, ein anderes Deutschland – ein anderes Verständnis von Kinderbetreuung.

Breitenbach – „Wir waren die Basteltanten“, sagt die 62-Jährige, die nun in Altersteilzeit geht und lange dafür gearbeitet hat, mehr zu sein als nur eine Animateurin für Kinder mit Kleber, Schere und Faltpapier.

In ihren 42 Jahren als Chefin der Kinderbetreuung hat Heese gleich mehrere Generationen des Bebraer Ortsteils geprägt. Die Schützlinge von damals, die ihre „Frau Heese“ immer auf Trab gehalten haben, bringen heute die eigenen Kinder zur Betreuung.

Der Weg der gebürtigen Gilfershäuserin ist früh vorgezeichnet: Mit 16 Jahren, den Realschulabschluss frisch in der Tasche, geht es in ein Vorpraktikum. Der Abstecher in den Betreuungsalltag ist ihr wichtig, es ist ein Test: „Habe ich die Nerven, die Power für den Job?“ Es sind Grundvoraussetzungen für die Arbeit als Erzieherin, zu denen Heese auch „die Liebe am Kind, an der Arbeit mit Menschen und ganz viel Empathie“ zählt. Es folgt die Ausbildung zur Erzieherin, vier Jahre nach ihrem Schulabschluss wird sie Leiterin. Auf drei Betreuerinnen kommen damals jeweils 25 Kinder.

Aus dem Kindergarten ist eine Kita mit 13 Erzieherinnen und, immer noch eher selten, drei Erziehern geworden. Es hat sich viel verändert – die Chefin ist geblieben. „Ich konnte mir nie vorstellen, einen anderen Beruf zu machen. Bei so vielen Kindern ist mindestens ein schönes Erlebnis pro Tag garantiert.“ Auch ihr eigener Sohn besuchte die Breitenbacher Kita. „Er hatte es sicher nicht immer einfach“, schmunzelt die 62-Jährige.

Einen Einschnitt wie die Corona-Pandemie „hat es noch nicht gegeben“, sagt die Frau mit 42 Jahren Überblick. Allein die Logistik, damit sich Gruppen bei der Betreuung nicht durchmischen, sei eine Herausforderung gewesen. „Das hat viel Kraft gekostet.“ Am ehesten noch vergleichbar: die Katastrophe von Tschernobyl. „Wir durften nicht mehr raus zum Spielen oder in den Wald. Der Sand im Sandkasten wurde ausgetauscht. Da hatten wir wirklich Angst.“ 1986 dauerte der Ausnahmezustand allerdings nur einige Wochen.

Maritta Heese hat sich mit Glückssteinen und Schutzengeln von jedem Kita-Kind verabschiedet – ein kalter Entzug ist nicht geplant, die Besuche sollen aber immer weniger werden. Ihr Bild im Flur, neben den Aufnahmen des restlichen Kita-Teams, hat sie abgehängt – „ein komisches Gefühl“, sagt sie.

Was lässt sie zurück? Aus den Basteltanten sind mittlerweile Beobachter mit Bildungsauftrag geworden. Was läuft gut bei den Kindern, wo gibt es Defizite – längst sind Erzieher auch Erziehungspartner der Eltern. „Junge Mütter brauchen heute viel mehr Hilfe“, hat Heese beobachtet. Das liege auch am Wandel der Familien, mehrere Generationen unter einem Dach seien selten geworden – selbst in ihrem „Dorfkindergarten“, in dem Entwicklungen stets verzögert ankommen, merkt sie das. Zudem bringen die Kinder mehr Probleme mit: Das fange beim Sozialverhalten an und reiche bis zur Sprachbarriere durch einen Migrationshintergrund. Manchmal vermisst sie die nötige Konsequenz bei den Eltern, die Bereitschaft, zu einer Ansage zu stehen. Einige Kinder würden mit Spielsachen statt mit der nötigen Zeit überschüttet. Weil sie viele Eltern als Kind selbst betreut hat, fragt sie sich oft: „Ist das meine Schuld?“

Ihren Ausgleich hat Maritta Heese immer beim Radfahren, Reisen und Schwimmen gefunden – im Sommer trifft man sie täglich im Biberbad. Viele Jahre lang verkaufte sie Schmuck auf zahlreichen Märkten in der Region. „Da kannte man mich“, sagt sie. Jetzt freut sie sich auf mehr Zeit zum Reisen. Wohin soll’s gehen? „Vor allem nach Ostdeutschland, weil ich das noch nicht so gut kenne.“

Melanie Buchal übernimmt die Kita-Leitung

Die Verabschiedung als langjährige Leiterin der Kindertagesstätte Pusteblume hatte sich Maritta Heese anders vorgestellt: Die geplante Party mit Freunden, Kollegen und Kita-Eltern musste coronabedingt ausfallen. Übrig blieb ein Abschied im kleinsten Kreis und an der frischen Luft. Viele lobende Worte mit reichlich Wehmut fanden die Kollegen, der Elternbeirat und Vertreter der Stadt Bebra, darunter Bürgermeister Stefan Knoche. Heeses Nachfolgerin im Storchenweg in Breitenbach wird Melanie Buchal.

Von Clemens Herwig

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