Projekt passt nicht ins Einzelhandelskonzept

Thomas Philipps: Streit um Ansiedlung von Sonderpostenmarkt in Bebra

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Seit langem Leerstand: Weil der Bau- und Gartenmarkt auf das Nachbargrundstück umgezogen ist, steht das alte Toom-Gebäude am Wiesenweg seit 2011 leer. Zwischenzeitlich diente es als Flüchtlingsunterkunft.

Die Ansiedlung eines Sonderpostenmarktes der Kette Thomas Philipps im Gewerbegebiet Süd in Bebra wurde zunächst auf Eis gelegt - auch, weil der Nachbar Rotenburg Bedenken hat.  

Es kracht derzeit zwischen Rotenburg und Bebra: Nach dem Streit um eine mögliche Streckenführung der geplanten Bahntrasse Fulda-Gerstungen an der Fuldastadt vorbei nach Bebra sorgt nun die Ansiedlung eines Sonderpostenmarktes von Thomas Philipps im Bebraer Gewerbegebiet Süd für Zündstoff. Das Regierungspräsidium (RP) Kassel hat den Plänen zunächst eine Absage erteilt – auch, weil der Nachbar Rotenburg Bedenken hat. 

Bebra wäre nach dem Rückzug aus Friedlos und Heringen der einzige Thomas- Philipps-Standort im Landkreis. Die Kette für Sonderpostenmärkte will gemeinsam mit der Investorenfamilie Demir das ehemalige Toom-Gelände am Wiesenweg wiederbeleben. 

In Rotenburg wird dadurch eine Schwächung des eigenen zentralen Versorgungsbereichs befürchtet. Besonders das Einkaufszentrum sei in Gefahr, heißt es in der Stellungnahme von Bürgermeister Christian Grunwald an das RP. Im gut erreichbaren Bebraer Gewerbepark sei es in den vergangenen Jahren mit dem Herkules-Markt und der Lidl-Vergrößerung verstärkt zur Ansiedlung innenstadtrelevanter Sortimente gekommen. Gemeint ist damit alles, was in einen Einkaufskorb passt: Von Nahrung über Bekleidung bis Bücher und Schreibwaren. Der Trend solle nun weiter verstärkt werden. 

Sonderpostenmarkt bräuchte Sondergenehmigung

Für die Ansiedlung eines großflächigen Einzelhandels – geplant sind 1800 Quadratmeter Verkaufsfläche – braucht es die Zustimmung der Regionalversammlung. Das Gelände des ehemaligen Toom-Markts in Bebra ist als Gewerbegebiet vorgesehen. Die Ansiedlung von Einzelhandelsbetrieben ist dort nur beschränkt zulässig. Der Standort müsste als Sondergebiet ausgewiesen werden. 

Das kollidiert sowohl mit Zielen des Regionalplans Nordhessen von 2009 als auch des Landesentwicklungsplans Hessen 2000. Die Regionalversammlung Nordhessen müsste eine Abweichung zugestehen, den Beschlussvorschlag erarbeitet das RP Kassel. Derzeit sei das aussichtslos, heißt es vom RP Kassel auf den Antrag aus Bebra. Neben Rotenburg hatten auch die Industrie- und Handelskammer und der Einzelhandelsverband Hessen-Nord Einwände. 

Ein Knackpunkt: Das Projekt passt nicht in das Einzelhandelskonzept der Zubra-Kommunen Rotenburg, Bebra und Alheim aus dem Jahr 2009, das die Absicht zur Zusammenarbeit betont. Für das Gewerbegebiet wird Einzelhandel mit innenstadtrelevanten Sortimenten ausdrücklich nicht empfohlen. Bebras Bürgermeister Uwe Hassl ist sauer über das „unüberlegte Schreiben“ des Amtskollegen. Er befürchtet, dass Bebra „die Ansiedlung jetzt wohl durch die Lappen geht und der Investor in die Röhre schaut“. „Wir warten die Entscheidung der Stadt Bebra ab“, sagt Automobile-Geschäftsführer Engin Demir. Das Familienunternehmen will im ehemaligen Toom-Markt am Wiesenweg in Bebra mehr als zwei Millionen Euro investieren.Thomas Philipps äußerte sich auf Anfrage unserer Zeitung nicht.

