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Vater und Tochter aus Bebra radeln 230 Kilometer zur Reha in Niedersachsen

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Von: Clemens Herwig

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Auf Radtour zur Reha-Klinik: Enrico Wübbold und Tochter Sofia beim Start in Bebra. Weil das Rad des Vaters („Ein Schnäppchen für 60 Euro bei Ebay-Kleinanzeigen“) mit Anhänger so schwer ist, schiebt er bergauf.
Auf Radtour zur Reha-Klinik: Enrico Wübbold und Tochter Sofia beim Start in Bebra. Weil das Rad des Vaters („Ein Schnäppchen für 60 Euro bei Ebay-Kleinanzeigen“) mit Anhänger so schwer ist, schiebt er bergauf. © Clemens Herwig

Es ist die rührende Geschichte einer Familie aus Bebra, die auf ihren Urlaub verzichtet, damit Vater und Tochter 230 Kilometer zur Reha radeln können.

Bebra – Es ist heiß am Montagvormittag auf dem Fulda-Radweg R1 zwischen Bebra und Rotenburg. Gegen die pralle Sonne ist auch das bisschen erfrischender Fahrtwind machtlos. 26 Grad sind es gegen 11 Uhr. Tendenz steigend. Sofia ist das egal: Die Sechsjährige aus Bebra tritt in die Pedale. „Ja, Tschö!“ ruft sie auf die Frage, ob sie ihren Papa abhängen will.

Das Vater-Tochter-Gespann Wübbold ist aufgebrochen zu seiner großen Fahrt. Mehr als 230 Kilometer wollen sie in neun Tagen zurücklegen. Das Ziel: Eine Reha-Klinik in Niedersachsen, die auf Sprachtherapien für Kinder spezialisiert ist. Sofia sucht häufig noch nach den richtigen Worten, derzeit hilft ihr Sprach-PC „Anna“ – wir berichteten. Auf dem Fahrrad ist Quatschen aber überflüssig. Sofia quietscht vor Vergnügen. Kurz für ein Foto anhalten? Nein, viel zu langweilig. Sie will fahren.

Gute Wünsche und gute Nacht: Die Kinder der „Gelben Gruppe“ der katholischen Kita St. Marien mit Erzieherinnen Sabrina Aschenbrenner (rechts) und Mareike Stück überraschen ihre Spielgefährtin beim Start mit selbstgebastelten Plakaten.
Gute Wünsche und gute Nacht: Die Kinder der „Gelben Gruppe“ der katholischen Kita St. Marien mit Erzieherinnen Sabrina Aschenbrenner (rechts) und Mareike Stück überraschen ihre Spielgefährtin beim Start mit selbstgebastelten Plakaten. © Clemens Herwig

Vater Enrico Wübbold strampelt hinterher und hält anfangs etwas mühsam das Gleichgewicht auf seinem treuen Bauer-Rad. Auf dem Gepäckträger sind zwei Zelte, Luftmatratzen und Schlafsäcke festgeschnallt, der Fahrradanhänger ist beinahe zum Bersten gefüllt. Ein roter Plastikeimer baumelt dort neben einer gelben Badeente – im Notfall für die Notdurft, erklärt Wübbold. Nach etwa zwei Kilometern hat der Familienvater sein Gefährt im Griff, außer es geht bergauf – dann schiebt er lieber.

Lispenhausen ist schon in Sicht, als das Duo die erste Trinkpause einlegt und das erste Problem entdeckt. Der Karton mit Knabbereien ist im Anhänger unter zahlreichen Getränkeflaschen, einem Gaskocher, einer Handaxt und vielen Tütengerichten („Dosen sind viel zu schwer“) vergraben. Papa Enrico Wübbold entschärft die Situation, indem er ein Mittagessen mit Pommes in Rotenburg verspricht.

Eine Radfahrerin fragt im Vorbeirollen: „Na, geht’s los?“. Sie hat die beiden wohl erkannt. Die Geschichte der Familie, die auf ihren Urlaub verzichtet, damit Vater und Tochter zur Reha radeln können, hat Kreise gezogen. Medienhäuser bis nach München berichteten über die Fahrt, zahlreiche Menschen haben ihre Hilfe angeboten. Enrico Wübbold hat es noch nicht geschafft, ihnen allen zu antworten. „Das Telefon klingelt die ganze Zeit. Ich hätte nie erwartet, dass es so einschlägt“, sagt er dankbar.

Helfer haben ein neues Kinderfahrrad für Sofia organisiert, bei den Wübbolds daheim liegen mittlerweile acht Luftmatratzen und drei Kinderfahrradhelme zu viel. „Ich warte noch auf die Erlaubnis zum Weiterspenden. Ansonsten schicken wir das natürlich zurück.“ Geld nehme die Familie erst gar nicht an.

Das Foto zeigt Sofia am ersten Abend im Zelt am Angelteich bei Baumbach.
Das Foto zeigt Sofia am ersten Abend im Zelt am Angelteich bei Baumbach. © Enrico Wübbold

Die Hitze ist eine Herausforderung bei einer neuntägigen Radtour mit einer Sechsjährigen. Wie geht der Vater damit um? „Viele Pausen und viel Schatten. Sofia gibt das Tempo vor. Wenn sie Stopp sagt, ist auch Stopp“, sagt Enrico Wübbold. Und es gibt einen Notfallplan: Mehrere Helfer – darunter eine Bad Hersfelderin – bieten an, die beiden und ihre Räder jederzeit und überall mit einem Transporter aufzulesen. Wübbold hat sich die Kontakte ins Handy gespeichert, ebenso alle, die einen Platz zum Übernachten angeboten haben. „Es gibt Familien, die Sofia unbedingt kennenlernen wollen“, sagt der Vater.

Den ersten Abend verbringen der 51-Jährige und seine Tochter aber zu zweit im Zelt am Angelteich bei Baumbach. Eigentlich wollte das Duo bei der Auftakt-Etappe die Kreisgrenze nach Schwalm-Eder überqueren. Ein Schaden an Wübbolds Fahrrad – gegen 16 Uhr geht ein Kugellager kaputt – durchkreuzt den Plan. Aber alles halb so schlimm: Ersatz findet der Vater in den Untiefen seines Anhängers. Kurz bevor er den Gaskocher für die Fünf-Minuten-Terrine anfeuert zieht er ein erstes Fazit: „Sofia möchte gar nicht aufhören. Ich muss sie bremsen – sie macht mich platt.“ (Clemens Herwig)

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