Antrag im Parlament

Viele Flächen widerrechtlich zu Ackerland gemacht: SPD Bebra will Feldwege zurück

Hier sollte eigentlich ein neun Meter breiter Feldweg sein: Gerhard Schneider-Rose (SPD Bebra) verdeutlicht das Verschwinden einer für Insekten und Co. wichtigen Fläche in Breitenbach. Die Warnwesten markieren die Wegesränder.
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Hier sollte eigentlich ein neun Meter breiter Feldweg sein: Gerhard Schneider-Rose (SPD Bebra) verdeutlicht das Verschwinden einer für Insekten und Co. wichtigen Fläche in Breitenbach. Die Warnwesten markieren die Wegesränder.

Die SPD in Bebra will Flächen für den Naturschutz zurückholen – und zwar von den Landwirten.

Bebra – Der Vorwurf: Über Jahrzehnte seien Feldwege samt ihrer ökologischen Bedeutung verschwunden oder deutlich geschrumpft, weil sie widerrechtlich als Acker genutzt wurden. Nun sollen sie wiederhergestellt oder der Verlust mit Ausgleichsflächen kompensiert werden. Es ist kein Bebra-exklusives Thema. Die Sozialdemokraten sind sich durchaus bewusst, dass eine Entscheidung in der Eisenbahnerstadt eine Art Präzedenzfall im Kreis schaffen könnte.

Mit „umfangreichen Recherchen“ haben die Bebraer Sozialdemokraten nach eigenen Angaben 17 verschwundene Feldwege mit einer Gesamtlänge von 2940 Metern aufgespürt. Die verlorene Fläche für den Naturschutz: etwa 13.740 Quadratmeter. Die Ackerrandstreifen seien wichtig für Insekten, Feldvögel, Feldhamster und Co. Ausgangspunkt der Recherchen waren Daten des Umweltministeriums aus dem Hessischen Programm für Agrarumwelt- und Landschaftspflege-Maßnahmen (Halm): Die dort verfügbaren Karten wurden herangezogen, um die früheren Wege aufzuspüren, deren Fehlen vor Ort auch dokumentiert wurde.

Der SPD geht es um die die biologische Vielfalt entlang der Felder: Dort befänden sich derzeit vor allem riesige Flächen, auf denen durch moderne Bearbeitungsmethoden und Pestizide nur die gewünschten Nutzpflanzen überlebten. „Unser Vorstoß soll zeigen, ob es funktioniert“, sagt Fraktionschef Gerhard Schneider-Rose. Er hofft darauf, dass neben Bebra weitere Kommunen im Kreis mitziehen. Das Problem: Bei Neuvermessungen entstehen Kosten. Wer soll das zahlen? „Die Verursacher“, sagt Schneider-Rose. Welcher Landwirt den Feldweg zum Acker gemacht habe, lasse sich aber im Zweifel nicht mehr feststellen. Letztlich müssten sich dann die Eigentümer sowie die Kommunen die Kosten teilen.

Die SPD schlägt daher neben der Rückumwandlung in Graswege auch vertraglich vereinbarte Ausgleichsflächen am Ackerrand vor. Dabei sollen die örtlichen Naturschutzverbände miteingebunden werden. In Bebra müsste sich dafür die Feldwegesatzung ändern. Abstimmen soll das Stadtparlament in der Sitzung am heutigen Donnerstag (Beginn: 19 Uhr). Die SPD setzt auf ein Umdenken bei den Landwirten. „Schön wäre es, wenn die Ackerrandstreifen ohne weitere Drohungen wieder die Breite erhalten, die sie laut Flurkarte haben“, so der Fraktionschef.

Der Kreisbauernverband Hersfeld-Rotenburg streitet nicht ab, dass es ein Problem gibt. „Das wird fast überall diskutiert und es müssen Lösungen gefunden werden“, sagt die stellvertretende Verbandsgeschäftsführerin Stefanie Wittich-Vogel. Allerdings ginge das nur gemeinsam mit den Landwirten. „Ich wehre mich dagegen, dass über die Köpfe der Landwirte entschieden wird“, so die Vertreterin der Bauern, von denen die Pflege der Wegesränder häufig in der Praxis umgesetzt werde.

Bauernverband weist Pestizid-Kritik zurück

Einen Vorwurf der SPD will der Kreisbauernverband so nicht stehenlassen. „30 Prozent der Welternte fallen Schädlingen zum Opfer“, sagt Stefanie Wittich-Vogel. Landwirte seien für einen maßvollen Einsatz von Pestiziden geschult. Es gelte: „So wenig wie möglich und so viel wie nötig.“ Bei den Feldwegen in Bebra gehe es zudem um vergleichsweise wenige Quadratmeter. Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg würden 1700 Hektar als ökologische Vorrangflächen angelegt. Allein beim Projekt „Hessens Landwirtschaft blüht für Bienen“ seien 600 Kilogramm Blühstreifensaatgut an die Landwirte im Kreis gegangen – das reiche für 600.000 Quadratmeter Blühstreifen.

Feldwege seien bundesweit über die Jahre hinweg verschwunden oder schmaler geworden – auch durch den Einsatz moderner und breiterer Arbeitsgeräte. Aber: „Natürlich müssen sich die Landwirte an ihre Grundstücksgrenzen halten“, so Wittich-Vogel. Eine pauschale Verurteilung sei allerdings unangebracht: „Es ist nicht immer so, wie es scheint.“ Stellenweise gebe es Pachtverträge zwischen Landwirten und Kommunen oder es lägen bereits Ausgleichsflächen für Feldwege vor, von denen viele zudem bereits vor Jahrzehnten verschwunden seien. Den aktuell wirtschaftenden Bauern könne dann kein Vorwurf gemacht werden.

Auch Kreislandwirt Horst Taube räumt ein, dass aus einigen Feldwegen schleichend Ackerland geworden ist. „Das ist nicht richtig, das gebe ich ohne Weiteres zu“, so der Landwirtschaftsmeister aus Blankenheim. Absicht will er den Kollegen in vielen Fällen aber nicht unterstellen. Taube befürchtet, dass der SPD-Antrag zum Schwarz-Weiß-Denken bei Naturschützern und Bauern führen könnte. Der Kreislandwirt wirbt daher dafür, mit der Stadt als Vermittlerin eine gemeinsame Lösung zu suchen und sich die „grobe Keule“ für uneinsichtige Landwirte aufzusparen. (Clemens Herwig)

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