Zusagen aus dem Jahr 1995

Am Sparda-Bank-Gebäude: Kunstwerk lässt Grundstücksdeal in Bebra kurzzeitig stocken

Weg vom „hässlichen Entlein“: vorn das Gebäude mit der Sparda-Bank-Filiale und dem Kunstwerk von Wilhelm Schlote, im Hintergrund das zweite verkaufte Bauwerk. Der Erlös soll zur Sanierung der städtischen Mietgebäude verwendet werden.
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Weg vom „hässlichen Entlein“: vorn das Gebäude mit der Sparda-Bank-Filiale und dem Kunstwerk von Wilhelm Schlote, im Hintergrund das zweite verkaufte Bauwerk. Der Erlös soll zur Sanierung der städtischen Mietgebäude verwendet werden.

Die Stadt Bebra verkauft für rund eine halbe Million Euro Grundstücksflächen mit einer Größe von 2360 Quadratmetern am Bahnhof samt zwei daraufstehenden Gebäuden.

Bebra – Darunter ist auch die Filiale der Sparda-Bank. Der Bebraer Investor Engin Demir will die Gebäude neu strukturieren, optisch und energetisch sanieren und gegebenenfalls aufstocken. Für die Stadt ist es eine Gelegenheit, die Häuser mit „absolutem Sanierungsstau“ (Bürgermeister Stefan Knoche) mit dem Plus einer städtebaulichen Aufwertung loszuwerden. Durch ein Kunstwerk aus den 90er-Jahren gerieten die Pläne allerdings kurzzeitig ins Stocken.

Die Vorgeschichte

Die Grundstücke und Gebäude gehörten bis Ende 2008 der Bahn, für die Stadtsanierung und den Bau der heutigen Südspange (ab 2013) kaufte Bebra den Besitz des Unternehmens auf. Auf den Grundstücken gibt es 44 öffentliche Parkplätze, die nicht Teil des aktuellen Deals sind und bestehen bleiben, betont Bauamtsleiter Patrick Schuster. Die Bahn ist Mieter des Hauses in der Kurve der Bahnhofstraße – vom Röse-Kreisel kommend am Graffiti zu erkennen. Auch die Sparda-Bank ist geblieben.

Das Kunstwerk

Das Bild von Wilhelm Schlote kennen in Bebra viele – den dazugehörigen Vertrag offenbar wenige. Der Künstler hatte 1995 zum Auftakt des Projekts Stadtgalerie des Kulturzugs, dem Bebra unter anderem auch seine bunten Reisekoffer in der Innenstadt verdankt, die Fassade der Bankfiliale gestaltet. Bei der Beratung zum Verkauf in den Ausschüssen legte Sozialdemokratin Ingeborg Schubert, die auch stellvertretende Vorsitzende des Kulturzugs ist, eine Vereinbarung vor.

Wilhelm Schlote

Der Zeichner, Karikaturist und Autor von 35 Kinderbüchern Wilhelm Schlote (75) ist kein Unbekannter: Ab 1980 erstellte er seine Städteplakate und Auftragsarbeiten für eine Vielzahl deutscher Städte, aber auch Rom, Amsterdam und New York. Zahlreiche Zeitungen veröffentlichten seine Zeichnungen. Der Künstler bezeichnet seinen Stil selbst als „Krickelkrakel“.

Laut Vertrag von 1995 ist die Stadt Eigentümerin des Kunstwerks und muss auch eventuelle Restaurierungskosten tragen. Zudem verpflichtete sich die Bahn als damaliger Besitzer des Gebäudes, das Gemälde selbst bei baulichen Veränderungen zu erhalten. Das sollte grundbuchrechtlich gesichert werden und auch für nachfolgende Eigentümer gelten – was nie passiert ist. Im Kaufvertrag zwischen Bahn und Stadt taucht der Passus nicht mehr auf.

Die Diskussion

„Eine moralische Verpflichtung haben wir aber möglicherweise“, so Rathauschef Knoche im Parlament. Der Investor sei bereit, dass Kunstwerk zu berücksichtigen. Abhängig vom Umfang der Neustrukturierung biete er an, das Bild nachmalen zu lassen, die Wand für ein neues Werk zu verputzen oder im Falle einer Aufstockung zumindest einen Teil des Bildes zu erhalten. Der Künstler habe sämtliche Rechte abgetreten. „Ich fände es schade, wenn dieses Werk komplett verschwinden würde. Es ist zwar nicht die Mona Lisa, war aber damals der Auftakt für ein dauerhaftes Kunstprojekt“, so Ingeborg Schubert für die SPD.

Die CDU wollte dagegen die Möglichkeit einer städtebaulichen Aufwertung nicht verstreichen lassen. „Schick soll es werden. Wollen wir da im Wege stehen und auf die Bremse drücken? Ich sage Nein“, sagte Martin Windolf für seine Fraktion. Wer zu Hause das Wohnzimmer renoviere und neu tapeziere, müsse auch mal „Opa Heinrich“ nach 26 Jahren von der Wand nehmen.

Es folgte die Suche nach einer Formulierung, die das Kunstwerk schützt, ohne den Investor zu verprellen. Schließlich einigte sich eine knappe Mehrheit auf die weitgefasste Ergänzung, dass „eine einvernehmliche Lösung zur Neugestaltung“ gefunden werden soll (18 Ja-Stimmen, 16 Gegenstimmen, eine Enthaltung). Dem eigentlichen Verkauf der Grundstücke und Gebäude stimmten die Stadtverordneten geschlossen zu.

Der Investor

Engin Demir verspricht eine „100-prozentige Rücksprache“ mit der Kommune und den derzeitigen Mietern, die der Investor halten will. Beurkundet werden soll der Kauf noch dieses Jahr. Eine Bestandsaufnahme ist im Frühjahr geplant. Abhängig von den Möglichkeiten vor Ort, Zuschüssen und der gewerblichen Nutzung seien Co-Working-Räume, Appartements und „eine Art Hostel“ an der Bahnhofstraße denkbar. Erste Ideen wurden Bebras Politik im September vorgestellt. Veröffentlichen will der Investor die Entwürfe noch nicht.

Auch Isi Home war interessiert

Das Bebraer Unternehmen plant auf dem Bode-Gelände bis zu 65 Wohnungen und wollte das Nachbargrundstück für einen Durchgang zum höherliegenden Bahnhof samt Fahrstuhl nutzen. Isi Home gab mit rund 613 000 Euro das höchste Angebot ab, legte laut Stadt den Schwerpunkt aber auf den Erhalt der Bausubstanz. 

„Wir wollen nicht das hässliche Entlein sein“, so Demir auch mit Blick auf die Pläne für das Bode-Gelände. „Mit 200 000 Euro ist das nicht getan.“ Je nach Ausbau rechnet er mit Investitionen von bis zu drei Millionen Euro. Für das Projekts soll eine familiär geführte GbR gegründet werden. Wirtschaftliche Aspekte stünden nicht an erster Stelle. Er lebe seit mehr als 40 Jahren in der Eisenbahnerstadt. „Ich liebe Bebra ganz einfach.“ (Clemens Herwig)

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