Das Bebraer Parlament soll jetzt den Weg frei machen

Ziel des gemeinsamen Entwicklungskonzepts für den Einzelhandel sei die Stärkung der sogenannten zentralen Versorgungsbereiche, sagt Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald. In der Fuldastadt sind das die Breitenstraße und der Steinweg bis zum Einkaufszentrum, in Bebra der Bereich um das be!. Der Anteil des innenstadtrelevanten Sortiments außerhalb dieser Zentren soll zehn Prozent nicht überschreiten. Das sei mit der Thomas-Philipps-Ansiedlung der Fall. Eine Abstimmung unter Nachbarkommunen zu Vorhaben dieser Größenordnung sei verwaltungsmäßiges Tagesgeschäft, so Grunwald.

Die Gutachten des Entwicklungskonzepts und der Regionalplanung seien antiquiert und passten nicht mehr zu Bebra, sagt Bürgermeister Uwe Hassl. „Es muss mit entsprechendem Sachverstand gutachterlich nachjustiert werden.“

Am Mittwochabend sollen zunächst die Ausschüsse des Bebraer Stadtparlaments darüber diskutieren, ob der Antrag auf Sondergenehmigung für den Gewerbepark bekräftigt wird. Bei der Sitzung am 14. November könnten die Stadtverordneten über die Zukunft des Einzelhandelkonzepts entscheiden. Der Vorschlag: Das Projekt soll aktualisiert und auf die Kommunen Cornberg, Ronshausen und Wildeck ausgeweitet werden.

Nicht nur die Nachbarstadt hat Bedenken

Damit sollen die Rotenburger Einwände gegen die Thomas-Philipps-Ansiedlung aus dem Weg geräumt werden. Doch auch der Einzelhandelsverband Hessen-Nord hat Bedenken. Bebra habe, mit erheblicher Förderung durch das Land, beim Einzelhandel in der Innenstadt vieles richtig gemacht. „Durch eine Ansiedlung eines Sonderpostenmarktes wird die Besucherfrequenz wieder aus der Innenstadt abfließen“, heißt es in der Stellungnahme. Rund 1000 Quadratmeter seien für innenstadtrelevantes Sortiment vorgesehen.

Zudem habe Thomas Philipps die Bereiche Lebensmittel, Getränke, Reinigungsmittel und Ähnliches erweitert. Der Anteil am Sortiment betrage mittlerweile gut 50 Prozent. Allein die wöchentliche Werbung ziehe Käufer aus der Innenstadt ab. Die Verkaufsstrategie ziele also nicht nur auf Impulskäufer.

Eine Ansiedlung des Sonderpostenmarktes sei mit dem Integrationsgebot des Regionalplans Nordhessen nicht vereinbar, heißt es von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg. Negative Auswirkungen auf die zentralen Versorgungsbereiche in Bebra, Rotenburg und Alheim seien zu erwarten. Diese könnten nachhaltig geschwächt werden. Auf 44 Prozent der Verkaufsfläche des Sonderpostens in Bebra sei ein zentren- und nahversorgungsrelevantes Sortiment geplant, das für 53 Prozent des Umsatzes sorgen solle.

Thomas Philipps sei keine Gefahr für die Innenstadt, hatte Expansionsleiter Uwe Speckmann bei der Vorstellung der Pläne im Juni gesagt. Das sei durch ein Gutachten der BBE Handelsberatung belegt. Das Unternehmen hatte 2009 auch das Einzelhandelskonzept der Zubra-Kommunen ausgearbeitet.

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