Vorstellung am 6. Juni in der Hoehlschen Buchhandlung

Stadtarchivar Peter Kehm veröffentlicht Buch über den Bahnhof Bebra

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Die Bahnhofsgeschichte kennt nicht nur „gut Wetter“: Stadtarchivar Peter Kehm mit seinem Buch auf der Eisernen Brücke. 

Der Bahnhof ist der Grund dafür, dass Bebra vom Dorf zur Stadt wurde. Stadtarchivar hat nun ein Buch darüber geschrieben.

Wenn im elterlichen Obstgarten in der Göttinger Straße geerntet wurde, hatte Peter Kehm als Kind anschließend schwarze Finger: Ende der 50er-Jahre lag die Eisenbahnerstadt Bebra häufig unter dunklen Rußwolken. Das Mittagessen brachte Kehm zu Fuß zum Vater ins Stellwerk an der Eisernen Brücke und bestaunte dort mit großen Augen die Dampfloks. Jetzt hat der 73-Jährige – nach drei Jahren Recherche – ein Buch über den Ort veröffentlicht, der sein Leben geprägt hat.

Dunkle Wolken über Bebra: der Blick auf den dampfumhüllten Bahnhof Ende der 50er-Jahre. Für die Loks musste man mindestens 15 Prozent der qualitativ schlechteren amerikanischen Kohle verwenden. Die rußte und qualmte wegen des höheren Aschegehalts deutlich stärker.

„Bahnhof Bebra – Die Geschichte eines Eisenbahnknotens in der Mitte Deutschlands“ heißt sein knapp 200 Seiten starkes Werk, das der Geschichte des Herzstücks der Biberstadt mit rund 350 Bildern Leben einhaucht. „Ich kann mich auch um eins verzählt haben“, sagt Kehm mit seinem schiefen Grinsen. Die Fotos waren gleichzeitig auch die größte Herausforderung für das Debüt des Autors, der seit zehn Jahren im Bebraer Stadtarchiv arbeitet: „Wir haben tausende Bilder – und es steht nichts drauf“, sagt er. Kein Wer-macht-da-gerade-was, kein Wo und Wann. Die Zuordnung sei nicht einfach gewesen.

Peter Kehm hat durchaus schon über die Bahn geschrieben, etwa in der jährlichen Ausgabe von „Rund um den Alheimer“ des Rotenburger Geschichtsvereins. Vielleicht hätte es ohne Wolfgang Klee aber nie ein Buch von ihm gegeben. Klee arbeitet bei der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte (DGEG), die beiden stehen häufiger wegen alten Bahnfotografien in Kontakt. Im November 2015 bittet er den Stadtarchivar um Hilfe bei der Verwirklichung eines alten Traums: ein Buch über den Bahnknoten Bebra. Kehm kommt ins Grübeln. Eine Woche später schreibt er zurück: „Nach reiflicher Überlegung möchte ich mit Ihrer Hilfe Ihren und nun auch meinen Traum erfüllen.“ Als Veröffentlichungstermin wird das Jahr 2019 ins Auge gefasst – zum 1250-jährigen Stadtjubiläum.

Über Bebra geht viel, nach Bebra nichts: Willy Brandt verlässt am 19. März 1970 im Sonderzug den Grenzbahnhof und Eisenbahn-Knotenpunkt Bebra in Richtung Erfurt (Foto rechts). Er ist auf dem Weg zum ersten Besuch eines Bundeskanzlers in der DDR. Hinten rechts an der Wand lehnt Peter Kehm.   

Doch wie starten? Die Masse an Informationen zum Bahnhof aus dem Stadtarchiv und aus Kehms privater Sammlung – 18 Aktenordner mit Zeitungsartikeln, Bildern und Urkunden zur Bahn in Bebra – müssen sortiert werden. Am Ende hat der Bebraner 64 Themen-Ordner. Kommt ihm ein Geistesblitz, schreibt er ihn auf einen Schmierzettel und legt ihn in die entsprechende Mappe – für spätere Recherchen.

„Manchmal hat man Lust, manchmal hat man keine“, sagt Peter Kehm über das Schreiben. Es gibt Wochen in den drei Jahren, in denen sein PC schon mal aus bleibt. Schon früh entscheidet Kehm, dass die Bahnanlagen eine wichtige Rolle spielen: 70 Prozent der Stellwerke, Lokschuppen und Verwaltungsgebäude der Eisenbahner rund um den Bahnknoten Bebra sind mittlerweile verschwunden. „Man sieht heute nicht mehr das Bebra, das die alten Eisenbahner gesehen haben“, sagt der Autor. Es wird das zweite Kapitel seines Buches – es wird nicht das persönlichste.

