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„Top, die Wette gilt“: Bebra riskiert Stadtfest für mehr Brandschützer

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Von: Clemens Herwig

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Legen Feuer an die Rotenburger Hoffnungen auf ein gesponsortes Kartoffelfest: von links SEB-Chef Stefan Pruschwitz, Stadtbrandinspektor Mike Heckroth und Kernstadt-Wehrführer Frank Rosier mit Carsten Henjes – der Handwerker ist Bebras neuestes Feuerwehrmitglied und ein erster Wetterfolg.
Legen ein Feuer an die Rotenburger Hoffnungen auf ein gesponsertes Kartoffelfest: von links SEB-Chef Stefan Pruschwitz, Stadtbrandinspektor Mike Heckroth und Kernstadt-Wehrführer Frank Rosier mit Carsten Henjes – der Handwerker ist Bebras neuestes Feuerwehrmitglied und ein erster Wetterfolg. © Clemens Herwig

Mit einer augenzwinkernden Aktion will Bebra die Aufmerksamkeit auf ein ernstes Thema lenken: Die Stadt und ihre Freiwilligen Feuerwehren werben um Brandschützer und setzen bei einer Wette das Stadtfest aufs Spiel.

Bebra – Die Idee: Die Wehren müssen in einem Jahr 100 neue Mitglieder gewinnen, sonst fällt nicht nur die eigene Feierei flach – die Biberstadt sponsert auch noch das Kartoffelfest in Rotenburg mit 1500 Euro und löscht den Durst der Nachbarn mit 50 Litern Freibier.

Hintergrund

Bei den Wehren im Kreis wird die Personaldecke vor allem tagsüber dünner. „Wir sind nicht auf Rosen gebettet“, sagt Vize-Kreisbrandinspektor Martin Orf. Ein Symptom seien viele Fusionen. „Wenn wir tatkräftige Leute in die Einsatzabteilungen bekommen, wird etwas richtig gemacht“, sagt er über die Wette in Bebra. Den Wehren blieben etwa die Hälfte der Helfer beim Wechseln von der Jugend- in die Einsatzabteilung erhalten, so Kreisjugendwart Stephan Albracht.

Ausgerechnet die Fuldastadt, mit der Bebra eine liebevolle Rivalität pflegt. Ausgerechnet das Kartoffelfest, um das es einst Aufregung gab, weil der Termin mit der Bebraer Kirmes zusammenfiel. „Der Wetteinsatz soll die Leute anstacheln. Es muss richtig wehtun“, sagt Stefan Pruschwitz, Chef der Stadtentwicklung SEB. Dort wurde das Projekt gemeinsam mit den Brandschützern ausgeheckt. Bebras Wehren mit 251 Aktiven in den Einsatzabteilungen und 114 Nachwuchskräften würden bei Erfolg um ein gutes Drittel wachsen. „Das ist sehr ambitioniert“, räumt Stadtbrandinspektor Mike Heckroth ein. „Aber wenn es jemand schafft, dann die Bebraner.“

In Rotenburg kommt die Wette gut an: „Wir reiben uns schon die Hände“, scherzt Bürgermeister Christian Grunwald mit Aussicht auf ein Kartoffelfest auf Bebras Kosten. Dann wird der Rathauschef, selbst Feuerwehrmann, ernst: „Wir wollen die Wette gar nicht gewinnen. Die Bebraner sollen sich bei der Ehre gepackt fühlen und in die Wehren gehen.“ Sind die Nachbarn erfolgreich, will der Sportkreisvorsitzende als fairer Verlierer bei der Hauptversammlung der Wehren mit 100 Litern Freibier gratulieren.

Der Hintergrund der lustigen Aktion ist nicht zum Lachen: „Es ist immer schwieriger, neue Einsatzkräfte zu mobilisieren“, sagt Feuerwehrchef Heckroth. Ein Beispiel aus der Kernstadt: Idealerweise bräuchte die Wehr 67 Aktive – derzeit sind es 46. Die Einsätze seien mithilfe der Ortswehren noch zu stemmen. Doch weil für Feuerwehrleute mit 65 Jahren Schluss ist, drohen weitere Lücken. Gerade in der Tagesalarmbereitschaft fehlten bereits Einsatzkräfte. Der Stadtbrandinspektor betont, dass die Wette keinen Druck aufbauen soll. „Wir wollen aber wachrütteln.“ Übersetzt heißt das: Bebras Feuerwehr sucht keine Karteileichen, sondern engagierte Helfer für ein Ehrenamt auf Leistungssport-Niveau.

