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Uznamen: Weiteröder sind als Stripper bekannt

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Von: Wilfried Apel

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2019 beim letzten großen Kirmesfestzug: Mit wie immer bestens aufgelegten Stripperinnen und Strippern freut sich Weiterodes Ortsvorsteher Andreas Nölke (mittendrin) über den neuen, fast lebensecht nachgebauten Stripper.
2019 beim letzten großen Kirmesfestzug: Mit wie immer bestens aufgelegten Stripperinnen und Strippern freut sich Weiterodes Ortsvorsteher Andreas Nölke (mittendrin) über den neuen, fast lebensecht nachgebauten Stripper. © Wilfried Apel

Fast jeder Ort hat ihn: einen Uznamen. Meist vergeben von benachbarten Dörfern sind die Spitznamen voller Spott, Neid oder gar Überheblichkeit. Aber wie sind diese Namen einst entstanden?

Weiterode – Bebras größter Stadtteil, das inzwischen aus dem Gleisdreieck Erfurter Strecke – Berliner Kurve – Frankfurter Strecke – herausgewachsene Dorf Weiterode, ist ja für einiges bekannt. Etwa dafür, dass dort lange und intensiv Kirmes gefeiert wird und dass es vor Ort nach Meinung von Altlandrat Dr. Karl-Ernst Schmidt das beste „Gehacktes“ des ganzen Kreises gibt. Aber nicht dafür, dass die Weiteröderinnen regelmäßig Striptease veranstalten.

Trotzdem sind die Weiteröderinnen und vor allem die dort lebenden Angehörigen des männlichen Geschlechts im Nachbarort Ronshausen und in anderen, dem Ulfedorf besonders zugeneigten Kreisen als Stripper bekannt. Lassen sie also vielleicht doch, um sich in ganz besonderen Situationen in Hochstimmung zu versetzen, „oben- und untenrum“ auf interessante Art und Weise die Hüllen fallen? Man kann es nicht ausschließen, aber der Uzname der Weiteröder und Weiteröderinnen hängt ganz eindeutig mit der Entstehungsgeschichte des Dorfes und einer früheren Erwerbsmöglichkeit zusammen.

2007 bei der 950-Jahrfeier: Georg König beim Weidenstrippen und Horst Holstein (hinten) beim Anfertigen eines Henkelkörbchens. Vor Holstein liegen von links gerade gestreifte weiße, frisch geschnittene grüne und abgelagerte braune Weidengerten.
2007 bei der 950-Jahrfeier: Georg König beim Weidenstrippen und Horst Holstein (hinten) beim Anfertigen eines Henkelkörbchens. Vor Holstein liegen von links gerade gestreifte weiße, frisch geschnittene grüne und abgelagerte braune Weidengerten. © Wilfried Apel

So stellte der Rotenburger Dekan Friedrich Lucae schon um 1700 im „Edlen Kleinod“ fest: „Vorzeiten stand hier selbst ein großes Weidengebüsch und dergleichen Wildnis. Nachdem man es ausrodete und den Grund zum Fruchtland bequem machte und dabei ein Dorf anlegte, bekam dasselbe den Namen Weidenrode.“ Genau so wird der Ort schon in der vom Kloster Hersfeld ausgestellten Ersterwähnungsurkunde von 1057 bezeichnet, und über Wytenrode, Whytinrade und Witterode wandelte er sich dann zu Weiterode. Der Bezug zu den noch heute an den Ufern der Ulfe wachsenden Weiden war zu allen Zeiten gegeben, und bis in das letzte Jahrhundert hinein dürfte es so gewesen sein, dass die Weiden aus dem Landschaftsbild nicht hinweggedacht werden konnten, wie das Weiteröder Urgestein Karl Heise in einem Beitrag für eine Kirmesfestschrift schreibt.

Die Weiden hatten für die Weiteröder großen Nutzen, denn mit und aus Weidenruten konnte schon immer viel gemacht werden. Wegen ihrer Biegsamkeit und Zähigkeit waren Weidengerten, auch Fitzgerten genannt, geschätzte Hilfsmittel beim Bau von Häusern. Sie dienten zum Anbinden der Dachstöcke bei Stroh- und Rohrdächern und zum Spriegeln der Lehmdecken. Aber auch zur Absicherung von Uferabbrüchen und Böschungen, zur Verflechtung zu Zäunen und natürlich zur Herstellung von Körben und anderen Gebrauchsgegenständen.

Da sich der Uzname Stripper vom mundartlich verwendeten Beinamen „Widenstripper“, der ja eine Tätigkeit widerspiegelt, ableitet, kann man vermuten, dass in Weiterode Weidenruten in größeren Mengen geschnitten, gewässert und „gestreift“ – von der Rinde gelöst – und verarbeitet worden sind. Auch wenn es keine Hinweise auf eine gewerbliche Korbflechterei in und um Weiterode gibt. Die Weiteröder lassen sich auf jeden Fall gerne als Stripper bezeichnen. Das unterstreichen zwei an den Ortseinfahrten aufgestellte Schilder, die einen vom Weiteröder Karikaturisten Thomas Quitsch aus der Taufe gehobenen Stripper zeigen. Vor der letzten großen Kirmes wurde der dann „fast lebensecht“ nachgebaut und nach Stripperart frech und frei präsentiert. (Wilfried Apel)

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