Das ist der Umsiedler- und Interzonenverkehr am einstigen Grenzbahnhof Bebra. Geboren in Bad Hersfeld (zwar am 1. April 1946, „aber nicht als Aprilscherz“) ist Peter Kehm trotzdem Bebraner durch und durch. Vater Helmut und Großvater Adam waren beide Eisenbahner, er selbst arbeitete 49 Jahre für die Bahn. Doch Mutter Hildegard Kehm stammte aus Wandersleben in Thüringen.

Peter Kehms Eltern bei ihrer Verlobung im Jahr 1944 in Wandersleben in Thüringen.

In den letzten beiden Jahren des Zweiten Weltkrieges schreiben die Mädchen aus Wandersleben ermutigende Briefe an die Front. Auch Soldat Kehm bekommt Post – und er schreibt zurück, besucht die Frau, deren spätere Briefe mit „Mein lieber Helmut“ beginnen. Bei Kriegsende ist er in Österreich, zu Fuß macht er sich auf nach Thüringen, zu seiner Hildegard. Die beiden heiraten im Sommer 1945. Als klar wird, dass Thüringen russische Besatzungszone wird, flüchten die Kehms Hals über Kopf nach Bebra – auf Fahrrädern, über Feldwege. Mit dem Zug gibt es kein Durchkommen mehr. „Meine Mutter war im Endeffekt ein Flüchtling, nur eben über 70 statt 7000 Kilometer“, sagt Peter Kehm.

Durch die nahe Zonengrenze finden die verworrenen Schicksale und die Not der Menschen in der frühen Nachkriegszeit in der Region um Bebra zuerst ihren Niederschlag, heißt es in Kehms Buch. Viele sind von ihrer Heimat abgeschnitten, wollen nach Hause: „Stellen Sie sich 20 000 Menschen auf einem Bahnhof vor“, sagt Peter Kehm. Bebraer Familien teilen ihr letztes Brot mit den Umsiedlern. An manchen Tagen kommen die Bebraer Bäcker nicht mehr hinterher. Auch das gehört zur Geschichte des Bahnknotens, wie die goldene Zeit des Interzonenverkehrs wenig später.

„Ich hatte es einfach, ich habe vieles bereits vorgefunden“, sagt Peter Kehm. Aus dem Stadtarchiv kommen große Mosaiksteinchen seines Buches. Sein Vorgänger Hans Möller und viele alte Bahnkollegen und Eisenbahnfans haben ebenfalls immer wieder tatkräftig mitgeholfen. Am 6. Juni will er sein Buch in der Hoelschen Buchhandlung in Bebra vorstellen, Beginn ist um 19 Uhr. Mit Lesung? „Keine Ahnung“, sagt der 73-Jährige. Er lässt das alles gelassen auf sich zukommen: „In meinem Alter regt mich das nicht mehr auf.“

Schaufel "auf die Stirn gepflastert"

Peter Kehm schildert die Anfänge des Bahnhofs Bebra, beschreibt die Entwicklung der Eisenbahnanlagen und des Eisenbahnverkehrs und die Beziehung „Bebra und die Deutsche Bahn AG“. Folgende Geschichten zum Schmunzeln stammen aus dem Kapitel „Bebras Eisenbahngeschichte: Bemerkenswertes, Lustiges“. 

Hitziger Heizer und boxender Inspektor: Im August 1950 berichtet die Kasseler Post von einem Bebraer Eisenbahnerhaus, in dem alle Mieter ein rotes Kreuz im Kalender machen, wenn ein Tag friedlich bleibt. Zur bis dahin wildesten Rauferei kommt es an Pfingsten. Das Drama beginnt damit, dass die Frau des Inspektors mit ihrer großen Wanne und die Frau des Oberinspektors mit einem Korb auf der Treppe nicht aneinander vorbeipassen. Kurze Zeit später streitet das ganze Haus. Der Inspektor verdreht dem Heizer den Daumen, die Inspektorfrau stürzt sich auf die Heizerfrau und „man beginnt munter zu raufen“, bis der Inspektor dem Heizer eine Schaufel „auf die Stirn pflastert“. Der verdreht die Augen und geht zu Boden. Der Fall beschäftigt das Gericht zwei Jahre lang. 

Die Honigschleuder: Der Bebraer Fäkalienwagen, im Volksmund liebevoll Honigschleuder genannt, sammelt in den 50er-Jahren seinen „Nektar“ im gesamten Amtsbezirk Bad Hersfeld ein. Die Fäkalien werden einfach an bestimmten Böschungen abgelassen, Proteste gibt es dagegen nicht – die Bauern sind froh, wenn gedüngt wird. 

Ahnungsloser Ami: Ein amerikanischer Soldat sucht 1955 in Bebra den „Buff“. Ein Eisenbahner weist ihm lächelnd den Weg zur Umladehalle bei Lispenhausen – dort stehe der „Buf“ (Bebra-Umladebahnhof-Fahrdienstleiter).

„Bahnhof Bebra – Die Geschichte eines Eisenbahnknotens in der Mitte Deutschlands“, DGEG Medien, Preis: 34,80 Euro.

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