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Ein dickes Buch fürs Osternest: Das steht in der Bebraer Chronik zum Stadtjubiläum

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Zwei am Ziel: Stefan Engel (links) und Ralph Fischer mit der frisch gedruckten Chronik.

Die Geschichte einer Stadt anlässlich einer Jahrhundertfeier nachzuzeichnen und als dritte Chronik auf den Markt zu bringen, ist ein Wagnis.

Bebras ehemaliger Bürgermeister Uwe Hassl ist es 2016 mit Stefan Engel als Koordinator, sechs weiteren Autoren, dem bewährten Layouter Ralph Fischer und hilfsbereiten Zuarbeitern eingegangen – und Stadt und Bürger haben gewonnen.

Auf zwei Paletten gestapelt liegen seit ein paar Tagen 2000 Exemplare der „Chronik der Stadt Bebra – 1250 Jahre“ im Foyer des Rathauses zum Verkauf bereit. Der Coronakrise geschuldet müssen sie bei Bürgermeister Stefan Knoche vorab bestellt werden, damit sie noch vor Ostern ausgeliefert und als vielfarbiges Osterei ins Bäwersche Osternest gelegt werden können.

Dann kann geschmökert und nachgelesen werden, wie Bebra über Jahrhunderte und Jahrzehnte hinweg zu dem wurde, was es heute ist: „Eine aus dem Dornröschenschlaf erwachte Stadt, die ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen braucht“, wie es der alte und der neue Bürgermeister in ihrem gemeinsamen, sehr persönlich gehaltenen Grußwort formulieren. Stefan Engel spricht für die Autoren die vielen hundert Stunden ehrenamtlich geleisteter Arbeit an, das angeregten Diskutieren, das mühevolle Recherchieren, das freudige Schreiben und Gestalten von 264 Appetit auf Geschichte anregenden Seiten.

Anliegen der Autoren war es vor allem, bislang nur wenig beachtete Epochen der Geschichte der Biberstadt, vor allem „die dunklen Jahre“ zwischen den Weltkriegen, zu erhellen. So berichtet Stefan Engel unter der Überschrift „Mit Begeisterung in den Kampf“ vom Eintreffen des Mobilmachungsbefehls am 2. August 1914 um sechs Uhr morgens, von aufkommenden „Fake News“, von „hysterischem Hamster-Raffen“, und auch vom Tod von Sally Rothfels, der als erster Bebraner an der Westfront fiel. Dabei bezieht er sich insbesondere auf die Geschichtsschreibung des von ihm kritisch gesehenen Berufskollegen Hans Neumann, dem es bei seiner Heimatforschung vor allem um das Zeichnen von „Stimmungsbildern“ und weniger um das Erforschen von Ursachen gegangen sei.

Verdienstvoll sind die Ausführungen von Gerhard Rabe über Bebra als NSDAP-Hochburg, den Beginn des Zweiten Weltkriegs, den großen Luftangriff auf Bebra, der mit eindrucksvoll großen, mühevoll bearbeiteten Luftaufnahmen unterlegt wird, und die vor fast genau 75 Jahren erfolgte Übergabe der Stadt an die Amerikaner.

Wesentlichen Raum nimmt neben der Entwicklung von Dorf und Stadt sowie von Bahn und Post auch die von Uwe Hassl ausgearbeitete „Bürgermeistergalerie“ sowie die Darstellung des Schulwesens und der religiösen Vielfalt Bebras ein. Zu ihr gehört die von Gerhard Rabe umfangreich aufbereitete Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde. Dass „Zugezogene“ und „Ausländer“ die Eisenbahnerstadt bereichert haben, verdeutlicht Ulrich Rathmann, und Stefan Engel geht auf die mit Knaresborough und Friedrichroda bestehenden Städtepartnerschaften ein.

Gerade Engel merkt man an, dass sein „bislang zeitaufwendigstes und langwierigstes Projekt“ etwas ganz Besonderes war und dass im kongenialen Zusammenwirken mit Ralph Fischer, dem grafischen Kopf des abwechslungsreich und gut lesbar gestalteten, 264-seitigen Buches, etwas Großartiges herausgekommen ist. Auch wenn sich nicht für alle angedachten Themen Autoren fanden, auch wenn es durchaus so war, dass Texte mehrfach überarbeitet und mit nicht immer leicht zu findenden, passenden Fotos versehen werden mussten. Das Fazit des bald 50-Jährigen: „Eigentlich müsste das Buch reißenden Absatz finden und in jedem Bebraer Bücherschrank stehen. Das wäre der schönste Lohn für all unsere Arbeit, für die wir der Stadt nicht einen Cent in Rechnung gestellt haben.“

Was sonst noch in der Chronik steht

Neben vielen interessanten Abhandlungen – von Martin Ludwig beispielsweise gut lesbare Aufsätze zur Vor- und Frühgeschichte – enthält die neue Bebraer Chronik, der man noch ein paar mehr aktuelle Fotos „gegönnt“ hätte, historische Namensverzeichnisse sowie Listen mit den Namen der Gefallenen und der Kriegsopfer, ein Flurnamenverzeichnis und einen Einwohnerspiegel. Als markante Gebäude werden insbesondere der Bitzenhof, die erste Apotheke, das Haus Amelunxen und die TSV-Turnhalle vorgestellt. Peter Kehm gibt über eine Abhandlung von Lothar Vaupel hinaus einen tabellarischen Überblick über 180 Jahre Bahngeschichte, und Hans-Jörg Wittich sorgt mit seinem „von Aank bis Zwallje“ reichenden, kleinen „Wörterbuch der Bäwerschen Mundart“ dankenswerterweise dafür, dass diese hoffentlich auch in Zukunft nicht in Vergessenheit gerät

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