Ladung soll sich von selbst entzündet haben

Vor 100 Jahren verwüstete eine Brandkatastrophe den Bahnhof in Bebra

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Skelette aus verbogenem Eisen: Drei Umladehallen und mindestens 161 Güterwagen fallen den Flammen zum Opfer.

Vor 100 Jahren verwüstete eine Brandkatastrophe den Bahnhof in Bebra - wir erinnern daran.

Bebra - Es ist ein herrlicher Sonntagnachmittag, viele Bebraner nutzen das sonnige Wetter, auf dem Sportplatz „Kuhrasen“ wird Fußball gespielt – dann wird es dunkel.

Riesenhafte Rauchsäulen türmen sich über dem Güterbahnhof, haushohe Stichflammen schießen in den Himmel und Explosionen erschüttern das Herz des Dorfes, das dank der Eisenbahn zur Stadt werden wird. Die Brandkatastrophe am 6. Juli 1919, der der Großteil des Güterbahnhofs zum Opfer fällt, ist „das größte Feuer, dass es in Bebra jemals gab“, sagt Stadtarchivar Peter Kehm.

Ausgangspunkt des Brandes sind die Umladehallen an der Otto-Kraffke-Straße, berichtet das Kreisblatt Rotenburg. Es ist Sonntag, es wird nicht gearbeitet und in den Lagern des Eisenbahnknotens Bebra türmen sich Güter aus Norddeutschland, Holland und Skandinavien. Möbel und Lebensmittel werden zum gefundenen Fressen für das Feuer, das am Nachmittag gegen 16.45 Uhr innerhalb von wenigen Minuten von Waggon zu Waggon springt. Bald steht die erste Umladehalle in Flammen.

Die Bahnhofsfeuerwehr – es sind Eisenbahner mit Lehrgang, keine Berufsbrandbekämpfer – ist machtlos. Zu heiß brennt das Feuer. Wassermangel und starke Windstöße erschweren die Löscharbeiten, also versucht die Bahnhofsfeuerwehr, die noch unversehrten Wagen in Sicherheit zu bringen. Einige der Wagen sind mit Munition und Benzinbehältern beladen, die unter ohrenbetäubendem Krachen explodieren. Der Güterbahnhof bietet eine „Szene des Schreckens“.

Auch die Häuser in der Nachbarschaft sind durch die entstehende Hitze in großer Gefahr. „Außer gesprungenen Fensterscheiben und angesengten Fensterrahmen sind aber keine Schäden zu beklagen“, schreibt Stadtarchivar Kehm in seinem Buch über die Geschichte des Bahnhofs. Bis 22 Uhr – mehr als fünf Stunden – wütet der Brand. Die Bilanz: Drei Umladehallen und mindestens 161 Güterwagen sind zerstört, viele elektrische Leitungen verbrannt. Die Eisenbahnschienen haben sich unter der enormen Hitze verbogen und müssen ersetzt werden. Der Schaden: 20 Millionen Mark.

Fast ebenso schnell wie die Flammen verbreiten sich die Gerüchte zur Brandursache. Die Spartakisten sollen verantwortlich sein – der Bund mit dem Ziel einer Revolution des Proletariats ist zu Beginn des Jahres in der Kommunistischen Partei Deutschlands KPD aufgegangen. Das ruft eine Reichswehreinheit aus Kassel auf den Plan. Auch die mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten können nächtliche Plünderungen am Bahnhof nicht völlig verhindern. Die Ermittler der Eisenbahndirektion haben vier junge Eisenbahner in Verdacht: Sie sollen an vier Orten Feuer gelegt haben.

Drei Tage nach dem Brand setzt die Staatsanwaltschaft der Gerüchteküche ein Ende und schließt Brandstiftung aus. Die Erklärung nun: Die Ladung eines Wagens aus Berlin soll sich in der sommerlichen Hitze selbst entzündet haben. Laut Frachtbrief hatte er 20 Ballons Wasserstoff-Superoxyd, eine Kanne Benzin und drei Faß Petroleum geladen.

Die Katastrophe hat Konsequenzen für den Brandschutz in Bebra: Löschteiche, Tiefbehälter und ein Spritzenhaus mit Schlauchturm werden gebaut. Und ein Lager für gefährliche Stoffe.

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