Ernster Hintergedanke hinter der Wette der Feuerwehr

Die Biberstadt hat das „Top, die Wette gilt ausgerufen“ und fordert seine Bürger heraus: Tretet in die Feuerwehr ein, oder die Rotenburger Nachbarn feiern auf unsere Kosten. Die Wette läuft bis zum Bebraer Frühlingserwachen 2023 und ist das Ausrufezeichen einer Werbekampagne, die sich die Stadt rund 5000 Euro kosten lässt.

„Man macht sich über die Feuerwehr zu wenig Gedanken: Die kommt schon, wenn es brennt“, sagt Stefan Pruschwitz. Der Geschäftsführer der Stadtentwicklung SEB nimmt sich dabei nicht aus – und setzt als einer der Ersten seine Unterschrift unter den sogenannten Aufnahmegesuch als Brandschützer. Schneller ist nur Carsten Henjes. Der 45-jährige Handwerker mit eigenem Betrieb wird dank der Wette der erste neue Feuerwehrkamerad in Bebra. 98 werden damit noch gesucht – ob in der Kinder- und Jugendfeuerwehr oder in den Einsatzabteilungen spielt keine Rolle.

Hoffen auf jemanden, der die Schutzausrüstung ausfüllt: von links Wehrführer Frank Rosier und Florian Bode von der Kernstadt-Feuerwehr.
Hoffen auf jemanden, der die Schutzausrüstung ausfüllt: von links Wehrführer Frank Rosier und Florian Bode von der Kernstadt-Feuerwehr. © Herwig, Clemens

Der Wettstreit der Nachbarn hat eine lange Tradition (siehe Artikel unten. „Wenn es nicht klappt, laden wir alle Bebraner natürlich herzlich zu unserem Kartoffelfest ein“, kann sich der Rotenburger Marketingchef Torben Schäfer daher eine Spitze nicht verkneifen. Die Wette packt nicht nur die Bebraner bei der Ehre: Auch in Rotenburg wird mit dem Gedanken gespielt, eine Challenge auf die Beine zu stellen. „Wir müssen den Bebranern im Zweifel ja die Chance geben, ihren Einsatz zurückzugewinnen“, sagt Bürgermeister Christian Grunwald mit Augenzwinkern. Beide Rotenburger betonen aber auch den Ernst, der hinter der spielerischen Fassade steht.

Darauf wird auch in Bebra Wert gelegt. „Die Wette ist nicht einfach eine lustige Idee“, betont Bürgermeister Stefan Knoche. Im Frühjahr wurden erneut die Stärken und Schwächen der Feuerwehren abgeklopft. Das Ergebnis: „Wenn wir jetzt nicht beginnen, in allen Bereichen um neues Personal zu werben, wird es auf lange Sicht immer schwieriger, die Einsatzbereitschaft im erforderlichen Maße zu gewährleisten“, sagt Stadtbrandinspektor Mike Heckroth.

Der schlimmste Fall: Die Feuerwehr wird zu einem Einsatz gerufen, hat aber nicht genug Einsatzkräfte, um wirklich helfen zu können. Diese Tendenz zeichne sich in vielen Kommunen ab. „Das Wichtigste ist das Personal, ohne Mitglieder bringen auch neue Fahrzeuge nichts“, sagt Heckroth.

Mit Plakaten und in den sozialen Medien wirbt Bebra daher unter dem Motto „Du kannst alles sein“ für die Vielseitigkeit der Feuerwehr. Auch eine neue Internetseite für die Brandschützer wurde eingerichtet. Im Herbst sollen zudem junge Menschen zu Wort kommen, die bereits „in Feuerwehrklamotten stecken“. Dafür gab es jüngst ein großangelegtes Fotoshooting mit den Kinder- und Jugendwehren im Inselgebäude am Bahnhof. Für den 22. Juli ist außerdem ein Konzert auf dem Bebraer Rathausmarkt mit der Band Partyfürsten geplant, bei dem für die Feuerwehren geworben wird und auch die Aufnahmegesuche ausliegen, die für die Wette so wichtig sind.

Deren „Wettpaten“ geben sich zuversichtlich: Bis zum Frühjahr soll Geld gesammelt werden, um die 100 neuen Kameradinnen und Kameraden auch ausstatten zu können, sagt Stadtbrandinspektor Heckroth. Und selbst wenn Bebras „Wetten, dass...?“-Schriftzug traurig im Kartoffelfest-Bierglas versinken sollte: Gewinnen werden letztlich alle, so die Initiatoren. feuerwehr-bebra.de

(Clemens Herwig)

Wer schrubbt am schnellsten? Darum ging es zwischen Villa-Bebra und Villa-Rotenburg bereits erstmals im Sommer 2007. Unser Bild zeigt – von links – Stefan Knoche, damals Bebras Stadtmarketingchef, mit seinem Rotenburger Amtskollegen Stefan Brand.
Wer schrubbt am schnellsten? Darum ging es zwischen Villa-Bebra und Villa-Rotenburg bereits erstmals im Sommer 2007. Unser Bild zeigt – von links – Stefan Knoche, damals Bebras Stadtmarketingchef, mit seinem Rotenburger Amtskollegen Stefan Brand. © Peter Gottbehüt

Gelebte Städte-Rivalität hat eine lange Tradition

Ein Wettspiel mit der Nachbarstadt? Das hat in Bebra eine lange Tradition. Und so fing’s im Sommer 2007 an: „So, Sie sind dann also der Herr Brand aus der verfeindeten Nachbarstadt?“, sagte dereinst Stefan Knoche, damals frisch gebackener Stadtmarketingchef in Bebra, beim ersten Zusammentreffen mit seinem Rotenburger Amtskollegen Stefan Brand.

Die Idee eines gemeinsamen Städtewettbewerbs der beiden Kommunen war geboren. Zeitgleich auf beiden Marktplätzen vor den jeweiligen Rathäusern traten damals Villa-Bebra gegen Villa-Rotenburg im Tellerspül-Derby an. „Kennt eigentlich noch jemand die beiden Städte Villariba und Villabajo, die immer um die Wette geschrubbt haben?“, fragt Stefan Knoche. Diese Geschichte aus der Fernseh-Spülmittelwerbung in den 1980er-Jahren nahmen Brand und Knoche damals als Vorlage für den gemeinsamen Städtewettbewerb.

Auf den spanisch dekorierten Marktplätzen wurden jeweils zwei riesige Pfannen mit einem Durchmesser von zwei Metern aufgebaut, um darin die erste nordhessische Paella zuzubereiten. 500 Portionen standen in jeder Stadt zum Verzehr bereit. Nach dem Essen feiern? Nein – natürlich nicht. Denn dann ging es eigentlich erst richtig los. Zwei Teams mit je zehn Spülern traten gegeneinander zum großen „Spitzenspül“ an um zu zeigen, welche Stadt die beste Spülstärke hat. Gewonnen hatte, wer zuerst eine festgelegte Anzahl von Tellern und dem dazugehörigen Besteck sauber gespült und abgetrocknet hatte.

Und wie ging’s aus? Der erste Wettstreit endete noch mit einem salomonischen Jury-Urteil unentschieden.

Großzügig erklärte sich Bebras damaliger Bürgermeister Horst Groß daraufhin bereit, das 50-Liter-Fass Freibier beim Nachbarn auszuschenken – im Gegenzug fuhr Rotenburgs Erster Stadtrat Franz Toby dann nach Bebra. Und damit der Ball bildlich gesprochen „im Spül“ blieb, wurde das erfolgreiche Städte-Derby in den folgenden Jahren als großer Spaß für alle Beteiligten noch mehrmals wiederholt (Peter Gottbehüt)

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